Ich bin glücklich!

Ich glaube, mein Urlaub hat mich glücklich gemacht. Ich habe jetzt seit einiger Zeit täglich immer wieder Glücksmomente, und das ist wunderbar.

Letzten Montag, also an meinem ersten Arbeitstag nach den 2 Wochen Urlaub, wurde mir klar, wie geil mein Job eigentlich ist. Ich bin selbstständig, aber für mich heißt das nicht, dass ich selbst und ständig arbeite. Ganz im Gegenteil. Selbst wenn ich gut ausgelastet bin, arbeite ich nicht mehr als 6 Stunden am Tag, und in der Regel sind es eher 4. Selbst mit 80 Stunden Arbeit in der Woche kann ich gut überleben – wobei man natürlich dazu sagen muss, dass zwar relativ hohe Lebenshaltungskosten habe (insbesondere Miete, Krankenversicherung und eine Art Rentenversicherung), aber mit Luxus nicht viel anfangen kann: Luxusklamotten, Luxusschmuck, Luxusautos etc. sind mir wirklich ziemlich schnuppe. Luxus ist für mich, Zeit für mich zu haben und mich gut zu fühlen. Mein Geld gebe ich zurzeit hauptsächlich für wenig aufwendige Lebensmittel, Sportartikel (Klamotten und Gewichte sowie Mitgliedschaften) und Bücher aus.

Aber das sollte kein Eintrag über meine finanziellen Ausgaben sein. Es geht darum, dass ich glücklich bin, und zwar weil ich genug Zeit für mich habe, ohne mich todzuarbeiten.

Und das übrigens, obwohl ich mein Antidepressivum (Venlafaxin) nahezu völlig abgesetzt habe (ich nehme noch 20 mg, eine normale Dosis liegt zwischen 75 und 150 mg).

Ich kann jeden Morgen ausschlafen, ich wache fast immer ohne Wecker auf – das allerdings je nach Qualität meines Schlafs schon um 5 oder 6 Uhr morgens. Die ersten zwei Stunden verbringe ich mit Kaffee und Mahjongg und Facebook und Nachrichten im Bett. Dann mache ich mich an die Arbeit, die ich aber in der Regel gegen Mittag unterbreche/abschließe, um Sport zu machen. Ich fühle mich gerade sehr angenehm fit: Ich bin gestern 13 km gejoggt und habe heute knapp 2 Stunden Les Mills-Ausdauertraining gemacht (BodyStep und BodyCombat). Natürlich mache ich weiterhin die Workouts von Caroline Girvan (Krafttraining, kann ich nur empfehlen, vor allem, weil es gut und kostenlos ist) und Yvette Bachmann (Cardio-Workouts). Nachmittags arbeite ich, aber allerspätestens um 18 Uhr mache ich Feierabend, und dann lege ich mich je nach den Wünschen meiner Katze mit einem Buch ins Bett oder auf die Couch. Meistens ist es das Bett. Dazu trinke ich ein Guinness, in Kombi mit der Portion Kratom kann ich mich super entspannen und mein Leben genießen.

Ich bin relativ gesund. Ich nehme zurzeit Mebeverin gegen meinen Reizdarm, das soll die Darmmuskulatur entspannen, und vielleicht hilft es ja. Auf jeden Fall leide ich im Moment nicht so sehr. Vielleicht haben aber auch meine Krämpfe eine Verwachsung gelöst/geöffnet, sodass es jetzt besser ist. Es ist auch erleichternd, nicht mehr mit Lebensmitteln zu experimentieren um herauszufinden, welches Nahrungsmittel jetzt der Bösewicht ist und meine Krämpfe und Blähungen verursacht. Ich esse immer noch eine ganz geringe Menge an verschiedenen Lebensmitteln, aber doch deutlich mehr als zuvor. Aber egal was, ich sehe meinen Reizdarm gerade entspannter. Wenn es Verwachsungen sind, kann ich nichts machen, also kann ich auch versuchen, mich gut zu fühlen. Meinen Diabetes habe ich seit der Reduktion des Antidepressivums wieder sehr gut in Griff. Meine Rosacea gehe ich zurzeit mit einem Antibiotikum in Minimaldosierung an, dass ich noch rumfliegen hatte, ich habe also zurzeit auch keine schmerzenden Pickel, weder im Gesicht noch anderswo. Meine Sehnenentzündung im rechten Oberschenkel wird langsam besser, ich kann ja schon seit einigen Monaten wieder laufen, und Sitzen geht mittlerweile auch fast immer, obwohl es hier und da noch ein wenig zwickt. Also, für eine Frau Mitte 50 geht es mir glaube ich ziemlich gut.

Die Sache mit meiner Mutter kann ich zurzeit in den Hintergrund drängen. Im Moment kann ich nichts machen, wie wir vorgehen, wenn wir die Gelegenheit haben, mit meinem Vater zu sprechen, habe ich mit meiner Schwester vorgestern besprochen. Ich würde meinen Vater gerne mehr oder weniger zwingen, mit uns zu sprechen, meine Schwester findet es besser, ihn zu bitten. Also machen wir das zuerst, und wenn das nicht wirkt,, können wir immer noch Forderungen stellen. Ich habe wenige Hoffnung, dass es zu einem erfolgreichen Gespräch kommt, aber so lange wir es nicht versuchen, kann sich auch nichts ändern.

Ich habe Alexa und Amazon Music für mich entdeckt und höre mir beim Arbeiten oder Entspannen interessante, für mich neue Musik an. Zurzeit läuft eine Playlist, die ich selbst zusammengestellt habe und die den Namen „Chilliges“ trägt. Gerade läuft „Seaside“ von Seb, kannte ich bis vor ein paar Wochen gar nicht, da ich auch nur im Auto Radio höre – und ich habe seit April kein Auto mehr. Ich höre jedoch auch Musik von Emotional Oranges, Bonobo, Troels Hammer, Dezza, Jean Baudin und so weiter. Alles Musik, die ich vorher nicht kannte. Und diese Musik bestimmt meine Stimmung, offensichtlich positiv.

Also, mir geht es gut :-). Auch mal einen Beitrag wert!

Narzisstische Demenzszenarien

Dass meine Mutter vermutlich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, habe ich schon häufiger erwähnt. Es gibt keine Diagnose, allerdings ist es auch sehr selten, dass Leute mit NPS überhaupt diagnostiziert werden. Wie bei meiner Mutter sehen sie nämlich kein Problem, bzw. wenn überhaupt sehen sie ein Problem bei ihren Mitmenschen und nicht bei sich selbst. So auch meine Mutter, sie hält sich tatsächlich für die einzige (psychisch, aber auch körperlich) Gesunde in unserer Familie. Die fehlende Diagnose ändert aber nichts daran, dass ich davon überzeugt bin, dass sie stimmt. Möglicherweise gemischt mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung, aber letztendlich ist das irrelevant. In diesem Video hier ist übrigens sehr anschaulich und vor allem unterhaltsam geschildert, was eine histrionische Persönlichkeitsstörung ist – mir war der Begriff vor ein paar Jahren noch nicht bekannt.

Meine Mutter wird demnächst 83 Jahre alt, und so ist es normal, dass sie auch ein wenig dement wird. Während sie sich 2018, als sie mich gemeinsam mit meinem Vater in Florida besucht hat, einfach schlecht Wege merken konnte, passiert es heute schon mal, dass sie nachts aufwacht und nicht mehr weiß, ob sie in Urlaub ist oder in ihrem eigenen Haus. Sie vergisst Vorhaben schnell, sodass es sein kann, dass man in ihr 10 Minuten 3 Mal erzählen muss, was wir heute Nachmittag unternehmen. Mein Vater hingegen ist geistig noch sehr fit, er sagt, er sei auch vergesslich, aber ich habe noch nichts davon gemerkt.

Meine Mutter ist auch paranoid. Auch wenn ich nicht verstehe, warum das so ist, scheint das mit Demenz einherzugehen. Seit Jahren schon erzählt sie, dass die Nachbarn ihr nachstellen, dass der Nachbar ein Spanner sei und dass Wertsachen aus dem Haus gestohlen würden. Angeblich steige der „Nachbarsjunge“ (er ist mittlerweile 30 und wohnt nicht mehr bei seinen Eltern) nachts in ihr Haus ein und beobachtet sie beim Schlafen. Das sind Geschichten, die locker 5 Jahre alt sind, die aber immer wieder wiederholt werden, als wäre es gestern passiert. Meine Eltern haben als Folge davon ihr Haus auf dem Lande von innen mit Metallbalken verbarrikadiert. Selbst mit Schlüssel ist es nicht möglich, von außen in das Haus zu gelangen, wenn sie die Metallbalken mit Metall-Hängeschloss aktiviert haben. Wenn ich kurz zu Besuch bin, kann es vorkommen, dass ich das Haus nicht verlassen kann, bis mein Vater mit einem Schlüssel einen der Balken öffnet. Ich halte das für eine potenzielle Gefahr!

Außerdem sieht meine Mutter schlecht und ihre Brille hilft ihr nur begrenzt, sie hört sehr schlecht und trägt ihr Hörgerät nicht, und nachdem sie bis vor 5 Jahren ständig Zahnprobleme hatte, hat sie seit etwa 10 Jahren chronische Blasenentzündungen. Die Ärzte sind ihrer Aussage nach alle gegen sie, sodass sie selten häufiger als 2 Mal zum selben Arzt geht, und mein Vater fährt sie geduldig bis nach Italien, um sie dort von irgendwelchen Spezialisten behandeln zu lassen, die aber wahlweise Frauenhasser sind oder sich gegen sie verbündet haben, sodass das auch von wenig Erfolg gekrönt ist. Darüber hinaus hat sie irgendeine unaussprechliche, aber schick klingende Lebererkrankung (völlig nebensächlich, da sie bei Einnahme ihrer Medikamente überhaupt keine Folge hat). Sie hat seit etwa 25 Jahren eine künstliche Hüfte, die langsam ihren Geist aufgibt, sodass sie wankend durch die Gegend stolpert. Ach so, und sie hat eine eingebildete Histaminintoleranz und einen zu kurzen Darm, was dazu führt, dass sie ständig furzt und unter Spontandurchfall leidet (teilweise wie ich mit meinem „Reizdarm“, da fühlt sie sich mit mir verbunden, nur dass all das, wenn wir darüber reden, mittlerweile wundersamer Weise verschwunden ist, bis es bei der nächsten Gelegenheit hervorgekramt wird um zu rechtfertigen, dass sie dieses oder jenes nicht tun kann).

Kurz, meine Mutter ist gesundheitlich eine Großbaustelle. Nicht dramatisch, für ihr Alter ist sie meiner Meinung nach relativ fit, vor allem wenn man mal die eingebildeten Krankheiten oder solche, die sich durch ganz einfache Mittel beheben ließen, abzieht. Von ihren Krankheiten erzählt sie gerne, wie das alte Leute eben tun, vor allem, wenn das dazu führt, dass sie im Mittelpunkt stehen kann und sie eine Vorzugsbehandlung genießt. Ein Beispiel: Sie muss immer sofort aufs Klo und kann nirgendwo warten. Wenn sie „muss“, wird jegliche Aktivität aller anderen angehalten, damit die Dame auf den Topf gehen kann. Wenn wir unterwegs sind, kann es vorkommen dass das ausgewählte Klo nicht „sauber genug ist“ (ich würde drauf gehen, wenn ich müsste), sodass man ewig (ich dachte, sie müsse so dringend?) Geschäfte und Restaurants abklappert, bis ein genehmes Klo gefunden wurde. Bei ihrem Besuch in den USA 2018 war das die Hölle. Oft mussten wir geplante Vorhaben absagen, immer aber verschieben, weil Madame pinkeln musste. Oder doch nicht pinkeln musste. Oder vielleicht doch pinkeln musste. Was weiß ich …

Gleichzeitig lässt meine Mutter aber keine Gelegenheit aus, zu erzählen, wie gesund sie doch sei. Sie prahlt regelrecht mit ihrem tollen Gesundheitszustand. Es ist schwer zu ertragen, wenn sie 3 Minuten zuvor von ihrer Blaseninfektion gejammert hat und darüber berichtet, wie die Praxismitarbeiter sich in ihrem Beisein über ihre Lebewerte lustig machen, die ja aber doch durch die unaussprechliche Lebererkrankung zu begründen sind.

Also, das war das erklärende Vorwort. Wer bis hier durchgehalten hat mit dem Lesen kriegt einen bunten Pusteblumenaufkleber von mir 😉

Vor 2 Wochen war ich bei meinen Eltern, weil meine Schwester und mein Neffe auch dort waren. Eigentlich wohnt meine Schwester weit weg, sodass ich Besuche bei meinen Eltern oft so plane, dass sie auch dort sind. Nach dem Kaffee gingen mein Vater, meine Schwester, ihr Sohn und ich zusammen spazieren. Meine Mutter blieb zu Hause, da sie sich nicht ganz wohl fühlte (wobei sie total gesund sei, wie sie kurz zuvor, nach Schilderung ihrer Verdauungsprobleme, beteuert hatte). Es ist selten, dass meine Eltern etwas getrennt voneinander unternehmen. Ich führe das auf die Eifersucht/den Neid meiner Mutter zurück. Sie erlaubt meinem Vater nicht, etwas alleine zu unternehmen, aus Angst, er könne fremdgehen/über sie reden, was auch immer … Mein Vater tut nichts davon, allerdings nahm er mich bei diesem Spaziergang tatsächlich doch zur Seite.

