Ohne Panik

Angeblich (!)

In Tagebuch on 22. August 2017 at 23:14

Nachdem ich gegen 10 Uhr immer noch nichts von Ted gehört habe, habe ich ihm eine Nachricht geschrieben. Ich fragte ihn, ob es einen Grund gäbe, dass er nicht wie versprochen zurückgerufen hatte oder ob er mich einfach vergessen hätte. Die Antwort war typisch Ted: „Ich habe nichts versprochen“. Jaja, er hatte nicht gesagt „ich verspreche, dich in 45 Minuten zurückzurufen“. Dennoch hatte er explizit „45 Minuten“ und nicht „nachher“ oder „später mal“ gesagt. Aber egal, so schlimm war das ja nicht. Ich wollte kein Theater machen. „Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast“, meinte er. Das sagt Ted immer, wenn er mir erklären möchte, dass er mich niemals vergessen würde, aber ob es das wirklich bedeutete, weiß ich natürlich nicht. „Also?“, schickte ich ihm zurück. Die Antwort kam eine Stunde später: „Ich habe keine Zeit dafür“. Verstand ich nicht, und das sagte ich ihm. Keine Antwort.

Und da ging dann meine Fantasie wieder mit mir durch. Hatte ihm wieder irgendwer irgendeinen Mist über mich erzählt? Oder meinte er gar etwas völlig anderes? Er redet oft völlig ohne Kontext, es ist schon vorgekommen, dass er in solchen Situationen meinte, er hätte keinen Bock auf das, was er gerade in den USA tat. Also rief ich ihn an. Ted hatte mir gesagt, ich könne ihn immer, wirklich immer anrufen. Also auch zu Hause, wenn Delilah da ist. Ich hatte das bisher nie gemacht, einfach weil ich es nicht herausfordern wollte. Jetzt tat ich es.

Aber statt Ted ging Delilah an den Apparat. Sie hat, meines Erachtens, einen hässlichen, schroffen irischen Akzent, ich habe ihn schon oft gehört, wenn Ted mit ihr telefoniert hat. Sie klingt ein wenig asi, finde ich. Ich würde ihn immer erkennen  – auch wenn ich sie nicht kenne. Ich wusste erst nicht, was ich machen sollte, einfach auflegen wäre doof gewesen, sie sah ja, dass ich aus Deutschland anrief. „Wer ist denn da?“, fragte ich, wohl wissend dass es Delilah war. „Mit wem spreche ich denn?“, antwortete sie, so wie ich es auch getan hätte. „Ich habe mich wohl verwählt, ich wollte Ted sprechen“, erklärte ich. „Oh“, sagte sie, „hier ist Delilah.“ Wir tauschten tatsächlich kurz Nettigkeiten aus, so wie es sich gehört, wobei es mir entfallen ist, ob ich meinen Namen gesagt habe oder nicht. Wahrscheinlich habe ich das. „Ted schläft gerade“, meinte sie, „ich sag ihm, dass du angerufen hast.“ Ich wünschte ihr noch einen schönen Tag und legte auf.

Ich hab erst mal 5 Minuten reglos auf der Couch gesessen. Und jetzt ist mir schlecht. Da ist das Biest tatsächlich an Teds Telefon gegangen. Etwas, was man nicht tut, was Ted auch nicht möchte, das weiß ich. Zumindest bei mir. Aber wer weiß, was wirklich bei denen abgeht. Jetzt im Nachhinein könnte ich mich in den Hintern beißen, dass ich sie nicht einfach völlig locker gefragt habe, wie es Ted geht oder so. Völlig cool als wäre nichts. Aber ich war so nervös, das ich regelrecht stotterte, und man muss mir meinen deutschen Akzent deutlich angehört haben. Das passiert mir leider immer, wenn ich so kalt erwischt werde. Praktisch, wenn mich die Polizei beim Speeden erwischt (die arme Touristin), aber wenn ich meinen Akzent verbergen will, ist es eher doof.

