Über Sex sprechen

Meine Freundin Andrea und ich sind beide auf Tinder. Während sie mittlerweile endlich zugegeben hat, dass sie enfach nur rattig ist und einen Mann zum Sex sucht, ist es bei mir etwas komplexer. Ich bin nicht rattig, überhaupt nicht. Ich könnte ab jetzt völlig ohne Sex leben. Das wäre natürlich traurig, aber es beschreibt, wie stark 😉 mein Sexdrive zuzeit ist. Das hängt zum Teil mit den Wechseljahren zusammen, nehme ich an, zum Teil daran, dass das Kratom, das ich nehme, die Libido unterdrückt, und zum Teil einfach daran, dass ich keine willigen Opfer habe. Und diese willigen Opfer tauchen auch nicht auf, weil ich nicht suche und jeglichen sexuell geprägten Kontakt sofort abbreche. Sobald ich das Kratom jedoch absetze, kommt die Lust auch wieder. Da ich jedoch dankbar für meine „innere Ruhe“, bin finde ich den aktuellen sexlossen Status sehr gut. Mit aufregendem Sex kommt für mich immer auch emotionaler Stress. Um diesen Stress aushalten zu können, muss ich emotionaler stärker werden. Ich bin noch nicht soweit.

Aber ich schweife vom Thema ab. Andrea ist also auf einer Sexreise auf Tinder, und ich spiele im Hintergrund so etwas wie eine Tourguide.

Es hat lange gdeauert, bis Andrea überhaupt bereit dazu war, sich selbst gegenüber zuzugeben, dass sie Sex suchte. Es ging einfach nicht. Sie schob mich vor und wir stritten uns, weil ich keinen Bock dazu hatte. Sie versuchte mir zu erklären, dass es heutzutage als Frau völlig okay sei, Männer einfach so nur zum Sex zu treffen, und behauptete, dass ich verklemmt sei. Für mich ist es jedoch überhaupt kein Thema, ob oder dass Frauen Männern nur zum Sex treffen. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich das jemals verurteilt habe, aber heute ist es definitiv so, dass ich das in dieselbe Kategorie wie weibliche Äzrte oder das Wahlrecht für Frauen einsortiere. Es ist kein Thema, sagte ich ja schon. Deshalb war es mir auch nicht bewusst, dass unsere Streits sich nicht um meine angebliche Verklemmtheit drehten, sondern darum, dasss sie sich nicht sicher war, ob es okay wäre, selbst Sex zu haben.

Ich war ziemlich schockiert, als mir Verklemmtheit vorgeworfen wurde und habe mich emotional erst mal zurückgezogen. Ich habe nicht verstanden, was Andrea mir vorwarf. Sie kennt meine sexuelle Karriere nicht so genau wie dieses Tagebuch hier, aber sie weiß doch, dass ich in Swingerclubs war und mal als Domina gearbeitet habe. Eigentlich müsste das doch bedeuten, dass sie weiß, wie offen ich diesbezüglich eingestellt bin.

Wo ich jedoch „verklemmt“ bin, das ist die Tatsache, dass ich Angst habe, von einem Mann verletzt zu werden, wenn ich mal wieder seine Lust auf Sex mit Zuneigung verwechsele. Das ist mir in der Verganagenheit einfach zu oft passiert. Der Mann hat zu Beginn deutlich klar gemacht, dass er nur Sex wollte, verhielt sich dann aber so verbindlich und verliebt, dass ich glaubte, er hätte seine Meinung geändert, und fiel aus allen Wolken, als er sich dann doch lieber „trennen“ wollte als ein Verhältnis mit einer Frau aufrechtzuerhalten, die sich vorstellen könnte, eine feste Beziehung mit ihm zu führen. Davor hatte ich Angst, davor habe ich jetzt auch noch Angst, und ich habe Angst, dass Andrea in dieselbe Falle tappt.

Tatsächlich erzählte mir sie ja, dass sie sich eine „Exklusivaffäre“ wünscht. Meiner Meinung nach gibt es sowas nicht. Man hat entweder eine normale Beziehung oder aber man hat eine Affäre, bei der man aber nicht exklusiv nur mit diesem einen Partner Sex hat. Eine „Exkllusivaffäre“ kann meines Erachtens nur kurze Zeit funktionieren. Wenn alles neu ist, will man möglicherweise keine weiteren Partner. Aber wenn man sich kennt und der Aspekt der „fremden Haut“ wegfällt, dann will man (oder frau) frei sein, sich dieses Erlebnis mit anderen, neueren Partnern zu suchen. Genau deshalb hat man doch eine Affäre und keine feste Beziehung, oder sehe ich das falsch? Wenn Andrea also tatsächlich erwartet, dass der Kerl, den sie letzte Woche (tatsächlich) gefickt hat, jetzt nur noch mit ihr und keinen anderen Frauen Sex hat, dann ist die Verletzung vorprogrammiert, denn er hatte ihr von Anfang an gesagt, dass er nur Sex will.

Nach vielen Gesprächen verstand Andrea schließlich, dass ich (und der Rest der Welt) sie nicht verurteilen würden, wenn sie sich einfach nur so zum Sex mit einem Mann treffen würde. Ich musste ihr tatsächlich mehrfach sagen, dass ich glaube, dass sie „dringend gefickt“ werden müsse, bis sie die Zügel tatsächlich in die Hand nahm und in einer riskanten Aktion den ersten Mann traf, der sich ihr anbot. Sie war so wild auf das Treffen, dass sie nicht mal nach Fotos (außer dem einen Profilbild) fragte. Ich habe das selbst auch schon erlebt, da war ich dann so rattig, dass ich mich durch unvorteilhafte Fotos nicht von meinem Ziel abbringen lassen wollte.

Nun hat meine Freundin also diesen Mann getroffen und alles ist gut. Sie ist weiter auf der Suche, wird aber gerade nicht fündig. Ich habe ihr vorgeschlagen, auf expliziten Sex-Seiten wie z. B. dem Joyclub nach Sexdates zu suchen, aber das ist ihr zu „offensiv“. Tinder gefällt ihr besser. Dann muss sie eben Geduld haben.

Andrea will über Sex und ihre Bedürfnisse sprechen, kann es aber nicht. Man mag es kaum glauben, aber wir kennen uns seit 40 Jahren und habe noch nie darüber geredet, wie es ist einem Mann einen zu blasen oder welche Stellungen wir beim Sex vorziehen. Das Sexthema war nicht tabu, wir haben nur nie detailliert darüber gesprochen. Jetzt weiß ich, dass es so war, weil Andrea es nicht kann, bzw., weil sie völlig ungeübt ist. Weil sie verklemmt ist. Zurzeit.

Vor ein paar Tagen sprachen wir darüber, was sie sich wünschte, und bei der Gelegenheit erwähnte sie, dass der aktuelle Lover (der Typ, den sie jtzt einmal getroffen hat), wohl nicht besonders experimentierfreudig ist. Und sie sei es, betonte sie. Das hätte ein interessantes Thema sein können, wenn sie in der Lage gewesen wäre, mir zu sagen, was sie mit „experimentierfreudig“ meinte. War sie aber nicht.

Sexuelle Experimentierfreudigkeit kenne ich, und ich habe in meinem Leben alles ausprobiert, was mir irgendwie in die Finger bzw. zwischen die Beine gekommen ist. Sex zu vielen, Sex mit zwei Frauen und einem Mann, Sex mit zwei Männern und einer Frau, Sex im Swingerclub, im Freien, Sex mit Unbekannten, Sex als Domina/Bizarr Lady, Sex als Sklavin, Sex mit allen möglichen denknbaren und undenkbaren Hilfsmitteln, Sex als gespielte Vergewaltigung, Sex unter Drogen. Sex mit Handschellen, Sex mit Atemkontrolle, Sex mit Anpinkeln, Analsex, Sex als Rollenspiel. Ich habe bestimmt irgendwas vergessen.

Zum ersten Mal in unserer Freundschaft (!) fragte ich sie, was sie denn mit „experimentierfreudig“ meinte. Sie konnte nicht antworten. Nach langen Herumdrucksen, bei dem ich noch zwei mal nachfragte, ganz vorsichtig, um sie nicht zu verschrecken, konnte sie mir schließlich sagen, dass ihr Lover mit der „Doggie-Stellung“ zu frieden gewesen sei. Außerdem hätte sie das gemacht, was alle Männer mögen. (Ich schätze, sie hat ihm einen geblasen, aber wer weiß? Für mich ist das, was alle Männer mögen Sex mit zwei Frauen ;-)). Weiter konnte sie nichts sagen. Es kam einfach nicht aus ihr heraus. Ich erfuhr nicht, welche anderen Experimente sie sich wünschte.

Als ich sie fragte, was sie denn ausprobieren, experimentieren wollte, kam auch lange gar nichts. Ich wollte sie nicht bedrängen, letztendlich geht es mich nichts an, ob sie eine Vergewaltigungsfantasie hat oder heimlich vom Sex mit einer zweiten Frau träumt. Irgendwann aber äußerte sich sich dann doch. Sie sagte, sie hätte gerne mehr Stellungen probiert.

Stellungen? Stellungen? Experimentieren mit Stellungen?

Ich habe eingen ganzen Abend gebraucht, um das zu verdauen. Ist es wirklich so, dass „normale“ Menschen mit einem weniger sexuell aggressiven Hintergrund wie ich den Stellenwechsel beim Sex als „Experimentieren“ bezeichnen? Stellungen? Es will mir immer noch nicht in den Kopf. Stellungen macht man doch einfach. Das ergibt sich während des Liebesspiels. Mal sitze ich oben, mal liege ich unten, mal stehen wir, mal fickt er mich von hinten, mal machen wir eine 69er Stellung. Ich wage zu behaupten, dass ich, auch was Stellungen anbelangt, alles ausprobiert habe, was man ausprobieren kann. Das Problem bei all den vielgespriesenen „Kamasutra“-Stellungen ist nur, dass sie viel zu anstrengend sind, um sich wirklich sexuell auszutoben. Ich selbst bin glaube ich besonders anspruchslos, was die Stellungen anbelangt: Ich mag die Missionarsstellung, ich werde gerne von hinten gefickt. Der Rest kann interessant sein, wenn man sich z. B. besonders tief in die Augen schauen kann, oder auch, wenn er mit seinem Schwanz einen Winkel erwischt, mit dem er wirklich tief in mich hineinkommt oder gar den G-Punkt erwischt, aber eigentlich ist mir das alles zu aufwendig. Ich kommte am besten, wenn ich unten liege. Fertig.

Aber ist es wirklcih so, dass „normale“ Menschen sexuelle Experimente auf Stellungen (Stellungen!) beschränken? Sagt mal einer was, ist das das, was ihr unter „Experimentieren“ versteht?

Ich habe versucht, aus meiner Freundin rauszulocken, ob sie vielleicht Interesse an einem der Experimente hat, die ich tatsächlich als Experimente empfinde: Zum Beispiel Sex mit zwei Frauen, oder die allgegenwärtige Vergewaltigungsfantasie. Sie war jedoch unfhäig, mir eine Antwort darauf zu geben. Wahrscheinlich hat sie sich nie bewusst darüber Gedanken gemacht. „Fifty Shades“ hat sie allerdings mit Begeisterung (*würg*) gelesen, wahrscheinlich würde sie einen vorsichtig dominanten Mann nicht vom Bett schubsen.

Und hier muss ich einlenken: Ich war auch mal so. Vor 25 Jahren oder so fragten mich Männer immer wieder nach meinen sexuellen Fantasien, und ich war unfähig, etwas dazu zu sagen. Ursprünglich war es ja sogar so, dass ich überhaupt nicht verstand, warum die Leute überhaupt so viel Hype um Sex machten, lange war Sex für mich ausschließlich anstrengend. Einen Orgasmus bekam ich sowieso nicht, warum also Leistungssport im Bett betreiben? Das hat sich dann aber sehr schnell geändert, als ich mit Andreas zuusammen kam. Ich war damals Ende 30 (!), das ist ja eigentlich auch schon ein recht fortgeschrittenes Alter. Damals lernte ich, wie ich es anstellen kann, dass ich beim Sex mit einer zweiten Person zum Höhepunkt komme – das hatte vorher nämlich auch nicht geklappt. Mit Andreas begann ich, aktiv über meine Fantasien nachzudenken. Zunächst fiel mir wirklich überhaupt nichts ein, ich hatte, wie Andrea, üeberhaupt keine offenen Wünsche, glaubte ich zumindest. Dann aber setzte ich mich hin und machte eine Liste der Dinge, die ich gerne einmal ausrprobieren wollte. Und da platzte dann eines Tages der Knoten. Plötzlich sprudelten die Fantasien nur so aus mir heraus. Ich war also wirklich einfach „verklemmt“ gewesen. Als ich die „Verklemmung“ löste, kamen ganz viele Fantasien zum Vorschein, die ich auch schon länger hatte, nur eben mehr oder weniger unbewusst.