Er erzählte, dass meine Mutter angedeutet hatte, am bevorstehenden Ausflug zum Klassentreffen meines Vaters, der von Donnerstag bis Sonntag dauern sollte, nicht mitfahren zu wollen. Das sei blöd für die Planung (eigener PKW vs. Bahn, was mein Vater vorzug, meine Mutter aber nicht wollte, weil sie in der Bahn nicht aufs Klo gehen will), noch schlimmer aber sei es, dass er Angst hatte, meine Mutter würde alleine im Haus nicht zurechtkommen.

Er erzählte mir, wie schwierig es sei, alleine zum Wandern zu gehen oder seiner ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Tafel nachzukommen. Meine Mutter würde zwischendurch vergessen, wohin mein Vater gegangen ist, sodass sie ihn immer wieder anruft, um sich zu erkundigen, wann er zurückkommt, was sie einkaufen soll, ob er zum Kaffee wieder da ist und so weiter. Wenn sie ihn dann nicht erreicht, wird sie wütend, schickt ihm böse WhatsApp-Nachrichten und probt nach seiner Rückkehr den Aufstand, mit Beschuldigungen darüber, dass er fremdgeht, dass er nicht ehrlich zu ihr sei, dass er doch sagen solle, dass er sie nicht mehr in seinem Leben haben wolle etc. Außerdem, und das habe ich ja schon erzählt, hat sie Angst, dass der eine Nachbar, der so scharf auf sie sei, sie blöd anmachen würde (er ist 90 und verlässt das Haus kaum noch) und dass der „Nachbarsjunge“ einbricht, um zu spannen (habe ich ja schon erzählt). Mein Vater bat mich, ein Auge auf meine Mutter zu halten, telefonisch, und da ich so dankbar dafür war, dass er mich überhaupt um Hilfe bat, stimmte ich freudig und stolz zu.

Erst als ich wieder zu Hause war, wurde mir bewusst, dass das der erste Schritt hin zu einer Situation war, die ich eigentlich vermeiden wollte: Ich will meine Mutter nicht pflegen!!! Meine Mutter bereut, dass sie mich zur Welt gebracht hat, ich habe mein ganzes Leben unter der Erziehung und der Liebesunfähigkeit dieser Frau zu leiden gehabt, ich kann jetzt mein „Mittelalter“ nicht auch noch opfern!!! Ich telefonierte mit meiner Schwester am anderen Ende Deutschlands und wir einigten uns, erst mal abzuwarten. Noch war ja nicht klar, ob meine Mutter mit meinem Vater verreisen wollte oder nicht.

Nun, sie wollte es nicht. Sie blieb alleine zu Hause.

Mein Vater fuhr Donnerstag mit der Bahn zum Klassentreffen in Ostdeutschland, und es dauerte nicht lange, da fing meine Mutter an, mich wegen irgendwelcher Kleinigkeiten anzurufen. Am Donnerstag 5 Mal. Einmal hielt sie eine Fernbedienung in der Hand und wusste nicht, was es war, es gelang mir dann per Ferndiagnose herauszufinden, womit sie da herumdoktorte. Einmal leuchtete das Telefon angeblich immer auf, da kam ich zu keiner Lösung. Was alle Telefongespräche aber gemeinsam hatten war, dass sie sich nach kurzer Zeit um meinen ach so furchtbaren Vater drehten. Meine Mutter bespaßte mich mit 5-Minuten-Monologen über meinen böswilligen Vater, der keinen Humor verstehe, der sie klein wie ein Kind halte, sodass sie nicht mal wisse, wie man das Telefon bediene, der ihr fremdging und sich scheiden lassen wollte. (Alles Vermutungen.). Nach 5 Minuten am Telefon heulte meine Mutter. Ich ließ sie weinen, macht telefonisch Ei-tei-tei, biss mir auf die Zunge wenn mir danach war, meinen Vater zu verteidigen oder einfach nur an die Vernunft meiner Mutter zu appellieren, aber jedes zweite Mal beendete meine Mutter das Telefonat sauer, da sie meinte, ich würde zu meinem Vater halten und mit mir könne man sowieso nicht reden.

Freitag lief es so ähnlich ab. Samstag dann bekam ich kryptische WhatsApp-Nachrichten von meiner Mutter, die mir wirklich Angst machten. Ich konnte kaum verstehen, was sie wollte, aber sie schien Angst zu haben. Mich erinnerte das sehr an meine Panikattacken, also rief ich sie immer wieder an und versuchte, sie zu beruhigen. Samstagnachmittag bekam ich einen Hilferuf von meinem Vater. „Bitte hilf mir“, textete er, „ich glaube, Mutti dreht durch“.

Also rief ich ihn an, und wir telefonierten einen halbe Stunde, in der er mir aus dem Nähkästchen von den Problemen mit meiner Mutter erzählte. Konkret ging es ihm um die kryptischen, zum Teil sinnlosen, auf jeden Fall aber unverständlichen Nachrichten, die meine Mutter ihm geschickt hatte. Sie war wütend, traurig, hilflos, sie tobte. Die Nachrichten sahen aus, als kämen sie von einer geistesgestörten Legasthenikerin – beängstigend. Er fühlt sich von meiner Mutter unter Druck gesetzt, den Anschein der perfekten Frau/Ehe aufrechtzuerhalten. Niemand darf wissen, dass meine Mutter „vergesslich“ wird, deswegen werden alle Fehler überspielt und mein Vater nimmt – und das tut er ja schon seit Jahren – nach außen hin alle Schuld auf sich. Tatsächlich könnte man einen Nachmittag mit meinen Eltern verbringen und dann mit der Meinung gehen, dass alles in Ordnung sei, dass mein Vater ein wenig besserwisserisch ist, aber dass meine Mutter ihn gut im Griff hat. Darauf, dass meine Mutter irgendwie krank sein könnte, käme man nicht. Mein Vater tut alles dafür, dass der „schöne Schein“ aufrechterhalten wird, aber er steht dabei so sehr unter Druck, dass er immer wieder droht, zu „zerspringen“. Und das ist auch ganz konkret die Angst, die ich habe: dass mein Vater irgendwann zusammenbricht, da er nicht mehr kann. Er tut so viel für meine Mutter, und als Dank bekommt er dafür ausschließlich emotionale Tritte. Er lebt wie in einem Gefängnis. Er hat überhaupt keine Lust mehr, etwas zu unternehmen, denn egal, was er tut, er muss sich danach dem Verhör durch meine Mutter aussetzen und sich die übelsten Beschuldigungen anhören. „Ich mache nie wieder etwas alleine“, sagte er mir Sonntag am Telefon. Gleichzeitig wirft sie ihm aber auch vor, dass er zu viel Zeit im Haus verbringe und ihr nicht erlaube, Gartenarbeit zu machen oder einfach nur in der Küche zu kochen (ich befürchte, sie kann das einfach nicht mehr, und deshalb übernimmt dann mein Vater). Mein Vater reißt sich für eine Mutter ein Bein aus, und meine Mutter straft ihn dafür. Und ja, das ist auch krankhaft: Mein Vater könnte ja gehen. Aber aber er kann eben nicht.

Ich verbrachte den Samstag und Sonntag damit, immer wieder mit meiner Mutter zu telefonieren und sie bei Laune zu halten. Meinem Vater schickte ich positive WhatsApp-Nachrichten. Sonntagnachmittag kam mein Vater dann nach Hause und seither habe ich nur einmal kurz mit ihm telefoniert, es scheint alles in Ordnung zu sein.

Aber natürlich schicken sie weiterhin WhatsApps. So bekam ich vorgestern eine seltsame Nachricht von meiner Mutter, die mich fragte, warum ich ihr denn eine so komische Nachricht geschickt hätte. Da müsste ich aber doch wohl sehr müde gewesen sein. Sie lautete in etwa

„Ichhh mrdüde es isst schrklch weiß nicht mehr wnn“

Es war eine der vielen seltsamen Nachrichten, die sie während der Abwesenheit meines Vaters verschickt hatte. Es war keine Nachricht von mir, meine Mutter hatte sich vertan. Es war ihre eigene Nachricht vom letzten Samstag. Okay, kann ja mal vorkommen, meine Mutter ist nicht so technik-affin.

Ich erklärte meiner Mutter den Sachverhalt und sagte ihr, dass ich mir große Sorgen gemacht hätte. Aber meine Mutter zuckte nur virtuell mit den Schultern. Das sei doch lustig, meinte sie. Das würde sie meinem Vater zeigen. Und siehe da, 2 Minuten später bekam ich eine Nachricht von meine Vater, der bestätigte, dass Mutti und er viel gelacht hätten über diese seltsame Nachricht.

„Lass die Kirche mal im Dorf“, antwortete ich ohne jeglichen Smiley. Mein Vater log. Weil er wusste, dass meine Mutter seine Antwort lesen würde und weil er sich nicht traute, die Wahrheit zu sagen. Möglicherweise hatte meine Mutter ihn sogar aufgefordert, diese Nachricht zu tippen – bei sowas habe ich sie schon beobachtet. Diese und andere Nachrichten hatten dazu geführt, dass mein Vater mich Samstag um Hilfe gebeten hatte. Er hatte die Nachricht genauso besorgniserregend wie ich gefunden. Aber meiner Mutter gegenüber durfte er das ja nicht zugeben. Also spielte er wieder sein Spiel.

Er erwartet, dass alle mitspielen. Aber ich will das nicht mehr. Ich werde meinem Vater keine Knüppel zwischen die Beine werfen, das nicht, aber ich werde das Schauspiel meinerseits nicht mehr aufrechterhalten. Irgendwann bricht mein Vater unter diesem Druck zusammen, das ist tragisch genug, und dann bin ich die Doofe, die meine Mutter versorgen muss, meine Schwester ist ja viel zu weit weg und hat Familie. Und es gibt keinerlei Dokumentation dazu, dass meine Mutter irgendwie geistig nicht mehr ganz zurechnungsfähig ist. Ich würde keine Unterstützung von den Ämtern bekommen. Ich müsste meine Mutter alleine dazu zwingen, sich untersuchen zu lassen, und dass ist schwer, das sehe ich ja am Beispiel meines Vaters.

Mein Vater hat sich entschieden, bei seiner Frau zu bleiben – bis dass der Tod ihn scheidet. Das hat er so erklärt. Ehrenvoll. Dann soll er aber auch dafür sorgen, dass sie nach seinem Tod versorgt ist. Und das geht nicht, indem er sie beim Schauspiel der heilen Welt weiter unterstützt. Und wen ich ihn dabei unterstütze, mache ich mich nur genauso schuldig.

Meine Krämpfe – Subileus

Da dies ja hier tatsächlich auch mein Tagebuch ist, ist es für mich wichtig, diesen Vorfall festzuhalten. So kann ich später dann nachverfolgen, wann ich welche Art von Gesundheitsproblemen hatte. Die meisten Leser können sich jetzt hier also mit gutem Gewissen verabschieden, es wird nicht interessant sein.

Dass ich mit Reizdarm zu tun habe, ist ja hinreichend bekannt. Ich war in den letzten 12 Jahren (schätzungsweise) so wenig erfolgreich, dass ich mittlerweile dazu übergegangen war anzunehmen, dass der Reizdarm psychosomatisch bedingt ist. Deswegen war ich auch bei meinem Hausarzt, der mir, wenn ich Venlafaxin dann mal ganz abgesetzt habe (übernächste Woche) ein anderes Antidepressivum verschreiben wird, um die Schmerzen dadurch besser in den Griff zu bekommen.

Bis vor 5 Jahren hatte ich immer wieder furchtbare Krämpfe, die mich mit dem Notarzt ins Krankenhaus katapultierten. Das hörte schätzungsweise 2016 oder 2017 auf. Warum, kann ich nicht sagen. Auch gab es nie eine Diagnose, wobei ich immer vermutete, dass es aufgrund von Verwachsungen zu einem teilweisen Darmverschluss („Subileus“) kam. Das lässt sich aber diagnostisch nur durch Aufschneiden meines Bauchs bestätigen, was dann aber weitere Verwachsungen zur Folge hätte, sodass man so etwas nicht macht. Egal – die Krämpfe waren verschwunden und ich war dankbar dafür.

Ende letzten Jahres wurde mir die Gebärmutter entfernt. Ich hatte das in der Hoffnung machen lassen, dass mein „Reizdarm“ dadurch gemildert werden würde, aber diese Hoffnung konnte sich nicht bestätigen. Stattdessen, so vermute ich, habe ich mir neuen Ärger verschafft. Durch die OP im Dezember habe ich weitere Narben im Unterleib die zu neuen Verwachsungen geführt haben. Vor 6 Wochen hatte ich schon mal 2 Stunden schlimme Krämpfe, aber da es nur so kurz war, habe ich es schnell wieder vergessen. Freitag allerdings dauerten sie den ganzen Tag. Kürzer als sonst (dann sind es normalerweise 24 Stunden), aber eben doch ganz eindeutig „meine Krämpfe“.