Das war meine erste direkte Kommunikation mit Delilah. Angeblich (!) sind Ted und sie ja getrennt. Angeblich (!) weiß sie ja von mir. Angeblich (!) hat Ted sogar seiner Mutter letztens von mir erzählt, die sich wohl sogar noch an mich erinnert, wir waren uns vor 3 Jahren oder so mal am Pier begegnet. Angeblich (!) müsste also alles in Ordnung sein. Angeblich (!)

Nun, ich glaube es nicht. Wenn ich es glauben würde, wäre ich jetzt nicht so durch den Wind.

Mein erster Impuls war, Ted eine Nachricht zu schicken und ihm zu sagen, dass Delilah ans Telefon gegangen ist, aber dann fiel mir ein, dass Delilah ja Teds Telefon hatte. Die Nachricht hätte sie ja gesehen. Also habe ich gar nichts gemacht.

Tja, obwohl ich so schockiert war über Delilah am Telefon bin ich jetzt regelrecht froh. Jetzt wird sich zeigen, ob Ted wirklich die Wahrheit gesagt hat oder ob es so ist, wie es auch bei Luis war: Ich vermute, es ist ein einseitiges Übereinkommen, von dem nur Ted weiß bzw. überzeugt ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Anruf zu einer Diskussion bei beiden führen wird. Ob Ted mir darüber (wahrheitsgemäß) berichten wird, steht in den Sternen. Aber auf jeden Fall wird da etwas ins Rollen kommen. Meine Güte was bin ich froh, dass meine Angst weg ist. Die Situation hätte mich vor einem Jahr noch ans Äußerste gebracht.

Spannend ist es aber trotzdem.

Gedankenverschwendung

In Tagebuch on 22. August 2017 at 17:54

Ich habe wenig zu tun, also bin ich auf einen längeren Spaziergang gegangen. Man soll ja täglich 10.000 Schritte gehen. Das schaffe ich nie, da ich zu Hause arbeite und im Zweifel gar nicht vor die Tür muss, aber heute habe ich schon 6.000 geschafft. Ich sitze auf einer Parkbank und schaue auf einen See.  

Mir geht es immer noch ganz gut. Ted rief heute um halb 1 an und wollte Telefonsex. Ich hab dazu eigentlich selten bis nie Lust. Ich rede nicht beim Sex und finde alle Worte blöd bis abtörnend. Dazu kommt noch, dass mein Verhältnis zu Ted trotz zeitweiligem Frieden nicht gerade „geil“ ist. Im Moment könnte ich ganz auf Sex verzichten. Also hab ich Ted abgewimmelt. Ich hab gelogen, hab ihm gesagt, ich müsste arbeiten. Er versprach, in 45 Minuten noch mal anzurufen. 

Nun ja, das ist jetzt 5 Stunden her. Wenn ich etwas nicht leiden kann sind es derartige Versprechen die nicht eingehalten werden. Früher hätte ich Panik bekommen. Heute werde ich sauer. 

Das ist eine  „besseres“ Gefühl, dennoch muss ich zugeben, dass ich diesen Spaziergang bisher damit verschwendet habe, sauer zu sein. Ich habe im Kopf zickige Nachrichten an ihn verfasst. Mir vorgenommen, einen möglichen Anruf jetzt nicht mehr anzunehmen. 

Dabei will ich doch, dass Ted sich von mir löst und Dinge alleine macht. Er hätte eh nichts zu sagen (bzw. „nothing“)  und ist zurzeit wahrscheinlich sowieso Golf spielen. Wenn ich wirklich frei sein will, dann muss ich die Wut abschütteln. Sie hilft niemandem, verschwendet Zeit und Energie und macht die Beziehung zu Ted auch nicht einfacher. 

Also habe ich mir vorgenommen, meine Gedanken und Gefühle nicht mehr mit dem vergessenen Versprechen zu verschwenden. 

Das wollte ich nur kurz in diesem Beitrag niederschreiben, sodass ich mich jetzt der Natur widmen kann. 

Schönen Abend noch. 