Sex mit einer Frau stand ganz oben auf der Liste, und die Vergewaltigungsfantasie kam gleich an zweiter oder dritter Stelle. Sex mit einer Frau stellte sich als ausgesprochen langweilig heraus – also gab ich diese Fantasie recht flott auf. Die Vergewaltigungsfantasie ist jedoch eine heikle Sache. Es ist einfach schwer, eine Vergewaltigung zu „spielen“. Ich muss überwältigt werden, aber man muss vorsichtig sein, man darf mich und meine Grenzen eben doch nicht oder nur ganz wenig überschreiten. Jürgen hat das mal versucht, aber das kam zum falschen Moment und ich fühlte mich tatsächlich ein wenig benutzt. Diese Fantasie ist also tatsächlich noch offen. Die meisten anderen Fantasien habe ich mehrfach in vielerlei Konstellationen ausprobiert, die meisten scheiterten an der Realität: Sex im Freien ist nicht geil, wenn ein hässlicher Kerl zuschaut und dabei wichst. Dasselbe gilt für Sex mit mehreren: Ich will schöne Menschen, und der Durchschnittsmensch erfüllt meine Kriterien an ein attraktives Aussehen ohne Klamotten nicht (ich selbst würde sie auch nicht erfülllen).

Ich habe meine Freundin nur aufgefordert, mal eine Liste mit Fantasien zu machen. Ich hoffe, dass sich die „Verklemmung“ bei ihr dann genauso löst wie bei mir vor 25 Jahren. Denn ich bereue nicht, was ich gemacht habe. Ich kann auf ein ausgesprochen erfülltes Sexlben zurückblicken. Ich habe mir rein gar nichts vekrniffen. Ich bin sehr zufrieden, was mein Sexleben anbelangt, und ich wünsche Andrea dieselbe Zufriedenheit.

Sorgen um meine Freundin

Ich habe ja schon erzählt, dass meine Freundin in einer Phase ist, in der sie endlich einmal Sex haben möchte, ohne dass sie dafür gleich eine Beziehung eingehen muss.

Es war ein relativ langer Kampf, bevor sie sich selbst eingestehen konnte, was sie will. Sie hat diesen Wunsch zunächst eher unterbewusst in ihren Geschichten ausgedrückt, dies jedoch ein wenig verklemmt.

Sie hat die Figur, die mich darstellt, vorgeschickt, um Sex zu haben, und als ich das nicht wollte, hat sie versucht, mir zu erklären, dass es heutzutage normal sei, wenn Frauen auch im höheren Alter einfach nur Sex ohne Beziehungen haben wollen. Sie hat angenommen, ich sei selbst zu verklemmt, und hat versucht, mich zu überreden, meine Figur Sex haben zu lassen.

Das hat zunächst zu einem Konflikt geführt, denn ich empfinde mich als alles andere als prüde. Ich bin auch nicht verklemmt. Ich bin einfach in einer anderen Lebensphase. Sie hat das letzte Vierteljahrhundert oder länger in einer festen Beziehung verbracht, in der es in den letzten Jahren praktisch gar keinen Sex mehr gab, das letzte Mal, dass sie Sex mit einem neuen Mann hatte, liegt 30 Jahre zurück. Ich hingegen habe vor 25 Jahren angefangen, Sex auch außerhalb von Beziehungen auszuprobieren, und ich bin nun, nach einer relativ langen, aber sehr ereignisreichen Phase an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr experimentieren will. Ich hatte nun über 3 Jahre keinen Sex mehr, und das ist auch völlig okay.

Meine Freundin hat also unwissend offene Türen bei mir eingerannt und erst nach und nach verstanden, dass ich ihren Wunsch nach unverbindlicher sexueller Erfüllung für normal halte, dass ich Sie unterstützen werde, aber dass ich das für mich selbst einfach nicht will.

Ich hatte ihr einmal auf den Kopf zugesagt, dass sie sehr blauäugig in die Datingwelt hinausgehe. Das konnte sie natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Sie erzählte mir von ihren zahlreichen, durchaus erfolgreichen Bemühungen, Männer über das kostenlose Anzeigenblatt ihres kleinen Städtchens kennenzulernen. Das jedoch liegt 30 Jahre zurück. Ich musste zugeben, dass sie mir da einiges voraus hat, damals war ich tatsächlich zu verklemmt und hätte das niemals gemacht. Allerdings gibt es diese Art von Anzeigenblättchen heute überhaupt nicht mehr, die Erlebnisse meiner Freundin stammen praktisch aus einer anderen Welt. Sie muss ihre Erfahrungen jedoch, wie ich auch, selbst machen, bevor Sie mir glauben kann.

Nun ist sie also auf Tinder unterwegs und wundert sich darüber, wie sich die Männer verhalten. Letztens hat sie z.B mit einem Mann telefoniert, der ihr gut gefiel, aber als sie auflegte, fiel ihr auf, dass er sie mit unterdrückter Nummer angerufen hatte, obwohl sie verabredet hatten, in Kontakt zu bleiben. Sie ging also zurück zu Tinder, um ihn darauf hinzuweisen, dass er zufällig seine Nummer nicht übermittelt hatte, und musste feststellen, dass der Kerl das Match gelöscht hatte. Hilflos meldete sie sich bei mir und fragte mich, was sie denn jetzt tun solle, sie hätte ja keine Möglichkeit, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ich musste tatsächlich lachen. Anfängerfehler. Natürlich hatte der Kerl sie mit unterdrückter Nummer angerufen, weil er nicht wusste, ob er sich nach dem Gespräch weiter weiter für sie interessieren würde. Und offenbar war das nicht der Fall, also hatte er das Match gelöscht. Eine völlig normale Vorgehensweise, die ich möglicherweise selbst schon verfolgt habe. Meine Freundin kannte dieses Vorgehen jedoch noch nicht und war völlig verwirrt

Sie macht die Erfahrung, dass die Männer nach einem Telefongespräch mit ihr das Match fast immer löschen. Warum das so ist, weiß ich natürlich auch nicht. Sie hatte mir erzählt, dass sie sich vorgenommen hat, immer ehrlich zu sein und zu sagen was sie denkt, und ich glaube, auf der Suche nach einem schnellen Fick ist das nicht immer von Vorteil. Außerdem wirkt sie stimmlich eher klein und unsicher, obwohl – oder vielleicht weil – sie körperlich als groß und selbstbewusst rüber kommt. Aber das ist nur eine Vermutung…

Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass sie mit ihrem Sohn (Mitte 20) in einer Zweizimmerwohnung zusammenlebt. Der Sohn hat sein eigenes Zimmer, sie schläft im Wohnzimmer auf der Couch. Das Bad befindet sich im Flur zwischen den beiden Zimmern. Das mag ein gutes Arrangement für sie sein, ich könnte mir das für mich nicht vorstellen, aber ich habe auch keinen Sohn, der sich keine eigene Wohnung leisten kann. Mittlerweile haben ihr jedoch schon zwei Männer gesagt, dass das überhaupt nicht gehe. Ich bin übrigens genau derselben Meinung. Sie hat überhaupt keine Privatsphäre und kann deshalb niemals einen Mann mit nach Hause bringen, ohne ihn gleichzeitig auch ihrem Sohn vorzustellen. Für mögliche Sexdates ist das ein sofortiges KO-Kriterium. Einige der Männer haben ihr das auch auf den Kopf zugesagt, was dazu führte, dass sie das Layout Ihrer Wohnung und somit auch ihren Sohn wie eine bedrohte Löwenmutter verteidigte. Für Männer war das wahrscheinlich ein sofortiger Abturner. Sie scheint das tatsächlich nicht zu verstehen, sie ist der Meinung, dass ihr Verhältnis zu ihrem Sohn und die Tatsache, dass sie für ihn komplett auf ihre Privatsphäre verzichtet, allein ihre Sache ist und es den Männern nicht zusteht, das zu kritisieren. Natürlich hat sie Recht, die Männer müssen das einfach tolerieren. Aber wie sollen sie das, wenn sie dann, wie letztens, keinen Ort haben, um Sex zu haben? Im Gegenzug muss meine Freundin dann leider also auch akzeptieren, dass die Männer das nicht wollen.

Letzte Woche lernte sie online einen Kerl kennen. Sie machte sofort klar, dass ein Treffen bei ihr zu Hause nicht möglich sei. Bei ihm ginge es auch nicht (warum wohl? Aber das war ihr egal). Als ich sie fragte, wie sie sich das denn vorstelle, meinte sie, der Kerl könne doch ein Hotelzimmer für sie beide mieten. Natürlich kann er das, aber für den schnellen Sex mit einer Unbekannten ist das vielleicht doch ein wenig zu viel Aufwand.

Vorgestern lernte sie tatsächlich einen Kerl kennen, der das Match nicht nach dem ersten Telefongespräch löschte – und das, obwohl sie ihm Ihre Telefonnummer mit der expliziten Bitte gab, das Match im Anschluss nicht zu löschen ;-). Er hatte in seinem Profil deutlich gemacht, dass er nur Sex suchte, und das deckte sich mit dem Wunsch meiner Freundin. Der Mann sah nicht schlecht aus, erinnerte mich aber ehrlich gesagt ein bisschen an ihren bösen Ex, von dem Sie sich gerade scheiden lässt. Das allerdings ist ihre Sache.

Zunächst einmal wunderte sich meine Freundin darüber, dass der Mann sie sofort treffen wollte. Ich kenne das von mir selbst, wenn ich Bock auf Sex habe, will ich das sofort. Falls ich doch auf die irrsinnige Idee komme, mich auf ein Date eine Woche später einzulassen, ist es fast immer so, dass mir bis dahin die Lust vergangen ist. Meistens weiß ich das und lehne das Date dann ab, aber manchmal bin ich so notgeil, dass ich wider besseren Wissens zusage. Diese Dates sage ich immer kurzfristig ab.

Der Mann reagierte zunächst verhalten auf ihren Vorschlag, sich doch nächste Woche zu treffen. Eine Weile lang kamen keine Nachrichten mehr von ihm und meine Freundin war enttäuscht. Dann aber ließ er sich auf den Gedanken ein, sie nächste Woche Sonntag zu treffen. Meine Freundin freute sich wahnsinnig darüber und fing schon an, Pläne zu schmieden.

Dann aber verwirrte er sie. Sie schrieb mir eine Nachricht und erklärte, der Mann würde „komische“ Fragen stellen. Als ich fragte, was denn so komisch sei, zeigte sie mir den Dialog, in dem er sie fragte, ob sie gerne zusehe, wie ein Mann kommt. Ihre Antwort lautete, dass sie es schöner fände, wenn er in ihr komme. Sie hatte überhaupt nicht verstanden, dass der Kerl einfach nur eine Fantasie in seinem Kopf befriedigen wollte. Ich reagiere manchmal genauso wie sie, dies jedoch mit dem expliziten Wunsch, den Kerl zum Schweigen zu bringen. Mit so einer Reaktion kann man einen sexhungrigen Mann nicht bei der Stange – bzw. beim Schwanz – halten.

Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Der Mann versuchte offensichtlich, die 7 Tage bis zu dem Date mit dem Austausch schmutziger Fantasien zu überbrücken. Meine Freundin verstand das nicht, diese Frage hatte sie völlig abgeturnt.

Und so ging es weiter. Obwohl sie denselben Wunsch hat, wie die Männer, laufen ihr die Männer davon, da sie das nicht glaubhaft kommunizieren kann. In der Welt der Online-Sex-Dates wird eine bestimmte Sprache gesprochen. Wenn eine Frau spontanen Sex mit einem Mann wünscht, wird der Mann das nicht verstehen, wenn Sie vorher jegliche Gespräche über Sex ablehnt.

Natürlich bekommt sie auch die üblichen direkten Sexangebote und wird mit Würstchen (siehe Bild) überflutet. Das turnt sie ab (mich übrigens auch), aber wenn frau auf der Suche nach Sex ist, gehört es einfach dazu. Ich sage übrigens nicht, dass das gut oder okay wäre… Ich sage nur, dass man mit sowas rechnen muss.

Ich mache mir Sorgen um meine Freundin. Sie steckt mitten in der Scheidung und ist deshalb sehr verletzlich. In ihrem Kopf stellt sie sich vor, dass sie einen Mann langsam und höflich online kennenlernt, dass sie dann mit ihm einen Kaffee trinken geht und Nettigkeiten austauscht, bevor sie beide in seiner Wohnung oder in einem Hotelzimmer leidenschaftlich übereinander herfallen. Ich nehme an, dass der Mann auch gewissen optischen Kriterien entsprechen muss, und auch das kann ein Problem sein, da man online nur seine Schokoladenseiten zeigt.

Ich habe das einige Male durchgezogen, und wenn ich ehrlich bin, war es immer enttäuschend. Ich habe eine Idealvorstellung von einem Mann, nicht nur optisch, sondern auch intellektuell, und wenn ich lange vorher mit dem Mann kommuniziere, formt sich in meiner Fantasie das Bild dieses Idealmannes. Ich kann sozusagen nur enttäuscht werden.