Ich bin mir mittlerweile sicher, dass es ein zeitweiser Darmverschluss ist. Somit bin ich einen großen Schritt weiter als vor ca. 5 Jahren. Damals hatten wir die Diagnoseversuche mangels Krämpfen aufgegeben. Freitag lag ich hier im Bett und konnte fühlen, wie sich der Druck in meinem Bauch aufbaute, wie er immer unerträglicher würde („Vernichtungsschmerz“), bis mein Darm dann irgendwann leise gurgelnde Geräusche machte, wenn ein Teil des Speisebreis durchgelassen wurde.

Dieses Mal konnte ich auch anders als sonst die Schmerzposition feststellen. Früher tat mir einfach nur „der Bauch“ weh. Ein irrer Druck, der irgendwo in der Mitte seinen Ursprung hatte und zu Magenschmerzen, Blasenschmerzen und eben diesen Krämpfen führte. Dieses Mal war der Schmerz seitlich, links. Genau die Stelle, die mir während der Heilung nach der Operation im Dezember auch länger wehgetan hatte.

Heute (Montag) ist der erste Tag nach den Krämpfen, an dem ich mich einigermaßen normal fühle. Nach solchen Krämpfen habe ich meist gruselige Blähungen, vor allem aber tun mir meine Innereien so weh, als hätte jemand mit einem Baseballschläger von innen drauf geschlagen. Kann das Muskelkater von dem angestrengten Pressen der Darmmuskulatur sein? Vor allem in der Mitte meines Bauchs tut es mir weh, wahrscheinlich ist das die Blase. Früher dachte ich, es wäre die Gebärmutter, aber von der habe ich mich ja letztes Jahr verabschiedet.

Ich werde also jetzt wieder zum Arzt gehen und Untersuchungen und Therapieversuche mit dem „Wissen“ (das werde ich den Ärzten gegenüber behaupten) in Gang bringen, um diese Sache in Griff zu bekommen. Ein Darmverschluss ist gefährlich und kann tödlich ausgehen, wenn er operativ nicht behoben wird. Mein Vater hatte vor ca. 15 Jahren mal einen und wäre fast daran gestorben.

Leider weiß ich, dass es keine „Heilung“ gibt. Die Ärzte tun sich schwer, den Bauch aufzuschneiden und die Verwachsungen zu lösen, denn das führt, wie gesagt, zu neuen Verwachsungen. Tatsächlich hatte man anlässlich der Gebärmutter-OP im Dezember ja einige Verwachsungen gelöst. Wohl aber nicht die Wichtigen. Vielleicht war das auch genau falsch. Ich hoffe jedoch, dass es stärkere Medikamente gibt, die die Schmerzen bändigen, und vielleicht kann man jetzt auch einen anderen Weg gehen, um meinen „Reizdarm“ in Griff zu bekommen. Während ich letzte Woche noch davon überzeugt war, dass mein Reizdarm psychisch bedingt ist, weiß (!) ich heute, dass er eine Folge von Verwachsungen ist. Stockende Verdauung, wenn der Darm immer wieder mit Kraft versucht, den Speisebrei nach vorne zu bewegen. Das Stocken führt zur Entwicklung der falschen Bakterien, was für meine Blähungen verantwortlich ist. Nun, ich werde mich in die Hände meines Hausarztes begeben, dem ich vertraue, und schauen, was passiert.

Meinen Eltern gegenüber habe ich Samstag von meinen Krämpfen und meiner „Diagnose“ berichtet. Mein Vater hatte ja selbst schon mal einen Darmverschluss und weiß, wie sehr man darunter leidet, wie groß die Schmerzen sind. Meine Mutter glaubt ihm aber Gesundheitsprobleme generell nicht. Sein Herzflimmern hat sie letztes Jahr für eine Lüge gehalten. Er wolle nur auf sich aufmerksam machen. Wenn man Krankheiten selbst immer wieder zu diesem Zweck missbraucht, dann liegt es natürlich nahe, dass man dieses Verhalten auch bei anderen vermutet.

Meine Mutter schaute mich Samstag, nachdem ich davon erzählt hatte, ernst an, und meinte, ich solle mich mal entspannen. Das sei sicher „nur“ psychisch. Ich muss zu ihrer Verteidigung sagen, dass sie vielleicht aufgrund ihrer Schwerhörigkeit nicht mitbekommen hat, dass ich die Sache mit den Verwachsungen erklärt hatte. Als ich sie etwas kurz angebunden darauf hinwies, dass ich diese Vermutung zwar hatte, aber aufgrund des aktuellen Vorfalls nicht mehr teile, zuckte sie mit den Schultern. Ich solle mich entspannen, sagte sie. Ich guckte sie fragend an, denn ich wollte nicht glauben, was ich da hörte. Da erklärte sie: Ich solle das nicht so ernst nehmen, das sei sicher nichts, ich solle mich öfter mal entspannen.

Die ganze Familie (also mein Vater, meine Schwester und ich) saßen sprachlos am Tisch. Ich guckte reihum, in der Hoffnung, irgendwer würde etwas sagen und ihr die Schwere der Situation erklären, aber alle schwiegen sie. Und das war auch klug: Wer meiner narzisstischen Mutter widerspricht, bekommt emotionale Prügel. Ich habe das oft genug erlebt. Das ist genau der Punkt, an dem ein Problem eskaliert, und das hat oft genug schon dazu geführt, dass ich türenschlagend das Haus meiner Eltern verließ. Das wollte ich am Samstag nicht, denn meine Mutter lässt ihren Frust darüber dann an meinem Vater aus.

Letztendlich war es mein Fehler, ich hätte es besser wissen müssen. Es ist nicht erlaubt, meine Mutter mit irgendwas zu übertrumpfen. Man darf nicht gesünder als sie sein, man darf genauso wenig kränker als sie sein. Es ist paradox, wenn ich eine Krankheit erwähne, dann kontert sie immer entweder damit, dass sie nie krank sei (sie sucht ein bis zweimal pro Woche einen Arzt auf, wegen undefinierbarer Wehwehchen) oder dass man sich anstellt. Meine Schwester hatte mich am Samstag auf meine Hornhaut an den Füßen (durch das viele Laufen) angesprochen und mir einen Tipp gegeben, meine Mutter behauptete daraufhin, sie hätte nie Hornhaut und ihre Füße seien immer schön. Wenn einer von uns über Probleme mit Männern berichtet, sagt meine Mutter grundsätzlich, dass ihr das nie passiert sei, da sie immer sehr vorsichtig war. Andererseits aber berichtet sie, wenn es gerade passt, von den bösen Männern, die sie in ihrer Jugend (in den 40er Jahren) nur zum Sex benutzen wollten usw. Na, egal. Meine Mutter kann und weiß alles besser, und wenn man versucht, das mit Logik zu verstehen, scheitert man. Meine Mutter sagt immer das, was sie ihrer Meinung nach in einem besseren Licht dastehen lässt, egal, ob es dem widerspricht, was sie 2 Minuten vorher gesagt hat und völlig unabhängig davon, ob jeder im Raum die tatsächliche Wahrheit kennt. Aber das ist ein anderes Thema: Der Narzissmus meiner Mutter. Darüber habe ich auch schon oft genug geschrieben.

Freundschaften

Urlaub

Ich habe tatsächlich Urlaub. Ich – also meine Chefin – habe mir – also meinem Mitarbeiter – zwei Wochen Urlaub gewährt. Das ist eine Premiere. Einfach Urlaub, zwei Wochen Nichtstun, ohne dass ich irgendwelche Dinge dringend erledigen muss. Einfach Nichtstun ;-). Die erste Woche ist rum, und ich genieße es sehr! Das habe ich in den 18 Jahren meiner Selbstständigkeit noch nie – NIE! – getan.

Ich schlafe viel und gut, ich lese viel Interessantes, ich treibe viel Sport, und gerade habe ich mich kurz dazu hinreißen lassen, meinen „CV“, mein berufliches Portfolio zu überarbeiten. Es machte Spaß, Text und Layout mal etwas auffälliger, ungewöhnlicher zu gestalten, und ich glaube, dass ich damit in der Vergangenheit tatsächlich den einen oder anderen Kunden überzeugen konnte. Dann aber stellte ich fest, dass ich tatsächlich arbeitete, und das auch noch an einem Samstag, also hörte ich auf.

In meinem letzten Beitrag schrieb ich über all die Dinge, die in meinem Kopf herum spuken und die ich weiter „bearbeiten“ möchte. Das Wort „arbeiten“ stößt mir dabei übel auf, denn Petra nennt Selbstreflexion immer so, und ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass ihre „Arbeit“ nicht wirklich wirksam ist und sie sich nur hinter diesem großen Wort versteckt. Es ist eher Ablenkung.

Freundschaftssituation

Und da wären wir eigentlich direkt beim Thema, aber bevor ich weiter auf Petra eingehe, will ich noch ein paar allgemeinere Erkenntnisse loswerden.

Ich habe mich letztens mit meiner Schwester unterhalten und ihr gegenüber meine Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, dass ich Freundschaften verliere, da ich Leute zu schnell doof finde. Ich sehe das Vorbild meiner Mutter warnend vor mir, die sich wirklich für besser als alle anderen Menschen hält und jetzt deshalb wirklich völlig allein ist. So möchte ich nicht werden, aber vielleicht bin ich schon so?

Kurz und bündig gab meine Schwester zu bedenken, dass es völlig normal sei, dass man sich im Laufe der Zeit unter Freunden „entfremdet“, und dass ich das eventuell so krass empfinden würde, da ich nur so wenige Freunde habe. Sie nannte ein paar Beispiele aus ihrem Leben, und erklärte, dass sich das aber in ihrem größeren Bekanntenkreis relativieren würde. Erstens verbringt sie (gedanklich) nicht so viel Zeit mit einzelnen Personen, zweitens erwartet sie auch von einzelnen Personen nicht, dass sie alle ihre „Anforderungen“ erfüllen, und drittens fällt es ihr leichter, einzelne Menschen auch mal unbewusst auf „Freundschaft-Light“ zu schalten. Das sind alles Dinge, die bei mir nicht gehen. Ich habe schon beruflich bedingt keine Menschen um mich herum. Ich arbeite alleine und habe keine Kollegen. Darüber hinaus funktioniert mein Job ausschließlich online, das heißt, dass ich auch meine Auftraggeber niemals treffe. Also, ich lebe ein ganz anderes und viel isolierteres Leben als z. B. meine Schwester, die allein beruflich täglich um die hundert Menschen trifft.

Also, vielleicht bin ich doch nicht wie meine Mutter und finde alle blöd weil ich mich so narzisstisch toll finde, sondern vielleicht habe ich einfach zu wenig Menschen um mich herum? Mich hat das ein wenig beruhigt.

Petra ist nach wie vor meine engste Freundin, wobei der Kontakt in den letzten Wochen/Monaten abgenommen hat. Das liegt einerseits daran, dass sie sich diesen Hund angeschafft hat, der wie ein frisch geborenes Baby ständig um sie herum tollt, um den sie sich selbst bei intimsten Gesprächen kümmern muss, aber es liegt auch daran, dass ich mich wieder bemühe, alleine klar zu kommen und mein Glück nicht von einzelnen Menschen abhängig mache. Ich habe im letzten Jahr genügend Freundschaften den Bach runter gehen sehen, ich bin durch die plötzliche Hilflosigkeit anlässlich meiner Operation im letzten Herbst in eine kleine Depression gestürzt, das darf nicht noch mal passieren.

Ganz, ganz langsam erweitert sich mein Bekanntenkreis aber wieder. So habe ich eine Art Freundschaft mit Carina, der Frau, auf deren Katze ich im Juli aufgepasst habe. Ich mag sie sehr, aber ich bemühe mich, es sehr, sehr langsam anzugehen. Umso schöner ist es zu beobachte, wie sie ab und zu von selbst auf mich zukommt oder sich freut, wenn ich das tue. So soll es sein.

Wohnungssauberkeit anderer

Ich habe eine weitere Frau über das Catsitting kennen gelernt, Anja. Mittlerweile habe ich ihren Haustürschlüssel, um mich bei ihrer Abwesenheit um ihre Katze zu kümmern. Ich finde sie auch persönlich sehr nett, ich würde sie als äußerst engagierten Neu-Hippie beschreiben, interessant und lustig, allerdings törnt mich der Zustand ihrer Wohnung richtig heftig ab. Sie war jetzt zwei Mal über das Wochenende verreist, und ich hatte mir gedacht, dass ich mich zum Kennenlernen der Katze bei ihrer Abwesenheit einfach mit einem Buch auf die Couch lege und abwarte. Das kann ich gut, das Lesen. Und Katzen, insbesondere ältere, kann man nicht zwingen, auf eine neue Person zuzugehen. Abwarten ist also eh optimal. Als ich dann aber mit meinem Buch in ihre Wohnung kam, war es dort so schmuddelig, dass ich mich gar nicht wirklich auf ihre Couch setzen wollte. Anja raucht, also roch die Wohnung entsprechend, der Müll duftete in der Küche vor sich hin, die Teppiche waren voller undefinierbarer „Krümel“ (Katzenstreu, Essensreste, Straßenschmutz?), und selbst die Polstermöbel wirkten schmierig. Als ich die Katze, die mittlerweile zutraulicher geworden war, am zweiten Wochenende bespaßte, war die Wohnung noch dreckiger. Offensichtlich war in der Woche zuvor keinerlei Reinigungstätigkeit unternommen worden, der Papiermüll der Vorwoche lag immer noch wild auf dem Fußboden verteilt herum, und auch der Restmüll im Mini-Mülleimer stank, genau wie in der Woche zuvor, so fies vor sich hin, dass ich erneut erst einmal den Müll runterbringen musste, bevor ich mich frei durchatmend in der Wohnung aufhalten konnte. Und das tat ich dann auch nicht lange, nur so lange, wie die Katze mich für interessant hielt. Wie kann man so wohnen wollen?