Und dann frage ich mich, wie meine Freundin den unverbindlichen Sex mit einem Mann verpacken wird. Ich kenne sie zu wenig, um vorauszusehen, ob er sie emotional verletzen könnte. Das Gleiche gilt auch für sie selbst, sie hat einfach keine Erfahrung. Bei mir wäre das der Fall. Wenn Männer von Anfang an zugegeben haben, dass sie nur Sex wollten, und dass sie an einer Freundschaft kein Interesse haben, war das in der Regel auch so. Ich habe die Zärtlichkeiten beim Sex jedoch als Zuneigung interpretiert, nahm an, dass sich der Kerl doch wider Erwarten sofort unsterblich in mich verliebt hatte und fiel völlig aus dem Wolken, als er nach dem einen Sexdate plötzlich kein Interesse mehr an mir hatte. Zumindest nicht sofort. Oft meldete er sich nach Tagen oder Wochen Funkstille doch wieder und wollte wieder – was sonst? – sofort und ausschließlich Sex.

Ich weiß also von mir selbst ganz genau, dass ein reines Sexdate auf jeden Fall Liebeskummer bei mir bewirken wird. Ich habe es so oft erlebt, und jedes Mal bin ich auf mich selbst hereingefallen. Ich will das also nicht mehr. Das hat nichts damit zu tun, dass ich prüde bin oder meine, dass es sich für eine Frau nicht ziemt, einen Mann einfach nur für Sex zu treffen, ich will mir einfach nur möglichen Herzschmerz ersparen.

Aber es geht ja nicht um mich, es geht um meine Freundin. Ehrlich gesagt traue ich ihr diese Coolness nicht zu, die man braucht, um unverbindlichen Sex mit einem Mann zu haben. Sie ist zu unerfahren, sie ist zu verletzlich. Aber auch diese Erfahrung muss sie wohl selbst machen. Ich an ihrer Stelle hätte mir da auch niemals reinreden lassen. Aber ich bin ja vorbereitet und kann sie hoffentlich auffangen, wenn sie stürzt…

Tragikomödie

Das Ganze hatte dann gestern ein nahezu komisches Ende.

Nachdem mir meine Schwester versichert hatte, dass die Eltern am Tag des Streits nachmittags gegen 17 Uhr schon wieder in Heiler-Welt-Stimmung auf der Couch gesessen hatten, war ich wütend. Zurecht, wie ich finde. Zum gleichen Zeitpunkt saß ich hier und war gerade erst dabei, die Hoffnung aufzugeben. Das ändert natürlich nix daran, dass es dämlich von mir war, die vage Zusage meines Vaters ernst zu nehmen. Offenbar hat er in den Streits mit meiner Mutter gelernt, durch ein einfaches „Ja“ Ruhe zu bekommen, auch dann, wenn er eigentlich „Nein“ meint. Das habe ich ja früher schon oft genug erlebt.

Also schrieb ich ihm eine WhatsApp in der ich ihm sagte, dass ich sauer war. Allerdings keine normale Nachricht. Das wäre ja nur gegangen, wenn ich gewollt hätte, dass meine Mutter von seinem Gespräch mit mir erfährt. Meine Mutter überwacht meinen Vater genau, sein Handy ist auch ihr Handy.

Ich tat also so, als wäre das, was mir mit meinem Vater passiert war, mit einem anderen Freund passiert. Und meine Rechnung ging auf:

Meine Mutter schnappte sich das Handy sofort, und in ihrem Eifer, mir einen mütterlichen Rat zu geben und Männer allgemein zu verteufeln, empfahl sie mir, diesen Freund doch zu vergessen.

Mein Vater hatte gar keine Zeit, auf meine Nachricht zu reagieren, meine Mutter war zu schnell gewesen. Ist das nicht lächerlich?

Egal, er schrieb mir dann zeitgleich eine E-Mail von seinem Rechner im Keller (die sie wohl seltener liest, und wenn er sie nach dem Verschicken löscht, kann sie sie auch nicht finden) und entschuldigte sich für seine Nachlässigkeit.

Er erklärte, er wäre so im Stress gewesen, dass er mir einfach nicht antworten konnte. Als „Beweis“ für die Zustände zu Hause leitete er mir eine Nachricht von ihr vom nächsten Tag weiter. Da war er in der nächten größeren Stadt beim CT gewesen und meine Mutter fand, er hätte sich dort zu lange aufgehalten. Er erzählt, dass sie ihm immer zig böse Nachrichten schickt, wenn er etwas alleine macht. Er sitzt da echt in einem furchtbaren Gefängnis mit einer zickigen Wärterin.

Ich wünschte, ich könnte ihm helfen. Ich habe ihm vorgestern zugehört. Das ist vielleicht schon eine Hilfe. Es tut so weh, dass er mehr Unterstützung nicht zulassen kann.

Mein Papa

Dass meine Mutter dement ist und dass das in Kombination mit ihrer vermuteten narzisstischen Persönlichkeitsstörung eine giftige Mischung ist, habe ich ja schon oft genug erzählt. In meiner Therapie arbeite ich derzeit daran, mich intensiver von meinen Eltern abzugrenzen und Vorkommnisse aus dieser Ecke nicht so nah an mich herankommen zu lassen. Das gelingt mir ganz gut, ich habe meine Eltern in den letzten Monaten nur selten gesehen, und wenn doch, habe ich die Bedingungen diktiert. Anrufe konnte ich so dirigieren oder beenden, dass ich nicht verletzt wurde.

Meine Eltern streiten sich – laut Aussage meines Vaters – etwa zweimal pro Woche wirklich übel. Meine Mutter greift meinen Vater sowohl verbal als auch körperlich an. Sie nennt ihn Arschloch und hat auch weitere unschöne Begriffe für ihn auf Lager, aber sie spukt, tritt und beißt ihn auch. Schwer vorzustellen, wie diese gebrechliche Frau auf einem Bein stehen kann, um ihn zu treten, aber dennoch eine traurige Vorstellung.

Diese Streits entstehen, wenn mein Vater den Druck nicht weiter aushält und er schier explodiert. Er kann es ihr nicht Recht machen. Sie braucht Hilfe, bei allem was sie tut, fordert sie oft auch ein („Nimm meine Hand“, wenn er sie im Haus 5 Stufen runter zur Toilette bringen soll), wehrt sich aber offenbar mit Händen und Füßen, wenn er sie an die Einnahme von Tabletten erinnert, wenn er die Boshaftigkeit besitzt den Trockner auszuräumen, bevor sie dazu kommt, oder wenn er Wandern geht, ohne sie mitzunehmen, obwohl sie nicht mitkommen wollte. Diese „kleinen Streits“ haben meine Eltern täglich, und die einzige Weise, damit umzugehen, besteht darin, sich auf die Zunge zu beißen und die Vorstellungen meiner Mutter zu „validieren“. Oder anders ausgedrückt: Alle Prügel hinzunehmen und sie in dem Glaubben bestärken, dass sie Recht hat und man selbst ein armes kleines Würstchen ist.

Gut verständlich, dass mein Vater das nicht rund um die Uhr, 7 Tage die Woche und 30 Tage im Monat aushält. Ich schätze, er schafft es 14 Tage am Stück, bevor er nicht mehr kann und es zu einem großen Streit kommt, bei dem er die Taschen packt und sie „verlässt“.

Normalerweise ruft meine Mutter bei so einer Gelegenheit meine Schwester oder mich an, um sich über meinen Vater auszukotzen. Mir versaut so ein Anruf tatsächlich den Tag, da ich mir große Sogen um meinen Vater mache. In der Vergangenheit ist es mir aber immer wieder gelungen, diese Anrufe flott abzuwimmeln. Darüber hinaus schwingt natürlich auch die Angst mit, dass mein Vater meine Mutter tatsächlich verlässt und dann zunächst ich die Doofe bin, die die Rolle meines Vaters einnehmen soll und bespukt wird. Die einzige sinnvolle Alternative wäre natürlich ein Pflegeheim und entsprechende Medikamente, die ihre Panikattacken, ihre Halluzinationen, ihre Paranoia etc. in Griff bekommen. Die gibt es. Was es nicht gibt, ist ein Mittel gegen Demenz.

Vor Weihnachten hatte meine Mutter ein paar Mal bei mir angerufen, da meine Schwester auf Reisen war. Seit Weihnachten ist aber wieder Ruhe, Gott sei Dank.

Heute allerdings rief mich um 11 Uhr mein Vater an. Dass sich mein Vater bei mir auskotzt passiert maximal einmal pro Jahr. Er verwendet sein Handy so selten, sodass ich sofort wusste, dass ein Problem besteht, als ich seine Rufnummer sah.

Meine Eltern hatten sich gestritten, da mein Vater heute Wandern gehen wollte. Sie hatten sich gestern darauf geeinigt, dass meine Mutter nicht mitkommt, da sie weder Lust dazu hatte noch in der körperlichen Verfassung war, weite Strecken zu laufen. Diese Entscheidung schien ihr heute Morgen jedoch nicht mehr zu gefallen, denn nach Aussage meines Vaters hatte sie bereits beim Frühstück 2 Stunden ununterbrochen auf ihn eingehämmert und ihm alle nur erdenklichen oder auch unvorstellbaren Bosartigkeiten vorgeworfen. Es ist wirklich unglaublich, was dieser Mann sich anhören muss, und unglaublich, dass er es so lange aushält.

So hat mein Vater also heute Morgen seinen Rucksack gepackt und ist „ausgezogen“. Als er mich anrief, war er gerade 15 Kilometer (!) in die nächste große Stadt gewandert. Dass er das mit knapp 85 überhaupt noch kann ist ein Wunder, ich könnte das trotz meiner Sportlichkeit nur begrenzt, nach 10 km am Stück tun mir die Füße und Knie weh.

Er rief an, weil er sich ausweinen wollte. Das macht er praktisch nie. Und ich hörte ihm zu. Das ist ja zurzeit das Einzige, was ich tun kann. Es gibt keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Ich habe ihm schon Beratungsstellen und Ärzte empfohlen, wenn er sich aber nicht traut, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil er Prügel bekommt, sobald meine Mutter es herausfindet, sind mir die Hände gebunden.

Mir tat er so leid. Es gibt praktisch keinen Rat mehr, den ich ihm geben kann. Das, was er durchmacht, ist unmenschlich. Er gefährdet seine Gesundheit und hat zurzeit ein Magengeschwür deswegen – vermutet der Arzt. Die Untersuchung dazu folgt noch. Mein Vater erzählte mir die haarsträubendsten Streitfälle. Wie meine Mutter ihn bezichtigt, sie vergiften zu wollen, wenn er versucht sie dazu zu bringen, ihre Schilddrüsenmedikamente zu nehmen. Wie sie ihm vorwirft, Affären mit den Frauen aus der Wandergruppe oder von seiner Arbeit bei der Tafel zu haben. Es tut mir so leid, was er da durchmacht.

Die Ärzte und Berater, mit denen ich gesprochen habe, meinen allesamt, dass meine Mutter (und damit auch mein Vater) erst dann Hilfe bekommen wird, wenn sie richtig krank wird. Mein Vater beschrieb, dass sie schon seit Jahren nicht mehr zum Arzt geht („Ärzte sind alle gegen mich“), es müsste also ein größeres Problem auftreten, das dazu führt, dass sie in einer Arztpraxis oder einem Krankenhaus landet. Das ist natürlich nichts, was man sich normalerweise wünschen würde. Einmal beim Arzt wäre es dann möglich, sie zu diagnostizieren, und falls sie im Krankenhaus landet, auch medikamentös „einzustellen“. Aber wie gesagt, wenn das die Lösung sein soll, ist das nichts, auf das man sich freuen kann.

In meiner Ratlosigkeit habe ich meinem Vater angeboten, zu mir zu kommen oder ihn irgendwo zu treffen. Er war zu diesem Zeitpunkt etwa 30 Kilometer von mir entfernt, hatte jedoch kein Auto. Er hielt es für eine gute Idee, erkärte jedoch, dass er noch mal darüber nachdenken wolle. Ich kenn meinen Vater gut genug um ziemlich gut zu wissen, dass er dieses Angebot nicht annehmen wird. Wahrscheinlich hat er auch da Angst, dass meine Mutter es herausfiindet. Das würde dann auch große Probleme für mich bedeuten.

Ich fühlte mich verpflichtet, ihm zu helfen, und ich finde auch jetzt noch, dass mein Angebot, sich zu treffen, gut war. Aber eigentlich habe ich keine Zeit dafür. Ich habe heute ausnahmsweise mal eine Menge zu tun, und ich hatte auch eine Verabredung mit einer Freundin heute um halb 5. Ich nahm mir vor, die Verabredung zu verschieben und meine Arbeit auf den Abend/frühen Morgen zu verlagern.

Tja. Jetzt ist es 14.30 Uhr und ich habe nichts von meinem Vater gehört. Meine Verabredung habe ich abgesagt. Er sagte, er hätte genug eingepackt, um auch in einem Hotel übernachten zu können, aber ich habe keine Möglichkeit, das herauszufinden. Ich kann ihn nicht anrufen, denn wähle ich die Festnetznummer, laufe ich Gefahr, meine Mutter an die Strippe zu bekommen, die mich dann ebenso vollblubbert, rufe ich sein Handy an, dann kann es sein, dass meine Mutter daneben steht und bekannt wird, dass er sich zur Hilfe an mich gewendet hat. Falls er überhaupt ans Telefon geht.

Und so hat mein Vater bzw. meine Mutter also erneut durch einen Anruf meinen Tagesablauf durcheinander gebracht. Direkt während und nach dem Anruf saß ich buchstäblich zitternd hier und mir kamen die Tränen. Ich weiß noch nicht mal genau warum, denn das ist ja nun keine neue Situation für mich. Dennoch, der Anruf hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich habe also vorgearbeitet, um später Zeit zu haben, und ich habe meiner Freundin abgesagt, obwohl ich ein Treffen mit ihr für wichtig erachte. Ich habe sie online kennen gelernt, wir haben uns schon 2 Mal gettoffen und ich werde die nächsten drei Monate auf ihre Katze aufpassen. Es ist wichtig, dass sie mir vertraut. Außerdem kann man nie genug Freunde haben.

Ich habe auch etwas getan, was ich nicht geplant habe und was ich für „schwach“ halte. Ich habe der Freundin erkärt, was Sache ist, also dass ich mir den Nachmittag für meine Vater freihalte, und bei der Gelegenheit habe ich ihr mehr von der Problematik erzählt. Nachdem ich letzte Woche von meiner Freundin Andrea so niedergemacht wurde, die meinte, ich müsse endlich aufhören, mich mit meiner Mutter zu beschäftigen, ist das eine Niederlage. Ich wollte doch nicht mehr darüber reden! Jetzt zeige ich schon dieser neuen Freundin, wie „kompliziert“ ich bin.

Aktuelles Thema bei meiner Therapie gestern war die Tatsache, dass ich für die meisten Leute „zu intensiv“ bin. Dass meine Freundin Andrea so verständnislos reagiert ist hat mich geschockt, ist jedoch kein Einzelfall. Ich wurde von Frauen schon oft als „zu anstrengend“ ausgemustert. Das ist zurzeit ein Thema, dass all meine Kraft raubt.

Das ist auch der Grund, warum ich es hier aufschreibe. Ich muss mich auskotzen, und ich kann es nicht verbal tun, ohne ein schlehctes Gewissen zu bekommen. Eigentlich sollte ich es verstehen, denn ich will ja auch nicht, dass meine Mutter mich anruft um sich auszukotzen. Ich will nicht so sein wie meine Mutter!

Was für’n Scheiß.

Auflösung des Geschichten-Problems und komplexes Grübeln ;-)

Ich konnte es nicht lassen, ich habe meiner Freundin dann die „Porno“-Fortsetzung der Geschichte geschickt, einfach um zu sehen, wie sie reagiert. In ihrem Teil des Textes, der meinem voranging, hatte ich den Part markiert, der mich so gestört hatte. Da hatte ihre Protagonistin etwas getan, was dem widersprach, was ich vorher geschrieben hatte. Neben die Markierung habe ich sachlich geschrieben, dass sich das widerspricht und erforderlich machen würde, dass man meinen Part streicht. Ich sagte auch, ich fände das schade.

Meine Freundin hat sehr bestürzt reagiert und wollte es sofort „reparieren“. Zunächst fielen ihr nur ein paar ergänzende Sätze ein, die das Ganze aber meines Erachtens noch schlimmer machten. Jetzt haben wir uns darauf geeinigt, dass der überflüssig gewordene Teil neu geschrieben wird. Das hat sie getan und alles ist gut.

Ich habe so Probleme mit diesem „Problem“, da meine Freundin mich für zu kompliziert hält. Das hat sie mehrfach gesagt, und das hat mindestens einmal zu einem jahrelangen Bruch geführt. Deswegen bin ich ultra-vorsichtig, wenn ich sie kritisiere. Andererseits habe ich aber auch festgestellt, dass sie nicht nachtragend ist. Sie kann also Kritik oder Fehler auch registrieren und sie nach der Auflösung „vergessen“. Das ist eine Gabe, die mir völlig fehlt. Ich bin nachtragend.

Ich hoffe nun, dass meine Freundin etwas gelernt hat und den Fehler, meinen Text zu ignorieren oder obsolet zu machen, nicht wiederholt. Das Richtige wäre es, generell mit ihr darüber zu sprechen, was sie sich von unserer Schreiberei verspricht. Wir schreiben beide so, als ob wir für ein Publikum schreiben – das heißt, wir korrigieren Fehler und haben uns auch schon mal zusammengesetzt, um komplexe Handlungsstränge aufzulösen – aber wir sind uns beide sicherlich auch bewusst, dass wir so schnell nichts veröffentlichen werden.

Auch hier habe ich wieder die Angst, dass meine Freundin ein Gespräch über den letztendlichen Sinn unserer Schreiberei als für zu „kompliziert“ hält. Dazu komme ich aber später noch.

Was unsere Geschichte anbelangt, so ist für mich jetzt aber die Luft raus. Ich habe nun die heißersehnte Sex-Szene geschrieben, die für mich das Niveau der Geschichte um viele Kilometer senkt. Jetzt ist es eine Sexgeschichte und es geht nicht mehr um die Emanzipation der Frauen um die 50. Klar könnte man das jetzt ebenfalls einbringen, aber in meinem Kopf und Bauch passt das stilistisch nicht mehr zusammen. Die Protagonistin meiner Freundin hatte jetzt also Sex, und ich weiß eigentlich gar nicht, wie es weiter gehen soll. Meine Freundin neigt dazu, nur über eine heile Welt schreiben zu wollen, nach eigener Aussage, weil man sich das in der Fantasie – anders als in der Realität – ja leisten könne, ich halte das jedoch für kein gutes oder interessantes Storytelling. Ich habe es an anderer Stelle schon mal gesagt: Pornografie unterscheidet sich für mich von anderer Literatur dadurch, dass der Sex im Mittelpunkt steht und es so gut wie keinen Handlungsstrang gibt.

In dieser Geschichte wird es seitens meiner Freundin so aussehen, dass sie jetzt für immer glücklich mit ihrem angebeteten Lover zusammenlebt, und dabei wird sie vielleicht noch die eine oder andere Sexzene schildern. Gähn. Für meine Protagonistin sehe ich mehr vom inneren Konflikt, hat sie nun Sex mit dem jungen Fremden oder nicht, später wird dann ein weiterer Mann auftauchen, der sie in ein Dilemma führt. Ich will keine heile Welt beschreiben, das ist mir zu langweilig. Sehe ich das zu eng?

Ich weiß, welchen Mann sich meine Freundin als Vorlage ausgesucht hat. Irgendeinen knackigen türkischen Schauspieler, der mittlerweile vor allem in Italien erfolgreich ist. Bisher stand sie auf Jason Momoa, der neue Typ ist einfach nur die jüngere Ausführung davon. Extrem breite Schultern, viel Brustmuskulatur, Vollbart und viel zu lange Haare. Gar nicht mein Typ. Ich will nicht behaupten, dass er nicht gut aussieht – er sieht klasse aus und ich würde mich auf der Straße möglicherweise auch nach ihm umdrehen, aber er bringt nichts in mir zum Schwingen. Für mich ist das ein Schönling.

In der Strandszene, bei der es dann Sex gibt, hat meine Freundin den Typen auf dem Bild hier vor Augen. Sie hat ihm sogar dieselbe Badehose angezogen. Sie fügt gerne die Bilder in die Geschichte ein, um ihre Schilderung zu veranschaulichen.

Mich stört das. Beim Schreiben/Lesen ist es so schön, dass ich nicht durch Bilder beeinflusst werde. Ich kann mir mein eigenes Bild machen. Bei der Strand-Szene hatte ich zum Beispiel überhaupt keinen konkreten Mann vor Augen, ich schreibe einfach über Bruchstücke meiner Erinnerung. Ich könnte kein Gesicht dazu zeichnen. Wenn also Andrea so ein Bild einfügt, zerstört sie mein Leseerlebnis. Es gefällt mir nicht.

Auch hier wird wieder klar, dass ihre Absicht eine völlig andere ist als meine. Sie hat eine konkrete Fantasie vor Augen, die sie beim Schreiben auslebt. Wenn ich schreibe, möchte ich bei mir und beim Leser Fantasien erst auslösen. Macht das Sinn? Deswegen schreiben wir auch so unterschiedlich. Andrea würde den Mann als „unglaublich attraktiv“ beschreiben und sagen, dass ihr beim Anblick „heiß“ wird. Ich würde seinen Körper und Erscheinungsbild beschreiben und möglicherweise dazu sagen, dass mein Herz intensiver schlägt oder so.

Ihr merkt, ich habe viel zu viel Kritik an meiner Freundin. Genau über das Thema habe ich Dienstag in meiner Therapie geschrieben. Es liegt unter anderem daran, dass ich meine Freundin zu nahe komme. Ich versuche in meinen Beziehungen die Bindung nachzuleben, die ich gerne als Kind mit meiner Mutter gehabt hätte. Ich versuche immer, meine „Anhänglichkeit“ nicht preiszugeben und tue so, als wäre ich ultra-cool. Aber wenn die Person (Mann oder Frau), an die ich mich gerade so eng binde, mitbekommt, wie ich fühle, fühlt sie sich schnell erstickt. Ich habe das bei einigen Frauen erlebt. Ich bin „too much“ für sie. „Zu intenisiv“. „Zu kompliziert“. Daran muss ich arbeiten. Ich darf mich nicht mehr so eng an diese Personen binden, ich muss diesen Bindungswunsch irgendwie anders befriedigen oder vollkommen loswerden.

Und wenn ich mich so eng an eine Person binde, werde ich nicht nur verletzlich, sondern ich bin auch schnell enttäuscht. Ich habe ganz konkrete Erwartungen an meinen „Bindungspartner“, und eigentlich kann ich nur enttäuscht weden. Deswegen lege ich enge Freunde früher oder später immer als „nicht gut genug für mich“ ab. Möglicherweise spielt es dabei auch eine Rolle, dass ich mich „trenne“, bevor ich selbst verletzt werde. Bevor der Bindungspartner merkt, wie anhänglich ich wirklich bin oder bevor er mich verletzt, indem er etwas Böses sagt oder geht.

Das ist eine gute Erkenntnis, ich muss aber gucken, was ich in Zukunft damit machen werde. Es ist ja nicht so, dass jetzt, da ich das Muster erkannt habe, alles von selbst gut wird und ich diese Muster nicht mehr wiederhole. Ich verhalte mich ja nicht bewusst so, deshalb kann ich mein Verhalten und Fühlen so einfach bewusst auch nicht absstellen.

In meiner Therapie am Dienstag habe ich auch besprochen, dass meine Freundin Andrea eine eher oberflächliche Bindung wünscht, während ich eine sehr tiefe Bindung will. Ich glaube, Andrea kann gar nicht anders. Sie ist nicht so „tief“. Natürlich handelt, denkt und fühlt sie auch unbewusst, genauso wie ich oder andere, aber ihr ist nichts davon bewusst und sie hat auch kein Interesse daran, in diese tieferen Ebenen einzusteigen. Daran kann ich nichts ändern. Ich kann nur versuchen, meine tieferen Schichten vor ihr zu verbergen und mit ihr einen auf heile Welt und Sonnenschein zu machen.

Mir fällt auf, dass sie versucht, diese heile Welt, die sie in ihren Geschichten beschreibt, auch zu leben. Naja, wer will keine heile Welt haben, ich ja auch. Es geht aber so weit, dass sie Probleme völlig ignoriert. Es gelingt ihr, unangenehme Ereignisse zu verdrängen. „Ist passiert, kann ich eh nichts mehr daran ändern, da brauche ich nicht mehr drüber nachdenken“.

Bestes Beispiel ist erneut ihr Ehemann. Die Scheidung wurde eingereicht, ihr Mann hat der Scheidung nun widersprochen. Ich wusste gar nicht, dass das in Deutschland möglich ist. Ich habe mich schlau gemacht: Theoretisch reicht eine einseitige Erkärung darüber aus, dass die Ehe gescheitert ist, der andere Partner muss der Scheidung also nicht zustimmen. Praktisch jedoch kann er durch seinen Widerpsruch die Scheidung verzögern. Nach 3 Jahren dann würden sie jedoch automatisch geschieden.