Und so führte Anjas Wohnsituation dazu, dass ich erleichtert feststellen konnte, dass ich im Vergleich gar nicht so schmuddelig bin, wie ich immer dachte. Ich räume nicht gerne auf, ich putze auch nicht gerne, aber wenn ich Besuch bekomme, dann sind die Oberflächen sauber, die getragene Wäsche ist weggeräumt (und wenn einfach in eine weniger auffällige Ecke) und das benutzte Geschirr steht in der Spülmaschine. Ich wische nur alle Jubeljahre einmal Staub, die Fenster putze ich maximal einmal im Jahr, und die Fußböden werden alle paar Monate mal nach Bedarf feucht gewischt.

Petra

Meine Freundschaft zu Petra ist, wie gesagt, zurzeit nicht so eng. Gestern allerdings war sie hier bei mir, wir sind ein paar Stunden mit ihrem Hund in den Wald gegangen und haben dabei einen Zwischenstopp in einem Biergarten gemacht. Es war nett, aber nun auch nicht so überwältigend, dass ich es direkt wiederholen möchte. Petra betonte immer wieder, wie sie es nach Corona doch genießt, unter Menschen zu sein, ich kann das allerdings überhaupt nicht nachvollziehen. Mir haben Partys, Restaurant- und Cafébesuche nicht gefehlt, ich war eigentlich froh, dass ich nicht gebeten wurde, an solchen Aktivitäten teilzunehmen und eine gute Ausrede hatte, wenn ich dennoch gefragt wurde. Eigentlich war ich immer schon so, ich habe nur lange dagegen angekämpft. Es ist tatsächlich erleichternd, das nicht mehr zu tun. Ich bin ein Einzelkämpfer, ich muss mich nicht mehr bemühen, auf Veranstaltungen, die mir nicht gefallen, so zu tun, als hätte ich Spaß.

Petras Hund ist mittlerweile über ein halbes Jahr alt und geht mir mit dem Kopf bis auf Brusthöhe. Und er ist noch nicht ausgewachsen. Ein riesiges Kalb. Angeblich wiegt er um die 35 kg, mich würde es aber nicht wundern, wenn es 50 wären. Ich habe nicht gefragt, ob er mittlerweile stubenrein ist, aber die Tatsache, dass er nachts auf dem Balkon Pippi macht, lässt nichts Gutes erahnen. Zurzeit hat er auch Durchfall, was einen erneuten Arztbesuch erfordert. Und das, obwohl Petra arbeitslos ist, ihre Abfindung verprasst hat und sie bis auf Lottospielen nichts macht, um ihr Einkommen zu sichern. Das ist kein Quatsch, sie erzählt wirklich, dass sie Lotto spielt, um sich in Zukunft finanzieren zu können.

Mir war im Vorfeld zu unserem Treffen klar geworden, dass ich mich in Gesprächen mit Petra immer unterlegen fühle. Lange hielt ich sie für erfahrener und weltgewandter als mich selbst. Und das hat mich nicht gestört, wahrscheinlich fand ich das einfach auch gut. Vielleicht brauche ich das sogar, um Freundschaften aufrechtzuerhalten? Aber nach und nach, in dem Maße, in dem ich sie auch besser kennen lerne, wird mir klar, dass es nur ihr Tonfall ist, die Wahl ihrer Worte und die Tatsache, dass sie mich gar nicht zu Wort kommen lässt (!), die dazu führen, dass ich mich ihr gegenüber so viel weniger informiert, gebildet, engagiert, generell wissend fühle.

Ich hatte es ja oben schon erwähnt, und das Beispiel passt jetzt gut: Petra „arbeitet“ konstant an sich. Das ist übrigens schon das erste Beispiel für ihre Wortwahl, die dazu führt, dass man glaubt, sie wäre weltgewandter. Genau wie ich reflektiert sie viel, untersucht ihre Freundschaften zu anderen und analysiert das Verhalten ihrer Bekannten. Mir fällt dabei jedoch auch, dass sie immer wieder übergriffig wird: Sie versucht an Stellen zu helfen, an denen Menschen keine Hilfe wollen oder auch nicht davon profitieren. Gestern lief sie einer Dame mit Hund hinterher, deren Hund zuvor auf der Wiese ausgebüchst war, weil sie meinte, sie sei „so fertig“ gewesen und so wolle sie nicht damit allein lassen. Ich hatte das Gefühl, dass der Dame unsere Gesellschaft überhaupt nicht recht war, und sie rollte ihrem Partner gegenüber mit den Augen, als Piet vorschlug, eine Weile in dieselbe Richtung zu gehen. Als die Frau dann die erste beste Gelegenheit ergriff, sich mit ihrem Partner zu verabschieden war klar, dass sie unsere Gesellschaft nicht wollte. Karin und ihre Schwester hat sie mal in ein Vermittlungsgespräch verwickelt (da die beiden sich seit ihrer Kindheit streiten), dafür lobt sie sich immer wieder, ist jetzt aber etwas irritiert, dass die Vermittlung nicht zu dem Erfolg geführt hat, den sie sich gewünscht hätte. Petra mischt sich tief in die Beziehungen anderer zu sich selbst oder zu Freunden ein und lenkt sich und andere damit – so glaube ich – von ihren eigenen Problemen ab. Und die sind enorm: Dauerschmerzen, psychisches Trauma, Arbeitslosigkeit. Ich finde, da sollte sie mal etwas tun, für sich und nicht für andere.

Tatsächlich belegt sie immer wieder kostspielige Workshops, die ich meist für zu „unwissenschaftlich“ halte. Das heißt nicht, dass sie nicht helfen können, aber ich glaube, viele dieser Hilfen sind eher für Gesunde zur Lebensverbesserung gedacht und nicht zur Unterstützung traumatisierter Patienten. Das ist ein bisschen so, als würde man einen Beinbruch mit Nahrungsergänzungsmitteln heilen wollen. So hat sie vor kurzem eine Familienaufstellung gemacht und versucht jedem, der sich nicht schnell genug wehrt, ihren Therapeuten mit der dazugehörigen Familienaufstellung zu empfehlen. Ich finde Familienaufstellungen an sich nicht schlecht und werde sicherlich auch irgendwann eine machen, aber für mich ist es nur ein Add-on zu einer „richtigen“ Therapie. Eine Ergänzung, die zu Ergebnissen führt, die dann vielleicht auch therapeutisch betreut werden sollten. Die Familienaufstellung ist übrigens auch ein gutes Beispiel dafür, dass diese Hilfe für Petra nicht ausgereicht hat: Der Leiter hatte ihr damals zu verstehen gegeben, dass sie einigen Bereichen ihres Lebens übergriffig wird und sich in Dinge einmischt, die sich nichts angehen, aber diese Erkenntnis hat offensichtlich gar nichts gebracht, sie macht es ja weiterhin. Zurzeit vertieft sie sich in Body-Coding (was auch immer das ist), das ihr in telefonischen Sitzungen vermittelt werden soll.

Das Dumme ist, dass sie das Gefühl hat, dass sie viel unternimmt und vor allem, und hier wird es heikel, mir (und anderen) diese Vorgehensweise empfiehlt. Ich will das aber nicht, bzw. ich will das nicht als Erstes. So wie ich anderen leckere Pralinen empfehle, empfiehlt Petra Therapien. Ich möchte eine „richtige“ Therapie machen, und dann möchte ich mithilfe des Therapeuten gezielt „Add-ons“ auswählen (wie z. B. eine Familienaufstellung). Ich habe die Erfahrung gemacht, dass erfahrene Profis mir besser helfen können als Laien, die sich in dem Thema, mit dem sie selbst Probleme haben, weitergebildet haben. Meine amerikanische Therapeutin Louise war das beste Beispiel für eine gute Therapeutin, sie hatte Jahrzehnte Erfahrung mit traumatisierten Soldaten und zahlreiche Ausbildungen von renommierten Instituten. Olivia, die Therapeutin, zu der ich in der fernen Vergangenheit ganze 4 Jahre am Stück gegangen bin, hat mir überhaupt nicht helfen können – sie war eine weitergebildete Heilpraktikerin, die selbst Panikattacken hatte. Mir ist dabei durchaus bewusst, dass eine Ausbildung allein nicht garantiert, dass mir ein Therapeut hilft, aber ein fundierte Ausbildung und eine konstante, gut strukturierte Betreuungs- und Kontrollorganisation hinter dem Therapeuten wecken mein Vertrauen. Petras Familienaufstellungs-Therapeut zum Beispiel hat „nur“ Philosophie studiert. Ich glaube, dass solche Menschen mit stark traumatisierten Menschen überfordert sind und dann leider auch nicht auf die Hilfsstrukturen zurückgreifen können, um den Patienten dennoch zu unterstützen. Genau das habe ich Petra schon x Mal erklärt, und dennoch empfiehlt sie mir bei jedem Treffen, eine Familienaufstellung zu machen. So auch gestern wieder.

Was ich eigentlich erzählen wollte: In das Treffen gestern mit Petra bin ich mit dem Gefühl gegangen, dass ich ihr ebenbürtig bin. Ich wollte vermeiden, dass ich wieder das Gefühl bekomme, dass sie mir überlegen ist. Nebenbei bemerkt: Mir ist bewusst, dass sie das nicht absichtlich macht. Das ist einfach ihre Art. Sie sagt selbst, dass sie keinen großen Bildungshintergrund hat, und das ist wahrscheinlich ihre (erfolgreiche) Masche, gebildet rüberzukommen. Kompensatorisches Verhalten. Ich hingegen wirke erst mal schüchtern und möglicherweise sogar unwissend, aber eigentlich halte ich mich nur zurück.

Und in dieser Stimmung gestern habe ich ihr endlich (und zum ersten Mal) auch gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass sie ihre Baustellen überall mit Pflaster behandelt, aber das sie an die echten Traumata nicht herangeht. Und sie hat zumindest ein echtes Trauma das sie „bearbeiten“ muss, das haben ihre Tränen gestern auch erneut gezeigt. Ich habe den Eindruck, dass sie mithilfe ihrer „Add-ons“ viele ihrer Baustellen aufdeckt, vielleicht auch anspricht, aber nicht „bearbeitet“. Es ändert sich nichts.

Wir waren gestern mit ihrem Hund lange spazieren, und es war wie immer: Intensive Gespräche sind immer nur kurz möglich, denn der Hund erfordert ihre volle Aufmerksamkeit. Sie lässt ihn praktisch überall ohne Leine laufen (etwas, das ich verstehe, aber für nicht gut halte), und obwohl kein größerer „Unfall“ passiert ist, wurde doch deutlich, dass sie ihn nicht in Griff hat, wenn er leinenlos durch die Gegend stromert. Ich wundere mich immer, dass Hundebesitzer nicht darüber nachdenken, dass nicht jeder zufällig vorbeikommende Fußgänger von einem Hund beschnuppert werden will, geschweige denn von einem kindshohen Kalb. Da hilft auch nicht, dass der Besitzer „Der will nur spielen“ ruft. Mich stören diese leinenlose Hunde beim Laufen grundsätzlich mindestens einmal pro halbe Stunde. Als ich den Hund gestern einmal kurz (mit Leine) festhalten musste, während sie in ihrer Tasche kramte, zog er mich plötzlich so heftig nach vorne, dass ich fast hingefallen wäre. Da war ein anderer interessanter Hund vorbeigekommen. 40 kg (?) Muskeln haben Power! Nicht auszudenken was passiert, wenn der Riesenhund plötzlich etwas Jagbares wahrnimmt und Petra ihn nicht an der Leine hat. Petra glaubt, die Kontrolle über ihn zu haben. Aber erstens wissen das die anderen nicht, und zweitens hat sie sie, vor allem eben ohne Leine, im Zweifelsfall nicht. Es ist ein nur vermeintlich kontrolliertes Risiko.

Ich finde, ich bin ebenso „übergriffig“ wie Petra, nur behalte ich meine Übergriffigkeit für mich. Ich glaube nicht, dass sich meine Schwester ähnlich intensive Gedanken über ihre engen Freunde macht wie ich, oder? Macht Ihr das (Ihr Leser, die bis hierher gekommen seid?). Meint Ihr auch zu wissen, wie eine andere Person ihr Leben und ihre Psyche besser gestalten könnte?