Jetzt stellt sich doch die Frage, was er damit bezwecken will. Und hier unterscheiden sich Andreas und meine Vorgehensweisen um Welten. Andrea sagt: „Der Mann ist bescheuert, will ich nicht wissen, lohnt sich nicht drüber nachzudenken, würde mich nur aufregen.“ Und damit ist die Sache für sie gegessen, bis das nächste böse Schreiben vom Anwalt ihres Mannes kommt. Ich würde überlegen, was der Mann damit bezweckt. Will er mich nur ärgern, oder will er vielleicht an meine Rente oder so etwas? Und je nachdem, zu welchem Ergebnis ich komme, könnte ich jetzt schon versuchen, entsprechend vorbeugend zu handeln. Ich würde mich anders verhalten oder im Hintergrund Informationen besorgen, die mir helfen könnten, mit dieser möglichen Absicht meines Mannes klarzukommen. Oder ich würde mich stählern, um im Falle des Falles nicht zu erschüttert zu sein.

Und hier zeigt sich der Nutzen meines vielen Grübelns. Ich könnte damit vermeiden, dass irgendetwas Schlimmes passiert. Möglicherweise könnte ich mein Geld retten. Vielleicht wäre ich auch nur vorbereitet auf den nächsten Schlag, gegen den ich eventuell aber gar nichts ausrichten kann. So oder so, ich wäre meinem Gegenüber nicht so hilflos ausgesetzt.

Natürlich grübele ich auch über Dinge, die es nicht wert sind. Das ist die negative Seite meiner Persönlichkeit. Aber selbst wenn ich zu keinem Ergebnis komme oder meine Grübeleien zu den falschen Schlussfolgerungen führen habe ich eines gewonnen: Ich habe versucht, die Kontrolle zu behalten. Würde ich es nicht tun, wäre ich der Welt um mich herum völlig hilflos ausgesetzt. Ich müsste immer Angst vor dem nächsten „Schlag“ haben. Letztendlich ist es also der Wunsch, die Kontrolle zu behalten, der mich dazu führt, so viel zu „grübeln“.

Die Freundschaft zu Andrea werde ich aufrechterhalten. Ich werde aber versuchen, mich unabhängiger zu machen und dafür zu sorgen, dass sie nicht mehr meine engste Vertraute ist. An diesem Punkt war ich schon häufig. Immer wieder entscheide ich, dass ich keine Freunde brauche und alleine besser klarkomme. Und immer wieder falle ich auf die Nase. Nun ja. Ich weiß ja jetzt, warum ich das tue, und kann es beim nächsten Mal vielleicht verhindern. Und wenn es mir nicht gelingt, kann ich weiter daran arbeiten, eines Tages erfolgreich zu sein. Oder ist das vergebliche Liebesmüh?

Eines ist ganz wichtig: Ich bin nicht das Opfer, dem all diese Dinge plötzlich und unerwartet aufgrund der Bosheit oder Unzurechnungsfähigkeit der anderen geschehen. Und das ist gut.

Pornografischer Text

Nachdem ich meinen letzten Tagebucheintrag heute Mittag geschrieben hatte, kam mir die Lust, den erotischen Text zu verfassen, den meine Freundin Andrea so gerne von mir hätte. Ich fühlte mich provoziert. Ich kenne sie genug um zu wissen, dass sie sich einfach nicht traut, so einen Text zu schreiben, geschweige denn mir zu lesen zu geben, also kann ich sie überrumpeln, indem ich den ersten Schritt mache.

Eigentlich sollte das Schreiben eine Zusammenarbeit sein, kein gegeneinander Arbeiten, sich provozieren. Das ist weiterhin der Grund, warum ich es für sinnlos erachte, weiter an der Geschichte mit Andrea festzuhalten. Wir ergänzen uns nicht, wir versuchen uns gegenseitig zu präsentieren, vorzuführen, zu provozieren und zu beurteilen. Das ist nicht gut.

Aber hier ist er, der Text. Bitte seid Euch bewusst, dass es sich hierbei um PORNOGRAFIE (zumindest nach meiner Definition) handelt, lest also nicht weiter, wenn ihr allzu explizite sexuelle Texte nicht mögt.

LUST

Sie tollten eine Weile wie die Teenager im Wasser und konnten gar nicht mehr aufhören, zu lachen. Elena genoss den Nachmittag. Das Wasser war gerade warm genug, ein paar Wolken am Himmel vermieden, dass sie sich einen Sonnenbrand holte, und Elena versuchte, jeden Blick auf diesen so köstlich gebauten Mann in ihrem Gedächtnis zu speichern, um später davon träumen zu können.

Dann aber landete Elena nach einem fingierten Zusammenprall mit Jay plötzlich in einer zu starken Welle. Ihre Füße verloren an Halt und der obere Teil der Welle drückte sie nach unten, wo sie der Strudel immer wieder herumwarf. Elena musste so lange unter Wasser bleiben, dass sie es mit der Angst zu tun bekam. Jeder Versuch, aufzutauchen und nur ein wenig Luft aufzutanken, scheiterte.

Dann aber spürte sie, wie sie von starken Armen umfasst und seitlich aus dem Sog gezogen wurde. Als sie endlich wieder Luft holen konnte, fand sie sich in Jays Armen, der sie besorgt ansah.

Einen Moment lang hielt sie sich schlaff in seinen Armen, sie musste erst wieder zu Kräften kommen. Dann aber, als sie wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stand, bemerkte sie, dass Jay keinerlei Anstalten machte, seinen Griff zu lösen. Er blickte ihr einfach nur weiter in die Augen.

Jetzt oder nie. Elena schlang ihre Arme um seinen Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte fest entschlossen ihre Lippen auf seine. Im ersten Moment reagierte er nicht. Jays Lippen war eiskalt, salzig, aber weich. Dann aber merkte sie, wie sich sein Körper immer mehr an sie anschmiegte, und endlich erwiderte er ihren Kuss. Er verstärkte seinen Griff um ihre Taille und legte seine andere Hand in ihren Nacken, um es ihr leichter zu machen, sich einfach in seiner Umarmung fallenzulassen.

Seine Zunge fuhr vorsichtig über ihre Lippen, als wolle er das Salz ablecken. Dann aber eroberte er ihren Mund und er begann, sie tiefer zu küssen. Er saugte an ihren Lippen, spielte mit ihrer Zunge, bis Elena den Kuss erwiderte und begann, ihn ebenfalls zu schmecken. Sie vergaß das Wasser, die Wellen, die Sonne, sie nahm nur noch Jay und jeden Quadratzentimeter seiner warmen Haut wahr. Das Kribbeln strömte von ihrem Mittelpunkt bis in ihre Fingerspitzen, und sie stellte verwundert fest, dass sie trotz des Wassers, das ihre Hüften umspülte, spüren konnte, wie sie immer feuchter wurde.

Sein ganzer Körper schmiegte sich an ihren, und wenn sie kurz ihre Positionen veränderten, um sich noch tiefer zu küssen, drängte sich das kalte Wasser zwischen ihre erhitzten Körper, sodass sie sich noch intensiver spürten.

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass Jay sie langsam zurück an den Strand dirigiert hatte, plötzlich standen sie, immer noch in enger Umarmung, im Sand. Jay schob die Kleidung, die sie zuvor achtlos von sich geworfen hatten, beiseite und legte sie sanft im Sand ab.

„Davon habe ich seit unserer ersten Begegnung geträumt“, sagte er und streichelte sanft über ihren Oberarm. Seine Augen verhakten sich in ihren, als er mit dem Finger langsam die Konturen des Bikinis-Oberteils nachzeichnete und dann, am Rücken angekommen, mit einem lässigen Fingerschnippen den Verschluss öffnete.

Ganz kurz kam Elena der Gedanke, dass sie ja in der Öffentlichkeit lagen, dass sie jeder so sehen konnte, aber als sich Jay auf sie legte, um ihren Körper vor ungewünschten Blicken zu schützen, verwarf sie den Gedanken sofort wieder. Das hier war viel zu schön!

Eine Weile lag er auf ihr, während sie sich weiter küssten. Dann erwachte Elena wie aus einer Trance und begann, mit ihren Händen auch seinen Körper zu erkunden. Selbst am Rücken konnte sie seine trainierten Muskeln spüren. Sie spürte sein Herz direkt über ihrem schlagen, und der Sand fand seinen Weg zwischen ihre Körper und intensivierte die Berührung.

Als Elena ihre Hand unter seine Shorts auf seinen nackten, kalten Hintern legte, sah er sie fragend an. Dann aber, ohne ihre Reaktion abzuwarten, richtet er sich kurz auf streifte die Shorts ab, um sich völlig nackt auf sie zu legen.

Die Skrupel schlichen sich immer wieder wie Blitzlichter in ihre Gedanken, aber mit jedem Zentimeter Haut, den Jay berührte, wurde das, was um sie herum passierte, unwichtiger. Sie spürte, wie sich seine Härte gegen sie drängte, und sie erwiderte den Druck, indem sie ihm ihr Becken fast wie ferngesteuert entgegenstreckte. Sie bewegten sich in einer Einheit, ohne zu überlegen, einfach nur lustgesteuert.

Immer wieder hielt Jay inne und schaute ihr tief in die Augen. Manchmal spürte sie in seinem Blick Bewunderung, manchmal schien es auch so, als würde er sie um Erlaubnis bitten, weitermachen zu dürfen.

Sie dachte gar nicht darüber nach, als er mit dem Finger den Rand ihres Bikiniunterteils anhob und sie fragend anblickte. Sie nickte einfach, natürlich wollte sie ihn, sie hatte gar keine Wahl!

Durch ihr Nicken bestätigt schob Jay ihren Bikinislip beiseite und legte sich so auf sie, dass sein Schwanz hart gegen ihre Mitte klopfte. Sie konnte spüren, dass er vor Lust pulsierte. Jay hatte mittlerweile die Augen geschlossen und drängte sein Becken rhythmisch gegen ihres, er schien auch nur noch lustgesteuert zu handeln.

Seine Stöße wurden immer intensiver, und als sein Schwanz dann plötzlich immer tiefer zwischen ihren Beine pulsierte und durch ihre Feuchtigkeit ihrem Lustzentrum jedes Mal ein kleines bisschen näher kam, stöhnte sie auf.

Jay hielt sofort inne und sah sie besorgt an. „Ist das in Ordnung?“, fragte er. Ja, alles war okay. Elena konnte nur nicken und zog Jays Kopf näher zu sich heran, um ihn zu küssen.

Und dann spürte sie, wie sich Jays Schwanz gezielt vor ihren Eingang legte und er mit seinem ganzen Gewicht gegen sie drückte. Und wie er in Zeitlupe in sie hineinrutschte.

Elena hielt die Luft an, und es sah so aus, als würde Jay dasselbe tun. Er ließ sie nicht aus den Augen, während er sich Millimeter für Millimeter vorarbeitete. Und dann war er angekommen. Er stieß gegen ihre innerste Mitte, und in ihr explodierte ein lustvoller, dennoch aber kaum auszuhaltender Schmerz.

Das war ihr G-Punkt, den sie da spürte, nahm sie an, aber der Gedanke kam und ging in einem Sekundenbruchteil. Obwohl er still in seiner Position verharrte, konnte Elena jeden seiner Pulsschläge in ihrer Mitte fühlen. Jede noch so kleine Bewegung seines Schwanzes löste bei ihr Glücksgefühle aus, und sie hielt weiter die Luft an, um bloß nichts zu verpassen. Es war ein Kribbeln, das an einem Punkt hinter ihrer Klitoris, tief in ihrem Inneren, schmerzhaft begann und sich mit jedem seiner Stöße weiter und wärmer in ihr ausbreitete. Mit jeder Bewegung löste sich die schmerzhaft vibrierende, lustvolle Anspannung ein bisschen mehr und verteilte sich über ihren G-Punkt und die Klitoris bis in die Zehenspitzen, die Fingerspitzen, überall.

Ende der gemeinsamen Geschichte

Wie schon in meinem letzten Beitrag angedeutet, werde ich aufhören, gemeinsam mit meiner Freundin Andrea an einer Geschichte zu schreiben. Das Erlebnis ist zu intim, wir lernen un zu gut kennen und möchten der anderen dabei die eigenen Verhaltensweisen aufbrummen, weil wir sie für richtiger halten. Gestern ist etwas passiert, was mich nach dem „Fast-Streit“ über den Sinn oder Unsinn meiner Therpaie nachhaltig geschockt hat. Ich bin traurig über diese Entwicklung und weiß auch noch nicht, wie ich sie umsetzen werde. Also konkret: Wie ich meiner Freundin sagen werde, dass ich nicht mehr mit ihr schreiben möchte.

Ich könnte einfach aufhören zu schreiben und die Sache unter den Tisch kehren. Wahrscheinlich wäre meiner Freundin das am liebsten. Ich halte das aber für feige. Mich würde durchaus interessieren, was andere dazu denken.

Die Probleme:

Ich habe ja schon in anderen Beiträgen erklärt, dass Andrea und ich uns in unterschiedlichen Lebensphasen befinden. Wir sind beide Single, aber sie möchte noch auf erotische Entdeckungsreise gehen, während mich das überhaupt nicht mehr interessiert. Oder anders, etwas positiver ausgedrückt: Meine erotische Entdeckungsreise geht weg von wilden Sexpraktiken mit immer neuen Männern und hin zum Liebe-Machen mit dem einen Mann, mit dem ich für immer zusammen bleiben möchte.

Andrea hat nach 23 Jahren Ehe gerade ihre Lust wieder entdeckt und für sich festgestellt, dass es völlig okay ist, einfach nur so aus Lust mit einem Mann Sex zu haben. Das ist für sich genommen eine wichtige und gute Erkenntnis, sie hat Recht damit. Ich hatte diese Erkenntnis jedoch schon 25 Jahre vor ihr und habe die sich daraus resultierenden Handlungsweisen in jeglicher erdenklicher Form ausprobiert.

Ich habe also überhaupt nichts dagegen, dass Andrea (mit 58) auf der Suche nach Sex ist. Ich finde es sogar gut. Sie hat etwas nachzuholen. Bei mir rennt sie offene Türen ein. Ich bin ganz auf ihrer Seite. Ich vermute aber, dass sie mich dennoch in die Schublade ihrer anderen Bekannten packt, denn die Mehrheit der Menschen in unserem Alter ist der Meinung, dass nur ein „Luder“ Sex mit beiliebigen Männern hat. Frauen haben verdammt noch mal nur dann Sex mit Männern zu wollen, wenn sie eine lange Beziehung eingehen wollen. Ihre Schwester hatte sie mal beschuldigt, dass sie die Frauen in ihren Geschichten zu „leicht“ (zu haben) anlegt. Andrea war damals völlig entsetzt, und ich konnte es damals nicht nachvollziehen. Damals.

Wenn sie schreibt, schreibt sie, um ihre Fantasien auszuleben. Sie traut sich selten, ihre Träume zu verwirklichen, aber beim Schreiben geht es. Letztendlich, so ist mir aufgefallen, ist es bei mir nicht anders. Mein Traum ist jedoch nicht, wilden Sex mit unbekannten Leckerchen zu haben, sondern einfühlsamen Sex mit dem einen Einzigen. Beides hat seine Daseinsberechtigung.

Nun geht es in unserer Geschichte um zwei Frauen, die jeweils sie und mich darstellen. Andrea möchte in dieser Geschichte Sexabenteuer beschreiben, und ich befürchte, sie möchte (unbewusst) sich auch an meinen Beschreibungen aufgeilen. Während es mir überhaupt keine Schwierigkeiten bereitet, ihre Person in entsprechende Situationen zu bringen (beides, in der sie Sex hat oder in der sie den Mann nur weiter kennen lernt), versucht sie immer wieder, meine Figur in Situationen zu bringen, in denen sie unbedingt Sex mit einem beliebigen Mann hat. Bisher konnte ich das immer noch abwenden, aber ich weiß, dass sie es nicht gut fand. Ich glaube, sie denkt, sie tue mir einen Gefallen. Sie glaubt, ich sei zu schüchtern.

Vorgestern war sie mit ihrer Geschichte an einem Punkt angekommen, an dem ich beim Weiterschreiben festlegen musste, ob ihre Figur nun Sex hat oder nicht. Ich ließ es offen. Ich ließ die Figur hübsche Dessous auswählen, damit sie für den Fall der Fälle gerüstet war, und beschrieb die erste Begegnung mit dem Mann. Ich hörte auf, bevor die beiden sich küssten, nachdem er ihre Hand genommen hatte.

Warum ich genau an dieser Stelle aufgeghört habe? Nun, nicht, um sie vom Sex abzuhalten, im Ggegenteil, ich hatte alle Weichen dafür gestellt, und ehrlich gesagt wusste ich auch, dass sie es zum Sex kommen lassen wollte. Ich würde mich ihr da nie in den Weg stellen. Vordergründig einfach, weil ich bereits 3,5 Seiten getippt hatte und das schon relativ lang war. Hintergründig aber auch, weil ich meiner Freundin die „Kontrolle über ihren eigenen Körper“ überlassen wollte. Ich wollte, dass sie selbst entscheidet, was passiert. Sie jedoch sagte mir offen, dass ich die Figur wahrscheinlich „anständig“ halten wollte. Bullshit.

Damit war sie also gar nicht glücklich. Sie schrieb mir, dass sie das Gefühl hatte, ich sei dem Sex aus dem Weg gegangen. Ja, irgendwie hatte sie Recht. Aber sie schrieb noch einiges andere. Sie forderte mich auf, meine Protagonistin nicht so so sehr auf mir selbst aufzubauen, sondern ihr mehr Freiheiten zu lassen. Sie erklärte, dass sie ihre einge Figur so beschriebe, wie sie sein wollte, und dass das ja auch das Schöne am Schreiben sei, dass man mit den Figuren das machen könne, was man selbst in der Realtität nicht tun würde. Sie meinte, sie hätte den Eindruck, ich sei zu schüchtern, weil ich mit der Figur zu sehr in der Realität verwurztelt sei. Das sollte ich ändern.

Sie hatte gar nicht verstanden, dass ich meine Figur so „prüde“ angelegt hatte, weil ich das möchte. Weil auch ich gerne so wäre. Ich habe keinesfalls das Gefühl, dass ich mich einschränke. Ich muss den wilden Sex mit fremden Männern nicht mehr herbei-fantasieren. Ich schreibe zudem in meinem eigenen Buch darüber. Ich hatte meinen Charakter in unserer Geschhichte auf mittlerweile etwa 50 Seiten entwickelt, und sie war eine Frau, die Skrupel davor hatte, beim ersten Mal mit einem Mann ins Bett zu gehen. Den Forderungen, meiner Figur eine etwas lockerere Einstellung mitzugeben, konnte und wollte ich nicht nachgehen: Ich finde es einfach nicht spaßig, und es ist auch zu spät. Wenn ich meine Figur „lockerer“ machen wollte, müsste ich zig Seiten löschen. Und es ist auch meine Sache. Wenn sie die Geschichte nach ihrem Geschmack geschrieben haben möchte, muss sie sie selbst schreiben.

Andrea stört sich daran, dass ich meine Figur zu sehr als Ann sehe. Allein die Tatsache, dass sie die Persönlichkeit meiner Figur kritisiert, finde ich unangemessen. Ich verstehe ihre Beweggründe, aber ich schreibe nicht für sie allein an der Geschichte. Ich schreibe für uns. Das bedeutet, dass ich auch für mich schreibe. Und ich schreibe auch für einen möglichen Leser: Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass ein Leser eine Liebesgeschichte ohne Spannungsbogen nur dann lesen möchte, wenn sie Spannung in Form von Pornografie enthält. Wenn Sex nicht auf der Hälfte der Seiten wichtig sein soll, muss die Handlung im Vordergrund stehen.

Sehe ich das zu eng? Ich halte eine Geschichte nicht für eine gute Geschichte, wenn es nur darum geht, dass eine Frau zufällig einen leckeren Mann kennen lernt, sie sich verlieben und dann viel Sex haben und möglicherweise einmal heiraten. Klar, bei den meisten Geschichten läuft es darauf hinaus, aber man muss doch einen Spannungsbogen reinbringen, oder? Irgendeine Handlung?!

Und genau das ist es, was mir bei ihr fehlt. Sie hat kein Interesse an möglichen Konflikten. Sie könnte sie wahrscheinlich auch gar nicht beschreiben, weil sie selbst Konflikte nicht hinterfragt. Wenn ihr Ex-Mann was Blödes macht, dann liegt das daran, dass er doof ist. Punkt. Warum er das macht, was er macht, und wie sie ihn möglicherweise beeinflussen könnte, interessiert sie nicht. Diese Sichtweise ist mir völlig fremd.

Sie möchte eine Sexgeschichte schreiben, so scheint es mir. Und da ich von ihr bisher keine Sexzenen gelesen habe, außer kurz einmal was über einen „heißen Kuss“, gehe ich davon aus, dass sie möchte, dass ich in Vorleistung gehe. Gestern hatte ich wirklich das Gefühl, dass sie mir ihre Figur gab, damit ich sie dann zum Sex bringen konnte. Per se habe ich nichts dageegn, ich hätte es auch noch gemacht, aber es ist eben in meiner Welt nicht so (interessant), dass sich zwei treffen und sofort über einander herfallen. Es gibt durchaus noch eine Art Vorspiel. Und das ist nicht prüde und auch nicht feige.

Sie war also enttäuscht von meinem Geschreibsel und schickte mir ihre Fortsetzung gestern relativ flott. Sie ließ die beiden Figuren miteinnader baden gehen, aber das Bikini-Gezuppele kam mir so kompliziert vor, dass ich gestern nicht die Geduld hatte, es zu durchblicken und zu sehen, wohin es führen könnte. Aber grundsätzlich habe ich jetzt also eine Figur vor mir, die kurz davor ist, mit ihrem Traummann Sex zu haben.

Ich überlege, ob ich ihr nicht aus Trotz eine saftige Sex-Szene schicken soll. Dann hat sie was sie will, wird aber auf jeden Fall auch eingeschüchtert sein. Vielleicht gebe ich ihr damit, was sie will. Aber ist es die Mühe wert?

Es war gestern zu spät, um mich noch ausgiebig damit zu befassen, aber eine weitere Sache (neben all dem, was ich hier beschrieben hatte), törnte mich noch schlimmer ab:

Ich hatte in meinem Teil der Geschichte beschrieben, wie die beiden Freundinnen gemeinsam hübsche Dessous für die Figur meiner Freundin aussuchten. Dabei konnten beide noch mal deutlich zum Ausdruck bringen, wie sie sexuell drauf sind. Meine Prota zurückhaltend, ihre nicht so. Als Andrea aber nun die Geschichte fortsetzte, hatte ihre Figur plötzich keine Dessous mehr an. In einem Nebensatz hatte sie erwähnt, dass sie ihn kurz vor der Abfahrt (den Teil, den ich geschrieben hatte), doch noch mal kurz gegen einen Bikini ausgestauscht hätte. Das hat mich vor den Kopf gestoßen: Da beschreibe ich über eine Seite lang sexy Dessous und was man damit machen kann, und sie zieht der Figur im Hintergrund die Dessous einfach wieder aus. Klar, es ist ihre Figur und sie darf ihre Dessous natürlich auch wieder ausziehen – aber nicht in einer Art, die meinen Text völlig überflüssig macht. Für die Geschichte wäre es jetzt am besten, wenn man den Dessous-Teil von mir einfach löschte.

Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. In unserer anderen Geschichte hatte sie eine Ohnmacht einfach so übergangen. Die Figur war sofort wieder aufgewacht und keiner schien es bemerkt zu haben – sehr unwahrscheinlich. Ich halte dieses Verhalten für respektlos, ich verstehe auch nicht, warum sie das tut. Sagt einem nicht der gesunde Menschenverstand, dass das respektlos ist? Sie hätte mich bitten können, statt der Dessous über einen Bikini zu schreiben, sie hätte die Dessous an späterer Stelle in ihrem Text auch gegen einen Bikini austauschen können, kein Problem. Sie hätte sogar eine interessante Szene darüber schreiben können, dass die Figur dummer Weise nur Dessous und keinen Bikini trug. Und außerdem kann man auch in Dessous ins Wasser gehen. Aber meine Vorgabe einfach so unter den Tisch zu kehren, das hat mich gekränkt. Ich finde, das tut man nicht.

Das ist nur eine Kleinigkeit, aber sie hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Andrea ist nicht die richtige Schreibpartnerin für mich. Sie schreibt zu oberflächlich und hatte nicht dieselben Ziele wie ich. Ich muss befürchten, dass ihr nicht gefällt, was ich schreiben. Wir passen schriftstellerisch nicht zusasmmen.

Jetzt stellt sich mir nur die Frage, wie ich ihr das verklickere. Lasse ich das einfach unter den Tisch fallen oder erkläre ich ihr, was ich fühle? Oder ist das dann auch schon wieder zu viel für die Frau, die nicht über Beweggründe nachdenken möchte?

„So psychologisch bin ich nicht unterwegs“

Es ist so weit. Ich musste feststellen, dass das Schreiben mit meiner Freundin zu „intim“ ist und werde es deshalb einstellen. Es ist eine lange Geschichte, ich hole weit aus und werde in diesem Beitrag über ein konkretes Problem außerhalb der Geschichte schreiben, in einem weiteren Beitrag über die Geschichte selbst.

In meiner Therapie lettze Woche hatten wir über Ähnlichkeiten meines Verhaltens mit dem meiner Mutter gesprochen. Eigentlich bspreche ich die Theerapie nicht mit meinen Freunden, auch nicht mit Andrea, aber zufällig sprachen wir über ein ähnliches Thema und ich erzählte ihr von einer Parallele. Ich möchte hier ganz deutlich betonen: Ich spreche mit Andrea nicht über meine Therapie und auch nicht über meine Arbeit an meiner Person. Es kommt alle 10 Wochen vielleicht mal vor, dass ich etwas zu dem Thema sage, und meist ist es ganz kurz. Zum Thema meiner Mutter war sie jedoch bisher immer regelrecht neugierig, da sie sie auch bereits als Teenager kennen gelernt hatte und sie immer schon „seltsam“ fand. Ini diesem Sinne finde ich es toll, mit einer Freundin gemeinsam zu lästern, denn sie versteht mich wirklich ganz genau.