Unstrukturiertes Gedankenchaos

Wenn ich häufiger hier schreiben würde, dann wären meine Gedanken und Gefühle nicht so durcheinander, unstrukturiert. Ich habe hier in der Vergangenheit hauptsächlich für mich geschrieben, denn das Aufschreiben strukturiert meine Gedanken, und damit verstehe ich dann auch meine Gefühle besser.

In letzter Zeit bin ich nicht dazu gekommen, und das hat mehrere Gründe. Zum einen habe ich viel zu tun, und wenn ich nicht arbeite, treibe ich Sport oder gammele vor mich hin. Ja, auch das Gammeln ist wichtig. Ich lese sehr viel und träume mich damit in eine andere Welt. Mir geht es einigermaßen gut dabei, aber ich merke, dass ich bestimmte Dinge damit einfach aufschiebe. Die Frage, wohin ich will, wie es mit mir weitergehen soll, emotional aber auch ganz praktisch, Florida oder Deutschland, ist weiterhin unbeantwortet.

Da es mir schwer fällt, meine Gedanken zu strukturieren und das Wichtige herauszupicken möchte ich hier einfach eine Liste der Dinge machen, über die ich nachdenken/schreiben will. Das wird für die meisten Leser langweilig sein, aber wie gesagt, es geht ja nicht um Euch, es geht um mich.

  1. Meine Gesundheit. Mein „Reizdarm“ belastet mich immer mehr und mir ist unterschwellig bewusst, dass ich gar nicht mehr allzu weit weg bin von einem Punkt, an dem ich so nicht mehr weiterleben möchte. Meinen Diabetes habe ich durch die Reduktion von Venlafaxin wieder einigermaßen in Griff, das ist also kein Thema mehr. Meine anderen körperlichen Baustellen gibt es nach wie vor, aber sie nehmen im Moment nicht so viel Raum ein. Der Reizdarm ist das, was mir das Leben wirklich vermiest.

  2. Kratom. Ich habe hier als „Notlösung“ darüber geschrieben. Ich halte es nach wie vor für ein wunderbares Kraut, das mir auch emotional das Leben bedeutend verschönert. Seit ein paar Monaten ist mir klar, dass ich wirklich abhängig von dem Zeug bin. Hauptsächlich psychisch. Es hilft mir gegen so vieles, und bis auf Verstopfung, wenn ich es übertreibe, merke ich keine besonderen Nebenwirkungen, wobei die Verstopfung in meinem Fall (Reizdarm) ja manchmal sogar gewollt ist. Mich stört jedoch, dass ich regelmäßig eine Substanz zu mir nehme. Ich bin auch körperlich abhängig, wobei die Auswirkungen davon minimal sind und ich einen Entzug wahrscheinlich mit leichten Erkältungserscheinungen innerhalb von einer Woche hinter mir hätte. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass ich nicht will.

  3. Meine Freundschaften. Das ist ein ganz großes Thema. Ich meine damit Freundschaften zu Männern und Frauen, aber auch Liebesbeziehungen. Ich bin zurzeit wieder an einem Punkt, an dem ich eigentlich niemanden in meinem Leben habe. Petra hat sich still und leise von mir entfremdet. Möglicherweise liegt das gar nicht an mir, sie hat sich ja einen Hund angeschafft und ist damit mehr als ausgelastet. Aber natürlich beziehe ich die „Stille“ ihrerseits auch als Kritik an meiner Person. Unser letztes längeres Gespräch endete mit ihrem Satz, schnell noch nachgeschoben: „Ich wünschte, du würdest eine Familienaufstellung machen!“. Das ist jetzt wahrscheinlich auch schon wieder drei oder vier Wochen her. Ich fand das übergriffig. Ich fände eine Familienaufstellung interessant, aber sie steht nicht besonders weit oben auf meiner Liste. Mir ist jedoch bewusst, dass ich irgendeine Form von therapeutischer Hilfe benötige. Ich hatte mich nach diesem Telefongespräch zunächst irre über Petra aufgeregt, denn sie ist immer und bei allen so übergriffig, tut dabei aber so, als hätte sie ihr Leben vollständig in Griff. Nun, alles andere als das… Aber das habe ich hier schon beschrieben. Erst letztens ist mir aufgefallen, dass das vielleicht auch ein Grund sein könnte warum sie sich von mir distanziert hat: Ich nehme ihre Ratschläge nicht an. Sie hatte mir früher schon einmal erzählt, wie sie das bei einer anderen Freundin gestört hätte.

    Neben Petra gibt es natürlich noch andere (entfernte/entfremdete) Menschen in meinem Leben. Von Karin höre ich alle Nasen lang mal was, wenn sie gerade in der Stadt ist und Bock hat, spontan (innerhalb von 20 Minuten) etwas zu unternehmen. Ich habe sie bisher immer abgewimmelt. Ihr „Dann bring dich doch um…“ kann ich ihr nicht verzeihen. Oder vielleicht kann ich mir nicht verzeihen, dass ich mich darauf verlassen habe, dass sie eine Freundin ist.
    Ich habe irgendwo letztens über die hystrionische Persönlichkeitsstörung gelesen. Gerade eben habe ich mir die Beschreibung davon noch mal durchgelesen, und die Eigenschaften treffen eher auf meine Mutter als auf mich zu. Aber das ist ja eh nur die Theorie, die Wirklichkeit ist ja meist nicht ganz so schwarz-weiß. Was auf mich zutrifft ist die Tatsache, dass ich oft übertreibe mit den Geschichten, die ich erzähle, um im Mittelpunkt zu stehen, um krasser zu wirken, um mich eher als Opfer dastehen zu lassen. Aber das macht wahrscheinlich jeder bis zu einem gewissen Grad. Eines der Merkmale ließ mich jedoch aufhorchen: Hystrioniker neigen dazu, Freundschaften zu viel Wert beizumessen. Und das war bei mir und Karin auf jeden Fall so. Ich habe wirklich gedacht (gehofft?), sie sei meine beste Freundin. Insgeheim (!) wusste ich aber, dass sie mich so nicht sieht. Eigentlich als hätte ihr „Dann bring dich doch um!“ mich überhaupt nicht so überraschen dürfen. Und das wusste ich damals schon. Meine Reaktion darauf war also auch übertrieben. Das war mir die ganze Zeit bewusst! Ich habe es im gewissen Sinn genossen, so scheiße behandelt zu werden, da mir das einen Grund gab, mich über sie aufzuregen und als Opfer dazustehen.

    Ich habe im Juli auf eine Katze einer fremden Frau aufgepasst. Sie musste kurzfristig nach einer OP in Reha und brauchte von jetzt auf gleich für die folgenden drei Wochen einen Catsitter und hatte das auf Facebook annonciert. Carina war mir von Anfang an sehr sympathisch, was sich noch vertiefte, als sich herausstellte, dass ihre Katze todkrank war. In der letzten Woche des Catsittings fuhr ich täglich zweimal mit der Katze zum Tierarzt, wo er eine Art Dialyse durchführte. Die Katze hat Nierenversagen und eine schlimme Bauchspeicheldrüsenentzündung, und das nicht erst seit gestern. Sie ist also dem Tode geweiht, ich hatte zwischendurch gedacht, sie stirbt mir weg. So stand ich eng mit Carina in Reha in Kontakt, und das hat sich zu einer Art Freundschaft entwickelt. Aber jetzt kommt der Haken: Ich möchte sie als Freundin haben, da ich sie wirklich mag. Möglicherweise auch, weil ich sonst keinen habe (!). Aber ich möchte nicht erneut den Fehler machen, den ich den Vergangenheit so häufig gemacht habe: Ich habe Menschen, die ich als Freunde haben wollte, regelrecht den Hof gemacht. Kirsten und Barbara sind gute Beispiele dafür. Für beide habe ich mir echt ein Bein ausgerissen. Ich bin zum Schluss gekommen, dass das ungesund ist. Es gibt diesen Menschen mir gegenüber eine überlegene Position. Wenn ich mich so um sie bemühe, um sie für mich zu gewinnen, stelle ich sie im Anschluss auf ein Podest und lasse mir viel zu viel von ihnen gefallen. Es ist ein bisschen so wie mit Artikeln, die sehr teuer sind: Wenn man sie dennoch kauft, dann sind sie etwas ganz Besonderes und werden anders behandelt als Alltagsgegenstände. Im Zwischenmenschlichen ist es sogar so, dass ich sie besser behandele als mich selbst. Das ist ungesund. Deutlich. Also, was Carina anbelangt, muss ich schauen, wie es weitergeht, ohne dass ich meine alten Fehler wiederhole.

  4. Männer. Ich bin jetzt seit Ende 2019 männerlos. Wirklich Single. Ich hatte seitdem keinen Sex, ich habe mit keinem Mann geflirtet. Das ist neu für mich. Seit meiner Scheidung (und damit eigentlich, seitdem ich meinem Ex-Mann das erste Mal begegnet bin, also etwa 1988, und wenn ich ehrlich bin, auch schon vorher) hatte ich immer einen Mann in meinem Leben, dem ich mehr unglücklich als glücklich nachjagte. Das sind locker 25 Jahre. 25 Jahre, in denen sich meine Gedanken immer um irgendeinen Mann drehten. Wenn ich drüber nachdenke wird mir bewusst, wie anders mein Leben jetzt ist. Wie viel mehr Zeit ich für mich selbst und meine eigenen Gedanken habe. Das ist gut, das hätte ich sicherlich schon viel früher machen sollen. Aber ich schien darüber keine Kontrolle zu haben, ich brauchte Männer wie Luft zum Atmen. Mir geht es so viel besser!

    Ich habe somit auch seit Ende 2019 keinen Sex mehr. Auch das ist neu. Bis zum Ende meiner Ehe war ich kein wirklich sexueller Mensch, aber nach der Scheidung und mit dem Kennenlernen von Andreas ging es ja wirklich ab in meinem Sexleben. Selbst wenn ich keine Beziehung hatte, hatte ich Sex mit irgendwelchen Männern. Manchmal habe ich sie mir einfach nur so, aus einem Portal für Sexkontakte, zur Abendunterhaltung nach Hause bestellt. Das war aufregend, und ich bereue das auch überhaupt nicht. Ich habe wirklich fesselnde, befriedigende Momente mit vielen dieser Männer erlebt. Aber ich könnte mir heute nicht vorstellen, mir einen Mann für einen Abend zu bestellen. Viel zu aufwendig ;-).
    Dennoch fehlt mir der Sex. Und das ist eine sehr zweischneidige Sache. Auf der einen Sache habe ich überhaupt kein Interesse daran, alleine irgendwas zu machen, also zu masturbieren. Mein letzter Orgasmus ist Monate her, und es fehlt mir auch gar nicht. Ich nehme an, dass das zumindest teilweise mit den Wechseljahren und den Hormonen zu tun hat. Dieser Zustand hält schon einige Jahr an und war auch ein Grund, den ich Jürgen genannt habe, als ich mich von ihm getrennt habe. Andererseits kommt meine Lust aber schnell wieder, wenn ich Aussicht auf Sex habe. So habe ich mit Scotty zum Beispiel viel Lust empfunden, und ich hatte ja tatsächlich den besten Sex meines Lebens mit ihm. So peinlich mir der Mann auch ist.

    Das Sex nicht völllig aus meinem Leben verschwunden ist zeigt sich daran, dass ich sehr häufig davon träume. Zweimal die Woche ist die Regel, und meine beiden letzten Tagebucheinträge erzählen ja auch davon. Auch letzte Nacht habe ich wieder von Sex geträumt. Meistens sind es schöne Träume. Sehr oft erinnere ich mich auch nach dem Aufwachen noch daran, wie sich sein Schwanz in mir angefühlt hat. Ich muss sagen, das vermisse ich wirklich. Ich ertappe mich immer häufiger bei dem Gedanken, mich doch irgendwie (aber wie?) auf die Suche nach einem Mann zu machen. Meine letzten Versuche (online) waren jedoch so abtörnend, dass ich das wohl so schnell nicht mehr machen werde. Ich muss irgendwo im Real Life Männer kennen lernen. Aber das hat keine große Eile.