Warum ich überhaupt über diese Dinge schreibe? Weil sich beim Schreiben meine Gedanken „strukturieren“ und es mir so gelingt, Dinge besser zu verstehen.

Ich hatte also meiner Freundin Andrea über eine Parallele erzählt, die ich während unseres Gesprächs zwischen mir und meiner Mutter entdeckt hatte. Ich war so aufgeregt, das war so eine wichtige Erkenntnis für mich, dass ich es sofort loswerden musste. Die Reaktion meiner Freundin erschrank mich jedoch:

Sie wurde regelrecht wütend und schickte mir im Sekundentakt längere Nachrichten dazu, dass ich endlich damit aufhören müsse, mir über meine Mutter Gedanken zu machen. Ich müsste in den all den Jahren doch festgestellt haben, dass es nichts bringt. Ich hätte auch mein Leben lang Therapie gemacht, und auch die hätte nichts gebracht. Ich sollte also dringend und sofort mit der Therapie aufhören und mich nicht mehr mit meiner Mutter beschäftigen.

Ich war völlig geschockt. Zunächst einmal, weil sie offenbar so wütend wurde und so viele Nachrichten nacheinander schickte. Ich reagierte überhaupt nicht, auch nicht, um mich zu rechtfertigen: Ich denke durchaus, dass meine Therapien etwas gebracht haben, schließlich sind meine Panikattacken weg und ich verstehe viele meiner Muster viel besser. Ich leide heute deutlich weniger als noch vor 10 oder 20 Jahren. Aber natürlich leide ich weiterhin, da hat sie Recht.

Ich war aber auch geschockt, weil sie mir riet, die Therapie aufzugeben. Ich hatte die Therapie letzten Herbst begonnen, weil ich alleine nicht mehr mit mir klarkam. Weil ich im Mai eine Art „Nervenzusammenbruch“ bekommen habe, bei dem ich mich wochenlang schlaflos im Bett mit Selbstmordgedanken gequält habe. Auslöser war ein Streit meiner Eltern gewesen, und mein Ziel in der Therapie ist es jetzt konkret, meine Distanz zu meinen Eltern auszubauen, aufrechtzuerhalten und mich dabei wohlzufühlen. Und ich war erfolgreich. Oft sind es kleine Schritte, aber sie sind sichtbar. All das weiß meine Freundin natürlich nicht, weil ich mit ihr nicht über meine Therapie spreche.

Ich entschloss mich, nicht auf ihre Tiraden zu antworten und in Zukunft eben nicht mehr mit ihr über diese Dinge zu reden.

Eine halbe Stunde später bekam ich jedoch eine freundliche E-Mail, in der Andrea meinte, ich könnte natürlich jederzeit mit ihr über diese Dinge sprechen, sie hätte nur das Gefühl, dass das Thema für mich jedes Mal schmerzhaft wäre. Auch darauf habe ich nicht geantwortet, was gab es dazu noch zu sagen?

Ich wusste, dass man die Dinge bei ihr am besten unter den Teppich kehrt, und das machte ich auch. Ich meldete mich ein paar Stunden später bei ihr und erklärte, dass ich wusste, dass sie es nicht böse meinte (und das weiß ich wirklich), dass ich mich jedoch nach dieser Kopfnuss erst einmal erholen musste. Ihre Antwort: Sie hätte mir die Kopfnuss mit Absicht verpasst. Auch dazu sagte ich nichts.

Andrea ist anders als ich, und wir hatten gestern ein Gespräch, das genau zeigt, inwieweit sie anderss ist. Es ging um drei erfolglose Tinder-Dates. Bei all diesen Männern war der Abschied ohne eine weitere Planung ihrer zukünftigen Treffen beendet worden. Oder konkreter: Andrea wusste nicht, was die Männer von ihr dachten, ging aber davon aus, dass sie ihnen nicht genügte, da sie zu langweilig war. Oder so. Aber statt sich mit diesem offenen Abschied abzufinden, den sie ja selbst mit verursacht hatte, schrieb sie alle drei Männer am Folgetag doch noch einmal an. Und das, obwohl sie mir gesagt hatte, dass es nichts mehr zu bereden gäbe und sie die Männer nicht mehr treffen wollte. Und jede dieser Ansprache endete mit einer mehr oder weniger freundlichen Abfuhr, unter der sie litt.

Als ich sie fragte, warum sie sich denn überhaupt noch mal bei diesen Männern gemeldet hatte, meinte sie, dass es doch nette Menschen gewesen seien, und es hätte sie einfach interessiert, was sie denken. Nun, meine Eigenheit ist, dass ich oft versuche, zu erkunden, warum ich (oder andere) so handeln, wie sie es tun. Die Erklärung „Ich war neugierig“ reichte mir nicht aus. Neugierig sein ist ein Symptom eines anderen Gefühls. Also fragte ich sie, was dahinter steckte. Ich selbt hatte mir durchaus einen Reim darauf gemacht, mit ihr aber nicht darüber gesprochen, da ich es für übergriffig halte.

Ihre Antwort auf mein Nachbohren: „Ne, so psychologisch bin ich nicht unterwegs. Ich möchte ihn zum Reden bringen und wissen, was er geacht hat.“

Nun, das ist für mich keine Antwort, aber da ich meine Freundin kenne, ließ ich es darauf beruhen. Sie möchte es nicht wissen, und wenn ich sie dränge, wird sie sich erst recht nicht damit befassen. Aber diese Aussage „Ich bin so psychologisch nicht“ wahr augenöffnend:

Sie glaubt tatsächlich, dass es bei ihr keine tieferen Hintergründe für ihre Handlungen gibt. Dass Neugieride ein ausreichender Grund ist, sich immer wieder eine schmerzhafte Ohrfeige von diesen Männern einzufangen.

Und das erklärt den Unterschied zwischen ihr und mir: Sie würde niemals ergründen wollen, warum sie selbst bestimmte Dinge tut, selbst dann nicht, wenn sich die negativen Ergebnisse aufgrund immer derselben Verhaltensweisen wiederholen. Ich kann da nichts machen, im Grunde genommen wusste ich es ja auch schon. Es erklärt jedoch, warum sie so wenig Verständnis zu meinen Gedanken über meine Mutter (bzw. alles, was damit zu tun hat), hat. Sie ist einfach völllig anders gestrickt und empfindet es nicht als hilfreich, sondern als lästig. Möglicherweise wäre es für sie auch zu schmerzhaft, darüber nachzudenken, warum sie sich bei all diesen Männern einen Korb einholen wollte. Das ist aber völlig okay und ihre Sache.

Schreiben (mit meiner Freundin)

Wie Ihr wisst, schreibe ich ja zurzeit recht viel. Ich schreibe an einer eigenen Geschichte, und ich schreibe eine Geschichte gemeinsam mit meiner Freundin.

Bei meiner eigenen Geschichte mache ich zurzeit gute Fortschritte. Ich habe mich aber entschlossen, sie zunächst noch nicht zu veröffentlichen (hier als Fortsetzungsgeschichte). Ich habe ein paar Gründe dafür: Der wichtigste ist der, dass es sich um „Work in Progress“ handelt, das heißt, ich ändere auch heute noch Sätze in Kapitel 3, obwohl ich schon bei Kapitel 23 bin. Es wäre dumm, mich durch das Veröffentlichen festzulegen. Und der zweite Grund ist meine Unsicherheit zum Thema Urheberrecht. Das ist vielleicht falsch ausgedrückt: Was, wenn aus der Geschichte ein Buch wird, das ich sogar veröffentliche, dann aber schon Teile hier zu lesen sind? Darüber hinaus waren eure Reaktionen ja auch so spärlich, dass ich den Eindruck habe, dass das nicht wirklich jemanden interessiert. Also, ich habe entschieden, hier zunächst noch nichts zu veröffentlichen.

Mit meiner Freundin Andrea habe ich eine neue Story begonnen. Die alte wurde zu komplex und wir hatten beide kein großes Interesse mehr daran. Es drehte sich immer mehr um einen Kerl, den meine Freundin gut findet, mit dem ich aber nichts anfangen konnte. Ich habe ja schon davon berichtet. Andrea lebt durch das Geschichtenschreiben ihre Fantasien aus, aber dabei gehe ich dann verloren.

Die neue Geschichte, die wir begonnen haben, dreht sich jetzt aber um zwei einzelne Frauen, zwei Freundinnen. Damit vermeiden wir, dass es sich implizit nur um eine Person dreht, während die andere verwundert und relativ unbeteiligt mitschreibt. Diese neue Geschichte ist spannend, aber natürlich gibt es nach wie vor dieselben Probleme: Meine Freundin verwendet Worte wie „unglaublich“, „ungeheuer“ zu häufig, denn ich bin der Meinung, dass es sinnfrei ist, z. B. ein Wasser als „unglaublich grün“ oder Augen als „unglaublich schön“ zu beschreiben. „Unglaublich grün/schön“ ist eine Empfindung die ich habe, es beschreibt nichts. Wenn ich möchte, dass der Leser diese Empfindung hat, muss ich das Wasser oder die Augen genauer beschreiben. Bei mir führten diese oberflächlichen Beschreibungen dazu, dass ich nicht mitfiebern konnte. Auch jetzt wieder hat eine Figur ständig „heiße Gefühle“. Okay, verstehe ich, aber welche Gefühle hat sie denn, dass ihr heiß wird? Mir ist das wirklich zu lari-fari. Und ich weiß nicht, wie ich ihr sagen kann, dass ich mir eine Beschreibung wünsche, die so intensiv ist, dass ich mit den Figuren mitfühle. Dass ich nicht gesagt bekommen möchte, dass etwas schön ist, sondern dass ich mir mein eigenes Urteil darüber machen möchte.

Eine andere Sache äußert sich auf einer eher persönlichen Ebene und liegt, soweit ich es beurteilen kann, an den unterschiedlichen Entwicklungen unserer beiden Personen. Andrea war den größten Teil ihres Lebens verheiratet und hatte ihr letztes Date so etwa mit 25 – vor 30 Jahren. Damals war die Welt noch anders, bzw., wir haben sie anders wahrgenommen. Damals hatten wir auch ganz andere Prioritäten bei der Partnersuche. Andrea suchte einen Mann fürs Leben, einen Vater für ihre zukünftigen Kinder, und mir ging es ebenso.

Dann aber trennten sich unsere Wege. Während Andrea die nächsten 25 Jahre Hausfrau und Mutter spielte, lebte ich meine Sexualität aus. Wer mich kennt weiß, dass es kaum etwas gibt, was ich sexuell nicht ausprobiert habe. Die einzige Ausnahme sind Dinge, die illegal wären oder Dinge, die so absurd sind, dass ich sie mir nicht vorstellen könnte. Ich habe wirklich jede einzige meiner Fantasien ausgelebt. Gerade die gängigen Fantasien habe ich alle „durch“. Ich war Callgirl, ich habe mich gespielt vergewaltigen lassen (und es leider auch in echt erlebt), ich war auch Domina und Sklavin. Ich hatte Sex mit Männern, die ich meinte zu lieben, ich hatte One Night Stands einzig und allein deshalb, um fremde Haut zu spüren. Zu zweit, zu dritt, zu fünft. Mit völlig Unbekannten und guten Freunden. Auf dem Klo, im Aufzug oder im Stroh. Sogar einmal mit verbundenen Augen mit einem Promi ;-).

Wenn ich erotische Filme sehe und dann beobachte, wie eine Frau von einem Macho verführt wird, kann ich oft nur gelangweilt gähnen. „365 Days“ war so eine Geschichte. Oder „Fifty Shades of Grey“. Ich hab das alles selbst erlebt, und natürlich war das mehr oder weniger geil, ich weiß jedoch, dass ich das nicht mehr will. Ich will nicht mehr von einem Mann mit Waschbrettbauch überwältigt werden. Ich möchte auch nicht ans Bett gefesselt werden. Ich habe so viel ausprobiert, dass ich weiß, dass ich Blümchensex mit einem völlig normalen Partner, mit dem ich dann hoffentlich auch den Rest meines Lebens zusammen bleibe, bevorzuge. Langweilig? Möglich. Schade auch für Männer, die all das noch nicht erlebt haben und sich eine Frau wünschen, die derartige Dinge mit ihnen auslebt. Ist mit mir nicht mehr machbar, und daran hat auch die eine oder andere Beziehung gekrankt. Ich will Liebe, und für weniger verlasse ich mein warmes Nest nicht. Meine Zeit ist zu kostbar. Ich zieh mich doch nicht für einen Kerl aus, nur weil der schöne Augen hat? Ist das irgendwie nachvollziehbar? Vielleicht sind es auch die Wechseljahre. Ich habe kaum Lust auf Sex, und wenn, dann muss es sich „lohnen“. Ich will einen Partner für immer, nicht einen nur für ein Nacht.

Meine Freundin Andrea hat mit ihrer sexuellen Entwicklung also etwa 1990 aufgehört – bzw. sie unterbrochen. Jetzt ist sie von ihrem langjährigen Partner getrennt, und plötzlich ploppen bei ihr Fantasien hoch. Doch auch sie ist Mitte 50, und in dem Alter ist die Auswahl an knackigen Sexpartern nicht mehr so riesig. Anders als ich ist sie jedoch offen für Abenteuer. Zumindest in ihrer Fantasie. Sie war nie der Typ, der besonders viel Energie darin investierte, Träume zu verwirklichen. Ihr reicht es oft tatsächlich, zu träumen. Dennoch, sie hat also diese Fantasien.

Es fehlt ihr an Erfahrung, finde ich. Nicht nur, was diese Welt an sexuellen Fantasien anbelangt, sondern auch im Umgang mit Männern. Jetzt, mit Mitte 50 sagt sie sich, dass es keine Schande wäre, Sex einfach aus Spaß zu haben. Früher hätte sie sich das nie erlaubt. Und so fantasiert sie darüber, wie es wäre, sich einen Mann „kommen“ zu lassen. Einen Callboy oder so etwas. Und das äußert sich natürlich auch in unserer Geschichte. Gerade hat sie meine Figur in eine Situation gebracht, in der sie sich einen knackigen, 25 Jahre jüngeren Kerl zum Sex bestellt. Mir sträuben sich alle Haare, nicht nur die im Nacken. Es gibt viele Gründe, aus denen ich das nicht machen würde. Der wichtigste: Männer achten Frauen nicht, die ihren Körper so leichtfertig verschenken.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Das ist eine sehr altmodische Aussage. Leider hat sie sich in meinem Leben als korrekt erwiesen. Andrea glaubt, dass frau sich das heutzutage erlauben kann. Und rein theoretisch hat sie auch Recht. Wenn wir Bock darauf haben, können wir das tun. Das ist Gleichberechtigung. Meine Erfahrung ist aber die, dass ich mich zu schnell in den Mann verliebe, mit dem ich Sex habe. Und wenn ich dann etwas „Ernsteres“ von diesem Mann möchte, renne ich gegen verschlossene Türen. Männer in meinem Alter – auch die modernsten – sortieren mich in die Schublade der Frauen, mit denen man zwar Spaß haben kann, die aber nicht für eine Beziehung taugen. Sie kämen gar nicht auf die Idee, dass ich eine Beziehung mit ihnen will. Jürgen war einmal völlig perplex, als ich ihn fragte, warum er nie darüber nachgedacht hatte, eine „normale“ Beziehung mit mir zu führen. Ich war immer nur gut genug für seine sexuellen Fantasien. Mir ist das so oft passiert, dass ich aufgehört habe, so „freizügig“ zu sein. Es funktioniert tatsächlich: Wenn ich so tue, als wäre ich schwer zu erobern, scheinen die Männer mich für wertvoller zu halten.

Meine Figur in unserer Geschichte sitzt also gerade zu Hause und wartet darauf, dass der Poolboy vorbei kommt. Natürlich liegt es noch an mir, was dann passiert. Aber wie erkläre ich, dass ich ihn überhaupt zu mir habe kommen lassen? Ich verurteile Frauen, die so was tun. Sie sind eventuell nicht „leichter“ als ich, darum geht es nicht. Aber sie sind dumm. Und sie sind vor allem dann dumm, wenn sie so sind wie ich, wenn sie Sex und Liebe nicht (mehr) trennen können.

Hier jagt meine Freundin einer Fantasie nach, die wirklich nur in der Fantasie funktioniert, zumindest für mich. Und da ich jemand bin, der seine Fantasien auch verwirklicht, kann ich mit Fantasien, die nicht durchführbar sind, warum auch immer, nichts anfangen. Ich kann den Gedanken daran, dass ich mir einen Jüngling zum Sex bestelle, nicht genießen. In meiner Fantasie würde es immer weiter gehen. Über so eine Konstellation würde ich nur schreiben, wenn ich beabsichtigte, daraus ein Verhängnis zu machen. Denn das wird es werden, ich kann mir keinen angenehmen Ausgang ausmalen.

Und das Gute daran ist ja auch, dass ich nicht das Gefühl habe, etwas zu verpassen. All das hatte ich schon mal. Nicht einmal, nicht zweimal, zig Mal! Ich kann mich beruhigt zurücklehnen und stolz darauf sein, dass ich ein so aufregendes Leben hatte. Aber jetzt sind mir mein Körper (der in den Gelenken ächzt), meine Zeit und meine emotionale Gesundheit zu wichtig, um mich auf solch ein Abenteuer einzulassen.

Ja, ihr werdet denken, dass es mir gut geht, wenn mein größtes Problem darin besteht, dass meine Figur in einer Geschichte dabei ist, etwas Verhängnisvolles zu tun. Und Recht habt ihr!

Und noch ein anderer Punkt fällt mir beim Schreiben mit meiner Freundin auf: Sie ist ja jemand, der die Dinge nicht so häufig hinterfragt wie ich. Ich finde das tatsächlich gut, das bildet einen guten Gegenpol zu mir. Bei ihr kommt das aber in Kombination mit der Tatsache, dass sie selbst praktisch gar nicht liest. Sie liest keine Bücher. Ihr letztes Buch hat sie wahrscheinlich vor 5 Jahren begonnen, ausgelesen hat sie wahrscheinlich seit 30 Jahren kein Buch mehr. Fragt mich nicht, ich weiß nicht, wie man mit so viel Hingabe und auch so relativ gut schreiben kann, obwohl man selbst nicht liest. Aber so ist es. Wie dem auch sei, ich glaube, dass es daran liegt, dass mir in ihren Geschichten etwas fehlt:

Sie hatte mir letztens zum Probelesen den Anfang einer Geschichte geschickt. Es ging darum, dass eine Frau auf einer Party, die sie eigentlich scheiße findet, von einem Mann, der im Dunklen steht, verführt wird. Sie will also eigentlich nach Hause gehen, aber dann spricht der Mann mit der „heißen“ Stimme Befehle aus, die sie so reizen, dass sie es sich gefallen lässt.

Bis dahin eine durchaus nachvollziehbare Fantasie. Mir fällt jetzt gerade keine Situation ein, aber wahrscheinlich habe ich das auch schon erlebt ;-). Egal. Die Frau genießt also die Hände des Mannes auf sich und die Situation ist total „heiß“.

Meine Freundin wollte wissen, ob ich mich in die Situation hinein versetzen konnte und sie auch so heiß finde. Schwierig, denn genau hier störten mich die Probleme, die ich weiter oben erwähnt habe. Eine „heiße“ Stimme verführt mich als Leserin nicht. Was hat die Stimme, dass ich sie als heiß empfinde? Und wie äußerst sich die Hitze in mir? Noch gravierender fand ich aber, dass die Frau keinerlei inneren Konflikt erlebte. Und das sagte ich meiner Freundin dann auch. Sie war auf einer Party, auf der sie nicht sein wollte, und ließ sich von jetzt auf gleich von einem unsichtbaren Unbekannten verführen? Der Reiz ist mir verständlich, aber die Frau muss doch mit sich kämpfen, oder sehe ich das falsch, mache nur ich das? Versteht mich nicht falsch, ich würde so etwas möglicherweise tatsächlich tun. Niemals jedoch, ohne darüber nachzudenken, wie prekär die Situation ist. Höchstens, wenn ich total besoffen wäre, würde ich einem Fremden ohne weiter darüber nachzudenken erlauben, mich zu berühren. Ich würde ständig im Kopf die Pros und Kontras abwägen, und je nach Stimmung und Situation würde dann das Teufelchen rechts oder das Engelchen links gewinnen. Ich würde aber keinesfalls direkt guten Gewissens ausschließlich genießen.

Ist das normal oder bin ich da so übermäßig kopfgesteuert? Und hinzu kommt ja noch, dass eine Geschichte für einen Leser spannender wird, wenn sie etwas „Spannung“ hat. Eine Geschichte, in der alles super süß und ohne jegliche Schwierigkeiten abläuft, ist keine gute Geschichte, finde ich. Und wenn es bei der Geschichte um sexuelle Fantasien geht, umso mehr. Pornos zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Menschen einfach ohne Wenn und Aber ihrer Geilheit hingeben. Aber diese Pornos stimulieren weniger den intellektuellen Teil meines Körpers als die Stellen zwischen meinen Beinen. Und ich bin mir sicher, dass Andrea keine Pornos schreiben will.

Ich genieße das Schreiben mit ihr jedoch trotzdem sehr. Ich tauche tatsächlich in meine Fantasien ein und finde es geil. Und ich freue mich auf jede Fortsetzung von ihr, denn ich will wissen, was sie sich für uns beide ausgedacht hat und wie wir uns aus bestimmten Situationen winden. Außerdem lerne ich sehr viel beim Schreiben mit ihr. Ich versuche, die Fehler, die sie macht, nicht zu machen, ich sehe, was gut funktioniert und was nicht. Und ich habe eine sehr intensive Verbindung zu meiner Freundin und lerne sie mit jeder Fortsetzung besser kennen.

Interesse an einer Fortsetzungsgeschichte?

Da ich körperlich durch mein wehes Knie so inaktiviert war, habe ich in letzter Zeit viel geschrieben. Mehr als sonst.

Geschrieben habe ich ja immer schon. Ich habe sogar schon mal mehr als 100 Seiten geschafft, aber ich habe noch nie ein Buch zu Ende gebracht. Kurzgeschichten ja, sogar einige, ich habe sogar Auszeichnungen bekommen. Aber kein Buch, obwohl das immer mein Traum war.

Mit Andrea schreibe ich zurzeit an einer Geschichte, aber das ist ein wenig ins Stocken geraten. Wir haben Anfang Oktober begonnen und jeweils immer nur ein paar Absätze an der Geschichte geschrieben. Es war erstaunlich, wie sich in kürzester Zeit eine spannende Handlung entwickelte. Spannend, nicht nur weil wir ja nicht wussten, was die andere schreiben würde, sondern auch deshalb spannend, weil ich selbst nie wusste, wie ich die Vorgaben von Andrea verarbeiten würde. So haben wir mittlerweile 50 Seiten einer Liebesgeschichte über einen Gedankenleser.

Ich habe ja vor ein paar Wochen schon beschrieben, dass mir die Geschichte nicht mehr so gut gefällt, eben weil Andrea da meine Vorschläge „übersieht“. Mittlerweile ist die Person, die ich anfangs für einen interessanten Partner für unsere Hauptfigur hielt (ich wollte ja eine Dreiecksbziehung schaffen), völlig in den Hintergrund getreten. Im Vordergrund ist der andere Kerl, den sie eingeführt hat, und der einem tatsächlich existierenden Parfüm-Model nachempfunden ist.

Mit so konkreten Vorgaben (sie schickt mir immer wieder Bilder und zeigt mir, wie diese Figur in dieser oder jener Situation aussehen würde) gibt es jedoch ein Problem: Ich finde den Typ nicht so toll. Ich habe eigentlich überhaupt kein fotomäßiges Bild von meinen Figuren im Kopf. Ja, ich kann sie beschreiben, aber ich bin nicht auf einen Schauspieler oder ein Model festgelegt. Gerade das ist ja auch das Schöne am Lesen, man ist völlig frei in seinem Kopf. Naja, und das ist dann ein Grund, warum ich unsere Geschichte auch nicht mehr so toll finde: Andrea beschreibt die Faszination, die die Hauptfigur für diesen Mann empfindet, nur als „unglaublich“ oder „faszinierend“, sie weiß nicht, dass diese Adjektive für einen fremden Leser wenig aussagefähig sind, und das reicht mir nicht. Oder anders ausgedrückt: Die Faszination ist im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich.

Egal, das Jammern bringt mir nichts, und deshalb habe ich eine eigene Geschichte angefangen. Ich bin mittlerweile auf Seite 20. Es wird eine Art Liebeskomödie. Es wird stark autobiografisch, allerdings erfinde ich Dinge dazu oder ändere sie, wenn ich das Gefühl habe, dass es anders besser oder lustiger wäre. Ein Beispiel: Ich werde Scottys Freundin auftauchen lassen. Ich frage mich, warum sie „so lange“ mit Scotty zusammen war, und was dann letztendlich zur Trennung geführt hat. Diese Frage werde ich ihr nie stellen können, das wäre indiskret. Aber in meiner Geschichte wird sie antworten dürfen.

Nun ja, und jetzt frage ich mich, ob es eine gute Idee wäre, die ersten Seiten meiner Geschichte hier oder anderswo online zu stellen. Würde sie überhaupt irgendwer lesen?