    Scotty ist mir in den letzten Wochen häufiger in den Sinn gekommen. Ich hatte es hier ja schon mal zugegeben, ich gehe ab und zu auf seine Instagram-Seite und schaue, was er da so macht. Mich interessiert die Gesundheit seiner Mutter und seiner Oma (83 und 107!), die ich beide sehr mochte. Es gibt jedoch auch ein dunkles Interesse daran, irgendeine Sensation zu finden. Und so fand ich vor etwa 4 Wochen heraus, dass er tatsächlich wieder eine Frau datet. Und das hat seltsame Gefühle in mir ausgelöst: Keine Eifersucht, und das habe ich nicht erwartet. Ich freue mich eher für ihn, fühle so etwas wie Zuneigung für ihn und hoffe, dass er glücklich mit ihr wird. Nein, ich erzähle das nicht nur, um nett zu klingen, ich fühle tatsächlich so. Seltsam. Allerdings ist da trotzdem so eine Art Sensationslust. Diese Frau, nennen wir sie Katie, ist mir äußerlich sehr ähnlich, allerdings ist sie 13 Jahre jünger als ich (das weiß ich, weil ich ihr Instagram-Profil gestalkt habe) und damit 21 Jahre jünger als Scotty. Sie hat lange blonde Haare und ist ausgesprochen sportlich. Ich nehme an, er hat sie beim Kiten kennen gelernt. Sie fahren viel OneWheel zusammen, das Ding, auf dem ich mir im Dezember 2019 einen Muskelabriss zugezogen habe, der mir immer noch Schmerzen bereitet. Sie ist offensichtlich recht erfolgreich selbstständig und hat studiert. Und natürlich frage ich mich, warum eine Frau wie Katie mit so einem eher unterbelichteten Kerl wie Scotty zusammen ist. Dabei fällt natürlich auf, dass ich hier eigentlich mich selbst frage, Katie könnte mir schnurzegal sein. Ist sie gerade einsam? Scotty hat einen sehr einfachen Charme, und die Tatsache, dass er keine Spielchen spielt, spricht deutlich für ihn. Er war auch für mich eine Weile regelrecht erfrischend. Aber seine Schwurbelei!?!

    Warum ist Katie nach mindestens 4 Wochen noch mit Scotty zusammen? Warum schreckt sie die Schwurbelei nicht ab? Hat sie das volle Ausmaß noch nicht erfasst? Hat Scotty vielleicht noch nicht mit der Sprache rausgerückt und ihr noch nicht erklärt, dass die flache Erde mit einer gläsernen Glocke bedeckt ist, dem Firmament? Hat er ihr noch nicht von seinen mich wirklich nervenden paranoiden Ängsten erzählt? Dass die Welt noch zu seinen Lebzeiten untergehen wird, dass die Menschheit um 97 % reduziert werde soll (Corona ist da sicher ein erster Schritt), damit die Reichen und Einflussreichen Raum haben, hier gut zu leben? Dass sie sich seinem Glauben (Adventist) anschließen muss, um mit ihm von Jesus gerettet zu werden? Oder ist sie eventuell sogar genauso drauf wie er und stimmt ihm zu? Die Wahrheit ist wahrscheinlich irgendwo dazwischen, ich vermute, dass sie seine Aussagen (jetzt noch) verdrängt und glaubt, damit leben zu können. Aber ich weiß natürlich gar nichts, ich sehe nur ihre beiden Gesichter und reime mir da was zusammen. Alle paar Tage besuche ich sein Instagram-Profil und schaue, ob er Katie weiterhin erwähnt. Nun ja, da bin ich sensationslüstern, eindeutig. Unterhaltsam.

Also, das sind fünf Punkte, über die ich jetzt schon detaillierter geschrieben habe, als ich es eigentlich vorhatte. Davon werde ich mir wahrscheinlich in den nächsten Tagen den Punkt „Freundschaft“ herauspicken und mehr dazu schreiben. Ich bin auffällig „allein“ zurzeit. Ich fühle mich nicht einsam, aber ich habe wirklich überhaupt keine Freunde und tausche mich auch mit niemandem aus. Das ist einerseits befreiend – ich brauche niemanden! –, aber es ist auch beängstigend. Als ich letzten September ins Krankenhaus musste ist mir sehr schmerzhaft bewusst geworden, dass ich alleine nicht klarkomme, eben weil die Gesellschaft es so bestimmt hat. Für bestimmte Dinge braucht man Freunde. Die Tatsache, dass das Krankenhaus im letzten Jahr verlangte, dass mich ein Freund/Bekannter (und kein Taxifahrer!) aus dem Krankenhaus abholt und die nächsten 24 Stunden auf mich aufpasst (was natürlich so nicht stattgefunden hat), hat mich damals in eine schlimme Krise geschubst. Damals hatte mir ja Petra geholfen. Irgendwer würde sich auch jetzt wieder finden, aber das ändert nichts an dem Gefühl, dass mir diese Hilflosigkeit verschaffen würde.

So. Das waren meine umfangreichen Gedanken zum Samstag. Ich werde jetzt einkaufen gehen, meinen Sport absolvieren (wahrscheinlich ein 60-Minuten-Workout von Yvette Bachman) und mich dann mit einer guten Portion Kratom mit meinem Kater und einem guten Buch auf der Couch entspannen. Morgen werde ich wieder 10 km laufen. Ja, es geht wieder (nach dem Muskelabriss und der einjährigen Pause)! Jetzt strebe ich also tatsächlich doch einen Halbmarathon an. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich das dieses Jahr schaffen würde, aber das wird wohl nicht mehr klappen.

Ich habe ein arbeitsfreies Wochenende (obwohl ich viel zu tun habe), ohne jeglichen Pläne, ohne Menschen zu treffen, und ich finde das ausgesprochen gut. Zurzeit geht es mir, trotz Reduktion von Venlafaxin auf 37,5 mg, gut.

Traumhafter Sex mit Mike :-)

Ich nehme jetzt seit etwa 6 Monaten das Antidepressivum Venlafaxin. Ich habe es ja früher schon einmal genommen, aber dieses Mal spüre ich die Nebenwirkungen stärker. Auf die intensiveren Träume komme ich gleich zu sprechen, und das ist wunderbar. Was mich aber gerade richtig nervt und der Grund dafür ist, dass ich Venlafaxin wieder ausschleichen lasse ist die Tatsache, dass ich damit extrem viel schwitze. Und das hat nichts mit der Hitze draußen oder der Luftfeuchtigkeit zu tun, ich habe mir extra dafür ein Thermometer gekauft. Es ist Venlafaxin. Oder die Wechseljahre. Oder beides.

Das Schwitzen tritt auf, wenn ich mich ein wenig anstrenge oder emotional in Stress gerate. Es kann also sein, dass ich aus der dritten Etage runter zum Briefkasten laufe, kurz mit dem Postboten spreche und bei Ankunft in meiner Wohnung 90 Sekunden später völlig durchgeschwitzt bin. So durchgeschwitzt, dass ich lieber ein neues T-Shirt anziehe, denn der nasse Rücken juckt, wenn ich mich danach länger an etwas anlehne, zum Beispiel um auf der Couch zu arbeiten. Wenn ich richtig Sport treibe, ist es noch schlimmer. Ich bin nicht nur bis auf die Unterhose nass, Klamotten kann man wechseln, auch meine mittlerweile fast hüftlangen Haare sind so nass, als hätte ich sie mir gerade gewaschen. Klitschnass. Das ist einfach nervig. Es passiert 2 bis 3 Mal täglich, wenn ich keinen Sport treibe, und wenn ich Sport mache, dann dauert es nachher extrem lange, bis das Schwitzen wieder aufhört. Also: Ein Grund zu versuchen, mit weniger Venlafaxin auszukommen. Ich habe jetzt eine Mini-Tablette aus der Kapsel mit insgesamt 6 Mini-Tabletten genommen (insgesamt 75 mg) und werde nach einer Woche, wenn es nicht besser wird mit dem Schwitzen, eine weitere Tablette rausnehmen, und das so lange wiederholen, bis es passt.

Eine andere Nebenwirkung von Venlafaxin sind, wie gesagt, die intensiven Träume. Ich glaube dadurch, dass ich das Medikament ausschleiche, werden auch die Nebenwirkungen wieder heftiger. Ich habe in den letzten Tagen die unglaublichsten Träume gehabt. Über den mit Rick habe ich ja letzte Woche erzählt, der war nicht so schön. Vorgestern habe ich von Mike, dem Dorfpolizisten geträumt, und letzte Nacht lebte ich in einer anderen Welt (?), da die alte zugrunde gegangen war, mit neuen Regeln. Man arbeitete freiwillig in einer Art Steinbrüchen, und die Währung waren wunderhübsche farbige, durchsichtige Steine in verschiedenen Größen und Formen. Ich musste mich erst noch in die neue Lebensweise einfinden, es war aber alles eher interessant als unangenehm. Als ich aufwachte, befand ich mich gerade im Bus zu einem Vortrag, der in einer neuen, mir unbekannten Sprache gehalten werden würde.

Ich habe mir überlegt, ob ich diese Traumfragmente (denn mehr ist es meist nicht) nicht verwenden kann, um Geschichten daraus zu schreiben. Science-Fiction mit einem Touch Fantasy.

Aber nun zum eigentlichen Thema, über das ich sprechen wollte: Mein Traum von und mit Mike.

Wie das mit Träumen so ist, habe ich den ganz großen Teil und die Logik dahinter schon wieder vergessen – falls es überhaupt eine Logik gab. Ich erinnere mich jedoch, dass ich gemeinsam mit ihm und noch ein paar anderen Menschen in einer Art Übergangsgefängnis war, weil Mike die Gesetze der mafia-haften Regierung übertreten hatte. Was er gemacht hatte, weiß ich nicht mehr, in meinen Augen war es nichts Schlimmes, aber ich wusste, dass auf dieses Vergehen die Todesstrafe galt.

Mike und ich hatten in der Realität immer ein zweischneidiges Verhältnis. Er hatte immer mit mir geflirtet, aber es ist nie etwas passiert. Ab und zu hatte mich das regelrecht hibbelig gemacht. Seitdem ich mit Scotty zusammen war, ist die Freundschaft aber distanzierter geworden. Warum, weiß ich nicht. War Mike tatsächlich enttäuscht, dass ich mich nach Ted nicht für ihn entschieden habe? Fand er Scotty so abartig? Oder hat das gar nichts mit mir zu tun? Keine Ahnung. Tatsache ist, dass die langen, intensiven, flirtigen Gespräche aufgehört haben. Ich vermisse das sehr. Das letzte Mal, dass ich mit Mike gechattet habe, war wahrscheinlich sogar Mitte 2020, und das war auch nur ein oberflächlicher Austausch von Nettigkeiten. Es ist also sicherlich ein Jahr her. Ich erzähle das, weil es mich so verwundert, dass mir mein Unterbewusstsein plötzlich Mike in meine Träume zaubert, und auch noch so intenisv!

Da Mike also die Todesstrafe drohte, rückten wir, er und ich, auch emotional näher zusammen. Ich ging davon aus, dass Mike nicht getötet werden würde, da ich irgendeine geheime Information hatte, mit der ich würde verhandeln können, aber dennoch bestand die Gefahr und so kam es, dass Mike und ich uns näher kamen.

Leider (!) erinnere ich mich nicht mehr an alle Details. Ich weiß, dass wir in einer Gefängniszelle waren, mit rohem Betonboden und Gittern an einer Wand. Die anderen waren nebenan um die Ecke, sodass wir etwas Privatsphäre hatten. Und so nutzten wir die Gelegenheit für Sex. Ich erinnere mich nicht an einen ersten Kuss oder so etwas, aber ich erinnere mich extrem intensiv an den Moment, in dem er in mich eindrang.

Ja. Ich kann mich körperlich und in Gedanken daran erinnern, wie es war, als er mit seinem überdurchschnittlich großen Schwanz extrem langsam in mich eindrang und dort blieb. Er tat gar nichts, sondern er schaute mir einfach intensiv in die Augen und ließ mich das Gefühl genießen. Und wie ich das genoss. Ich weiß nicht, was Männer spüren, aber ich als Frau fühle mich, als würde er eine sonst sicher verschlossene emotionale Türe in mir öffnen. Mein Herz geht buchstäblich auf, und von dort aus verbreitet sich schmetterlingshaft flatternd ein riesiges Glücksgefühl, das unten in meinem Bauch seinen Mittelpunkt findet. Es ist kein Orgasmus, aber es ist fast genauso gut. Nach einer kurzen Weile verblasst das Gefühl, es lässt sich aber wiederholen, wenn er extrem langsam aus mir herausgleitet und mich dann ein zweites Mal öffnet. Oder ein drittes Mal.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Mike sich in mir bewegt hätte. Aber ich kann mich an dieses extrem lang anhaltende Glücksgefühl erinnern. Daran, dass Mike und ich einfach dalagen und uns in die Augen schauten. Und mit diesem Gefühl wachte ich vorgestern auf.

Ein irres Gefühl. Voller Glück und Befriedigung. Aber auch voller Fragen. Warum träume ich so etwas von Mike?

Als erstes versuchte ich, Mike in meinem Facebook Messenger zu finden. Aber erfolglos. Ich schaute sogar im Spam-Ordner nach, für den Fall, dass ich ihn irgendwann einmal blockiert hätte, aber ohne Ergebnis. Wie kann das sein? Nachrichten werden doch normalerweise nicht gelöscht, wenn ein Mitglied Facebook verlässt? Schade!

Mike war mir vorgestern Morgen durch diesen Traum so nah, dass ich ihn einfach kontaktieren musste. Ich bin seit diesem Traum nahezu verknallt in Mike. Also sendete ich ihm eine SMS, und oh Wunder, er antwortete sofort und freute sich darüber, dass ich mich gemeldet hatte. Ich konnte ihn überreden, WhatsApp zu installieren, und seitdem chatten wir darüber.

Was ich mir davon erhofft hatte? Nun, natürlich eine Erwiderung meiner Gefühle. Weiteres Flirten von ihm, sich gegenseitiges Aufheizen. Oder einfach nur Interesse.

Aber Mike reagierte seltsam. Obwohl er genau verstanden haben muss, dass ich von Sex mit ihm geträumt habe (das habe ich nicht in Worten gesagt, aber irgendwo sprach ich von den „juicy details“ die ich ihm nicht per Chat erzählen könne, sondern nur dann, wenn wir eine bestimmte Beziehung zueinander hätten), Mike fragte nicht nach. Eigentlich ist er extrem neugierig und bohrt bei Andeutungen so lange nach, bis ich etwas verrate, aber dieses Mal nicht. Er akzeptierte einfach, was ich sagte, und wechselte das Thema.

Ich versuchte mehrfach, seine Neugierde zu wecken, aber erfolglos. Irgendwann gestern Nachmittag gab ich mich damit zufrieden. Wenn ich es weiter versuchen würde, würde ich mich lächerlich machen. Mike will nicht. Er wird schon auf mich zukommen, wenn er es für richtig hält. Er weiß jetzt, dass ich den Kontakt, auch intensiver, möchte.

Das Komische daran ist, dass mich das nicht schmerzt. Ich bin nicht enttäuscht. Ich glaube, mir reicht die Träumerei von Mike, ich will ihn gar nicht in der Realität. Ich will zurzeit wohl einfach einen ungefährlichen Ersatz-Lover haben, den ich anschmachten kann. Ähnlich wie damals als Teenager, als ich von Leif Garrett träumte. Und das ist völlig okay so.

„Traumhafter“ Sex mit Rick :-(

Oh je, es ist schon wieder über einen Monat her, dass ich den letzten Beitrag hier veröffentlicht habe. Das liegt daran, dass einfach nicht viel Neues passiert. Ich lebe mein Leben so vor sich hin, mit denselben Problemen und Freuden wie immer.

Mein letzter Eintrag drehte sich um Rick, der mir per Videochat Avancen gemacht hatte. Da ist nichts weiter passiert. Rick hat reagiert, indem er sagte, er hätte nur herumgealbert und seine Anmache sei nicht ernst gewesen, aber wie hätte er auch sonst reagieren sollen? Mir geht die Sache aber weiter im Kopf rum. Rick meinte zwar, „Fragen kostet nichts“, aber eigentlich haben wir beide einen sehr hohen Preis dafür gezahlt. Sollte ich lockerer damit umgehen? Wahrscheinlich. Nur kann ich das einfach nicht.

Ich habe Rick seither nicht mehr kontaktiert, und er mich auch nicht. Ich stelle mir vor, dass auch er befangen sein wird, wenn er wieder mit mir spricht. Wahrscheinlich hat er sich wirklich nicht viel dabei gedacht, aber jetzt wird er aufpassen wollen, dass er sich bloß nicht mehr zweideutig ausdrückt. Mir würde es so gehen. Rick ist ein anderer Menschen, wer weiß, was in ihm vorgeht.

Ich habe letzte Nacht von ihm geträumt. Durch Venlafaxin habe ich sehr lebhafte Träume, und die meisten sind auch sehr schön oder zumindest keine Albträume und interessant. Der Traum letzte Nacht war jedoch furchtbar:

Ich bin mit Rick und seiner rund um Weihnachten an Corona verstorbenen Frau verreist, in einer Reisegruppe. Seltsamer Weise hatten Rick, seine Frau und ich ein gemeinsames Zimmer. Während seine extrem übergewichtige Frau im Badezimmer war, habe ich aus Mitleid mit Rick geschlafen.

Ich bin aufgewacht und hatte ein total ekliges Gefühl. Ich fühlte mich auch sehr schuldig, seiner Frau gegenüber (meine Güte, wir haben es getrieben, als sie geduscht hat!), aber auch meiner Freundschaft Rick gegenüber. Und ich fühlte mich angeekelt. Denn es ist ja wirklich so: Ich mag Rick nicht anfassen. Ich mag mir überhaupt nicht vorstellen, Sex mit ihm zu haben. Und jetzt habe ich es so geträumt!!!

Richtig interpretieren kann ich den Traum noch nicht. Irgendwelche Ideen? Er zeigt mir, dass das Thema Rick tatsächlich noch lange nicht abgeschlossen ist. Und die Tatsache, dass ich aus Mitleid Sex mit ihm hatte? Nun, das ist in der Vergangenheit mit anderen Männern durchaus vorgekommen. Sex war für mich auch immer eine Art Währung, für alles Mögliche. Aber Sex mit Rick?

Das Gefühl, das mich heute durch den Tag begleitet, ist wirklich gruselig. Wie ein ekelhafter Geschmack, der tief aus meinem Bauch kommt. Mag ich nicht. Kopfweh habe ich auch…

Rick: Fragen kostet nichts

Ich habe ein paar amerikanische Freunde, mit denen ich regelmäßig telefoniere, E-Mails oder gar echte Briefe austausche. Rick ist einer davon. Ich kenne ihn seit 2013, als Ted 2015 seinen schlimmen Unfall hatte, hat er sich als wahrer Freund erwiesen.

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich mich mit Rick hatte anfreunden können. Er ist einer der alten „Ureinwohner“. Er war täglich mit Angel am Pier, er gehörte zum „Urgestein“. Er war nett, aber es fiel mir schwer, ihm irgendwie näher zu kommen: Ihm fehlten beide Schneidezähne, und er wirkt ein wenig ungepflegt. Typisch amerikanisch, keine Krankenversicherung, keine Zahnbehandlung. Es fiel mir wirklich schwer, Rick ins Gesicht zu schauen, ohne auf die fehlenden Zähne zu stieren und neutral und nicht irgendwie abgeschreckt zu wirken.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich an sein Aussehen. Ich fing an, viel Zeit mit ihm am Pier zu verbringen, ich brachte ihm Schokolade aus Deutschland mit, und ich lud ihn und seine (mittlerweile an Corona verstorbene Frau) regelmäßig zu Partys zu mir nach Hause ein. Rick machte grundsätzlich den Grillmaster, und dafür war ich dankbar.

Schon vor Corona haben Rick und ich viel telefoniert, wenn ich in Deutschland war, aber seit Corona ist es regelmäßiger geworden. Jetzt, da seine Frau gestorben ist, ist Rick vor allem einsam. Ich reagiere darauf, indem ich einfach häufiger und regelmäßiger mit Rick spreche. Mehr kann ich nicht tun.

Ich bin ein recht flirtiger Typ, und auch mit Rick habe ich immer ein wenig rumgeschäkert. Das ist meine Art, das heißt nichts. Und ich habe gedacht, Rick wüsste damit umzugehen. Es gab ein paar Gespräche, in denen Rick Andeutungen machte und meinte, ich sei auch „angenehm fürs Auge“. Einmal meinte er, er sie sicherlich zu alt für mich, und da ich ihm Mut machen wollte, erklärte ich, dass er doch überhaupt nicht alt sei (ich glaube, er ist um die 67). Kurz: Ich ging mit ihm um, wie ich mit allen Leuten umgehe. Nett, freundlich, vielleicht ein bisschen zu aufgeschlossen.

Bei unserem vorletzten Gespräch verabschiedete ich mich, indem ich sagte, ich müsse jetzt duschen. Rick hatte per WhatsApp Videocall angerufen, er hatte mich direkt nach dem Sport erwischt und ich war total verschwitzt. „Ach, nimm das Handy doch mit in die Dusche,“ schlug er vor. Mir schauderte es. In Ricks Ton lag etwas Ernstes. Es war nicht einfach Witz so daher gesagt, es war eine ehrliche Bitte. Ich grinste ihn an, tat seine Bemerkung als Witz ab und legte auf. Beim nächsten Gespräch wiederholte sich das aber. Und da musste ich Klartext mit ihm reden.

Klartext ist so eine Sache. Ich wollte ihm nicht sagen, dass ich ihn nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde. Tatsächlich aber stimmt es. Es hat mich so viele Monate Überwindung gekostet, ich kann mir einfach überhaupt nichts mit ihm vorstellen. Nicht nur, dass er auf mich unästhetisch wirkt, er wirkt auch mindestens eine Generation älter und ist einfach überhaupt nicht, rein gar nicht, mein Typ. Nie im Leben könnte ich irgendwas mit ihm anfangen. Niemals. Völlig undenkbar. Aber das sagte ich ihm natürlich nicht. Stattdessen druckste ich rum und erklärte, ich würde ihn als Freund mögen, wolle das nicht kaputt machen und könne mir deshalb nicht vorstellen, ihm irgendwie näher zu kommen.

War das richtig? Ich weiß es nicht. War es genug? Keine Ahnung. Ich war erleichtert, dieses Gespräch geführt zu haben, aber ich habe leider die Befürchtung, dass es das noch nicht wahr. Rick wird es weiter versuchen, glaube ich, und mir werden sich dabei die Zehennägel rückwärts aufrollen.

Vorgestern rief Rick abends an. Ich saß gerade mit einem Buch auf der Couch, frisch geduscht in Gammelklamotten, ich hatte keine Lust auf einen Videochat. Ich mag das eh nicht, auch nicht, wenn eine Freundin anruft. Also ging ich nicht ran. Eigentlich müsste ich ihn zurückrufen. Das bin ich. So bin ich eigentlich. Aber unser Gespräch vom letzten Mal hängt mir noch nach. Ich möchte nicht wieder in die Situation kommen, sexuelle Avancen aus dem Land der Hillybillys abzuwehren.

Doofe Situation. Ich mag Rick als Freund. Aber jetzt bin ich ihm gegenüber gehemmt. Er sagte bei unserem Gespräch, „Fragen kostet doch nichts“. Nun ja. Kein Geld, aber doch die Unbeschwertheit unserer Beziehung. Schade.

PS: Das Foto zeigt natürlich nicht Rick. Aber eine gewisse Ähnlichkeit gibt es schon.

Süchtig nach Science-Fiction

Ich kann überhaupt nicht aufhören zu lesen. Und ich finde es toll. Gestern konnte ich nicht einschlafen, weil ich zu sehr mit dem Thema meiner neusten Buchreihe befasst bin. Ich liebe Science-Fiction. Nicht die Krieg-der-Sterne-Geschichten, sondern Storys, die in einer uns technologisch überlegenen oder einfach auch nur anderen Welt spielen. Ein wenig wie die Welten, die Captain Kirk damals mit seinem Raumschiff Enterprise besucht hat. Die Folgen aus den 70er Jahren, nicht die danach. Das ist übrigens eine Gratwanderung, denn das Genre „Fantasy“ gefällt mir überhaupt nicht.

Die Buchreihe, die ich jetzt lese, heißt „The Game is Life„, wurde von Terry Schott geschrieben und ist nur auf Englisch erhältlich. Ich lese zurzeit das dritte Buch aus der Reihe. Eigentlich mag ich gar nicht zu viel davon erklären, denn wenn man mit dem ersten Buch beginnt und den Inhalt des dritten schon kennt, dann wird einem ein wenig Spannung geraubt. Es wäre, wie man so schön sagt, ein Spoiler.

Wie der Name schon sagt, geht es darum, dass ein Großteil der Menschheit in einem Computerspiel mit dem Namen EARTH lebt/spielt. Die Spieler auf Earth sind sich nicht bewusst, dass sie nur Avatare in einem Computerspiel sind. Bis auf einige wenige, die das langsam erahnen und eine Art Religion daraus machen. Jaja, die Matrix lässt grüßen. Mein Ex Scotty hätte seine helle Freude. Ich mag das Gedankenspiel jedoch sehr. Denn es ist denkbar. Müsste ich mich festlegen, würde ich dennoch sagen, wir leben ein einziges Mal auf der Erde, es gibt keinen Gott, keine Matrix etc. Aber wie gesagt, es reizt mich, über diesen Tellerrand hinauszublicken und gedanklich zu erkunden, was wäre wenn …

Wer mit dem ersten Buch beginnt, erfährt also schnell, dass die Leute auf Earth nur Avatare der „echten Welt“ Tygon sind. Es passieren einige Intrigen, es ist immer wieder vom „Universum“ die Rede und davon, dass man alles kann, wenn man es nur wirklich will, also wirklich daran glaubt (auch hier wird mit bekannten esoterischen Ideen gespielt), aber im Großen und Ganzen bleibt es eine Art Spionagekrimi mit mystischen Elementen in einer Science-Fiction-Welt. Ich hoffe, damit habe ich nicht schon zu viel verraten.

Man muss sich konzentrieren, wenn man die Bücher liest. Viele verschiedene Charakter, die man auseinanderhalten muss. Mehrere unterschiedliche Welten mit zunächst unterschiedlichen Bedingungen. Für mich hat es sich gelohnt. Das dritte Buch hat alle meine Erwartungen übertroffen und ich freue mich, dass die Reihe noch 6 weitere Bücher zu bieten hat.

Die andere Buchreihe, die mich Anfang des Jahres gepackt hatte, stammt vom deutschen Autor Klaus Seibel. Sie heißt „Die erste Menschheit„. Ich hatte zunächst den Vorläufer „Krieg um den Mond“ gelesen, und das war auch gut so. Dort entdeckt ein unbemannter Mond-Rover eine abgebrochene Schraube von der Erde, die 65 Millionen Jahre alt ist. Und damit beginnt ein weiteres Gedankenexperiment, das mir gefällt: Was wäre, wenn es schon mal eine Menschheit auf Erden gegeben hätte, die unserer technologisch weit voraus war? Ja, ich weiß, auch das ist kein neues Denken, aber auch diese Vorstellung gefällt mir. In dieser Reihe stellt sich heraus, dass es tatsächlich eine vorherige Menschheit – also die erste – gab, und dass sie eine für uns sehr hilfreiche Technologie hatte, die den Menschen von heute nach und nach verfügbar wird. Die Reihe besteht offiziell aus sechs Büchern, aber es gibt zahlreiche Spin-Offs. Ich habe sie damals nach meiner Operation Ende Dezember nur so verschlungen, fast ein Buch pro Tag. Irgendwann wurde mir das Thema langweilig und ich machte mich auf die Suche nach anderen Büchern. Klaus Seibel steht jedoch weiterhin hoch oben auf meiner Liste, wenn ich keinen Bock mehr auf Terry Schott habe, dann kehre ich zu ihm zurück.

Natürlich lese ich nicht nur diese beiden Autoren. Andy Weir (der vor Jahren „Der Marsianer“ geschrieben hat), hat ein neues Buch mit dem Titel „Der Astronaut“ herausgebracht. Wie schon beim Marsianer ist viel von wissenschaftlichen Experimenten die Rede, die ich oft nur zur Hälfte verstehe, was der Geschichte aber gar keinen Abbruch tut. Ich fand sie so toll, dass ich meinem Vater beide Bücher geschenkt habe. Der hat ja mal Chemie studiert und auch Physik unterrichtet. Es wird ihm sicherlich gefallen.

Auch John Marrs hat sich zu einem meiner Lieblingsautoren entpuppt. Mit „The Passengers“ bin ich (bei einem Hörspiel) auf ihn aufmerksam geworden. Hierbei geht es um ein kritisches Gedankenspiel wie es wäre, wenn in unserer Welt nur noch autonome Fahrzeuge fahren würden. Es geht um künstliche Intelligenz, Ethik, Moral … das Ganze gemischt mit ein bisschen Thriller-Spannung, genau das Richtige für mich. Auch „The One“ von ihm hat mir sehr gefallen: Eine Forscherin entdeckt ein Gen, mit dem es möglich ist, Menschen so zusammenzuführen, dass sie die perfekte Liebe finden. Auch hier ist es wieder eine Mischung aus Gedankenspiel und Thriller, genau meine Wellenlänge. Netflix hat es mittlerweile im Programm, wobei mir, wie so oft, die Buchversion viel besser gefällt. Amazon Prime hat übrigens eine ähnliche Geschichte auf Lager: Soulmates. Es wirkt fast, als wurde da gegenseitig abgeschrieben, denn die Grundlage beider Geschichten ist gleich. So oder so, das Buch von John Marrs gefällt mir am besten. Ich habe mittlerweile viele weitere Bücher von ihm gelesen, aber die beiden oben erwähnten Geschichten sind meine Favoriten.

Also, meine Vorliebe für Science-Fiction ist deutlich sichtbar. Das hat mit etwa 13 Jahren (schätze ich) mit Stanislav Lem begonnen. Einige kennen vielleicht den Film Solaris, die Geschichte stammt von ihm. Eine verstörende Geschichte, die allerdings nicht zu meinen Lieblingserzählungen von Stanislav Lem gehört. „Das schwarze Kabinett des Professor Tarantogas“ wird mir wohl immer im Gedächtnis bleiben. Es ist eine Kurzgeschichte aus dem Band „Die phantastischen Erzählungen“. Wenn ich mich nicht irre (ich muss mal in meinem Bücherschrank nachgucken) geht es auch hier um ein Matrix-ähnliches Gedankenexperiment. Auch „Der futuristische Kongress“ soll dieses Thema aufgreifen.

Bleibt also zusammenfassend zu sagen, dass ich mich beim Lesen gerne in andere Welten vertiefe. Nicht in die Vergangenheit, auch nicht so sehr in die Zukunft, sondern in Welten, in denen der Grund, das Wesen unserer Existenz auf die eine oder andere Weise in Frage gestellt wird.

Die einzige Undoofe unter Doofen

Mir ist aufgefallen, dass ich alle meine Freundinnen „doof“ finde. Dass es eigentlich niemandem in meinem Umfeld gibt, der mir das Wasser reichen kann. Ich habe das Gefühl, dass ich besser bin als andere. Das ist ziemlich eindeutig ein narzisstischer Zug. Andererseits bin ich wahrscheinlich kein Narzisst. Das hat sich zu oft an anderer Stelle gezeigt, und auch alle meine Therapeuten waren sich da einig. Aber wussten sie genug von mir?

Beispiele gefällig? Nehmen wir meine letzten Freundinnen:

Petra: Ich finde die Tatsache, dass sie nun schon fast 1,5 Jahre arbeitslos ist und keine Anstalten macht, diesen Zustand zu ändern, „doof“. Mir fehlt hier das richtige Wort. Ich weiß, dass es ihr nicht gelingt, sich aufzurappeln, aber mit ihrem Verhalten ist sie eine Last für die Gesellschaft. Sie kassiert eine Form des Arbeitslosengeldes (ich kenn mich mit der Terminologie nicht aus), weil sie schlicht und einfach zu faul ist, sich um einen Job zu bemühen (sie sagt tatsächlich, sie möchte nicht mehr arbeiten). Stattdessen hat sie sich einen jungen Hund angeschafft, der noch nicht stubenrein ist und ihr mehr als genug Ablenkung gibt. Und was den Hund anbelangt, so finde ich ihr Verhalten ebenfalls verantwortungslos: Sie lässt ihn auf den Quadratmeter Rasen pinkeln, den sie in Kacheln auf ihrem Hochhaus-Balkon ausgelegt hat, und wundert sich, dass ein noch nicht einmal drei Monate alter fast 20 kg schwerer Hund in einer 50 Quadratmeter großen Wohnung raderdoll wird und alles kurz und klein haut. Den Rassehund hat sie für richtig viel Geld gekauft und darüber hinaus hat sie entschieden, ihn zu „barfen“, das heißt, er wird auch in Zukunft richtig Kohle kosten – und das, obwohl sie arbeitslos ist und zu bleiben gedenkt. Genug Gründe, die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen und sie für irgendwie „doof“ zu halten. Das Seltsame daran ist, dass ich sie wirklich mag. Trotz allem. Ich mag sie, hab sie richtig gerne. Als ob ich jemanden doof finden müsste, um ihn gern zu haben.

Oder Karin, die Geschichte ist ja bekannt. Die hat mir vor über einem Jahr gesagt, ich solle mich doch selbst umbringen. Diesen Ausspruch kann ich nicht vergessen, obwohl mir bewusst ist, dass sie es nicht „böse“ gemeint hat. Es ist ihr einfach so rausgerutscht. Aber sie hat mich tief verletzt und die Freundschaft ging zu Bruch. Aber schon vorher fand ich sie „doof“. Ähnlich wie Petra fand ich, dass sie dem Staat auf der Tasche liegt. Sie ist selbstständig, arbeitet jedoch sehr wenig und lässt sich das fehlende Geld als Unterstützung vom Arbeitsamt geben. Sie trickst hier und da und kann sich auf diese Weise ein faules Leben machen. Ich finde das verachtenswert. Kurz habe ich überlegt, ob ich eifersüchtig bin. Nein, ich glaube nicht.

Oder vor ihr Andrea. Die hat mir vor über einem Jahr die Freundschaft gekündigt, da ich ihr zu anstrengend war. Auch das hat mich sehr verletzt. Aber auch das kam, nachdem ich angefangen hatte, sie „doof“ zu finden. Weil sie nichts unternimmt, um glücklich zu sein. Weil sie in einer freudlosen Ehe ausharrt und gemeinsam mit ihrem Mann nur noch auf die Rente und dann den Tod wartet. Weil sie, wie ich finde, auch in der Erziehung ihres Sohnes versagt hat (das sage ich, die keine Kinder hat und damit überhaupt keine Ahnung). Der Kerl hat die Hauptschule mit Erlaubnis der Eltern abgebrochen. Liegt jetzt einfach den Eltern auf der Tasche, und die machen das mit, weil der arme Kleine ja so sensibel ist. Da stimmt doch auch irgendwas nicht?! Also, Andrea fand ich auch „doof“.

Oder meinen Ex-Mann. Ich fand immer, dass er „doof“ war, weil er offensichtlich (das sagte er selbst) totunglücklich in seinem Leben war. Seine Ehe existierte nur noch auf dem Papier, an der Erziehung seines Sohnes hatte er kein großes Interesse mehr, und so verbrachte er seine Tage mit einem Job, den er hasste (er hasste Arbeit schon, als ich ihn vor 30 Jahren kennen lernte, damals wollte er jung viel arbeiten und früh in Rente gehen, hat wohl nicht geklappt), wartend auf das große Wunder. Wie genau das aussehen sollte, wusste er wohl auch nicht, aber er war offensichtlich gerne bereit, zu lügen und zu betrügen, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Ich fand ihn immer schon schwach, als ich jedoch erfuhr, dass er seine Frau 12 Jahre lang mit einer anderen betrogen hatte und jetzt seit Jahren der anderen heulend nachtrauerte, konnte ich keine Sympathie mehr für ihn aufwenden. Eigentlich hatte ich gedacht, dass er der „beste“ Mann gewesen sei, den ich je kennen gelernt hatte. Offensichtlich hatte ich ihn auf ein Podest gestellt, auf das er nicht gehörte. Also, Stefan fand ich auch „doof“.

Ich könnte jetzt ewig so weitermachen und weitere Ex-Freunde und -Freundinnen auflisten, die ich „doof“ gefunden habe. Und das lässt mich vermuten, dass ich mich offensichtlich gerne mit Leuten umgebe, die ich „doof“ finden kann. Die Küchentischpsychologin in mir würde behaupten, dass das den Zweck hat, mich „undoof“, also besser als sie zu fühlen. Auffällig ist auch, wie ich schon sagte, dass ich diese Leute trotzdem „lieb“ habe. Kann ich nur lieben, was ich „doof“ finde? Habe ich zu viel Angst Leute zu lieben, die ich „undoof“, also mir gleichwertig empfinde?

Gibt es überhaupt Menschen in meinem Leben, die ich „undoof“ finde? Von denen ich glaube, dass sie mir das Wasser reichen können? Eine ganze Menge. Das sind aber durchweg Leute, die ich kaum kenne. Ich gehe stark davon aus, dass sie auch „doof“ werden, sobald ich mehr von ihnen weiß.

Das ist eindeutig ein stark narzisstischer Zug. Das ist ein Thema, das ich gerne real besprechen würde. Zum Beispiel mit Petra, mit der ich über solche Dinge rede. Aber ich kann ihr ja kaum sagen, dass ich sie doof finde.

Ich selbst finde mich natürlich toll. Ganz im Ernst. Ich bin ehrlich, aufrichtig, fleißig, treu, intelligent, zuverlässig … nennt mir eine positive Eigenschaft, ich verkörpere sie. Ich bin das Gute in Person. Ganz diffus ist mir bewusst, dass das gar nicht sein kann. Wer meine Beiträge hier gelesen hat, weiß auch, dass es nicht so ist. Dennoch empfinde ich so. Ich bin ein guter Mensch. Dabei weiß ich, dass ich mich in der Vergangenheit auch „doof“ verhalten habe. Die Sache mit Ted, die Tatsache, dass ich ihm zum Fremdgehen verholfen habe, dass ich all das trotz besserem Wissen mitgemacht habe und ihm hinterher auch noch die Schuld gegeben habe, als wäre ich die personifizierte Naivität. Nein, das war „doof“. Natürlich habe ich eine gute Entschuldigung dafür: Ich war krank, meine doofe Mutter war Schuld. Ich konnte nicht anders, ich habe einfach die dummen Muster, die ich mir ihr zuliebe angeeignet hatte, ausgelebt. Ich unschuldiges Lamm. Nein, ganz ehrlich, das darf nicht zählen. Klar habe ich Entschuldigungen. Aber genauso wertvolle Entschuldigungen haben auch Petra, Karin, Stefan, Andrea, Susanne, Bine usw.

Letztendlich ist niemand perfekt. Vielleicht liegt da der Hase im Pfeffer? Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass ich einer Perfektion nachjage, die es nicht gibt? Aber wie kann es mir gelingen, jemanden, den ich „doof“ finde, plötzlich einfach „undoof“ zu finden? Wie kann ich mich dazu bringen, die Menschen, von denen ich glaube (weiß!), dass sie mir nicht das Wasser reichen können, dennoch zu schätzen, und zwar als gleichwertige, genauso guter (oder schlechter!) Mensch wie ich es bin?

Der Titel ist übrigens eine Anspielung auf meine narzisstisch gestörte Mutter. Die hat wörtlich einmal gesagt, dass sie glaubt, die einzige Normale unter geistig Gestörten in der Familie zu sein.