Ted zu Trump – und meine Meinung dazu

In Tagebuch, Ted, Trump on 19. August 2017 at 23:34

Daryl Cagle / politicalcartoons.com

 

Ted und ich meiden das Thema amerikanische Politik wie die Pest. Wir haben schon genügend Probleme, da müssen wir unseren Umgang miteinander durch die schwierigen politischen Diskussionen nicht noch verstärken. Dennoch habe ich mich in den letzten Tagen gefragt, wie Ted auf das reagiert, was in Charlottesville passiert ist. Wie kann man dieses – meines Erachtens – dement-senile, in jedem Fall jedoch unzurechnungsfähig dumme Verhalten des Herrn Trump noch irgendwie unterstützen?

Und so habe ich versucht, so zu tun, als sei ich auf Ted Seite, um zu erfahren, wie er so drauf ist. Der erste Kommentar zu Trumps Aussage, dass alle Seiten böse waren, war „Die Fake-Medien übertreiben“. Nun ja. Mag ja sein, aber Trump hat gesagt, was er gesagt hat, da musste kein Medienkanal übertreiben. Aber auch mein nächster Versuch scheiterte. Laut Ted ginge es darum, dass die „Liberals“ Geschichte auslöschen möchten. Es ginge um die Denkmäler, die man abbauen wollte, das sei einfach dumm, so meinte er. Man könne doch nichts aus der Geschichte lernen, wenn man die Monumente nicht mehr hätte.

Das nun ist genau das, was ich auf Fox News per Internetradio gehört hatte. Irgendein Moderator hatte ewig darauf rumgeritten, dass man durch den Abbau der Denkmäler die Geschichte verfälschen würde. Nun ja, als ob man durch das Entfernen einer Statue wirklich Einfluss auf die Geschichte nehmen könnte… Ted erklärte, das wäre doch nur der Anfang. Wie solle des denn weitergehen. Als nächstes würde man dann Washingtons Statue abbauen, oder was? Hatte nicht Trump selbst etwas ähnliches bei seiner entgleisten Pressekonferenz gesagt? Und was bitte hat George Washington (der erste amerikanische Präsident) mit Robert E. Lee (einem General derdes konföderierten Heers während des amerikanischen Bürgerkriegs) gemein? Kurz: Ted wiederholte mir gegenüber nur das, was ihm die Medien erklärt hatten. Und merkte dabei selbst gar nicht, dass das ein reines Ablenkungsmanöver war: Mag sein, dass der Anlass für den Vorfall in Charlottesville ein Denkmal war. Aber mittlerweile ging es doch um viel mehr: Da hatten Nazis gegen Nicht-Nazis gekämpft und ein Nazi hatte einen Nicht-Nazi getötet. Welche Rolle spielt da noch eine Reiterstatue?

Mir war das Thema zu heiß, und so begann ich ihm vom Holocaust-Mahnmal in Berlin zu erzählen, das ich übrigens ziemlich beeinruckend finde.

Adam Zyglis / Buffalo News

Ich selbst habe übrigens meine eigene Meinung zu Trump, was den Rassismus anbelangt: Ich glaube gar nicht, dass Trump Rassist (oder Anti-Rassist) ist. Ich glaube nicht, dass Trump zu solchen Sentiments überhaupt fähig ist. Er nutzt Menschen, um sich selbst zu erheben. Ob sie weiß, rot, gelb, braun oder regenbogenfarben sind ist dabei einfach völlig egal, solange sie ihm nutzen. Ich halte Trump für naiv und – in diesem Fall – stur. Es war pure Dummheit, wie er sich im ersten Moment zu den Vorfällen in Charlottesville geäußert hat. Unüberlegt, unerfahren, oberflächlich. Politisch unkorrekt – aber das mögen seine Fans ja. Dann haben die Medien versucht ihn zu bedrängen und damit nur das erreicht, was sie immer erreichen: Trump stellt sich stur und macht genau das Gegenteil von dem, was man von ihm erwartet. Wie ein Kind, das grüne Strümpfe anziehen soll und aus Trotz dann die roten trägt. Unfähig, die grünen Strümpfe zu tragen, auch wenn es sie eigentlich völlig in Ordnung findet. Und dann hat irgendwer ihn dazu bekommen, am Montag vom Teleprompter abzulesen, dass er Rassismus & Co. ablehnt. Es war klar, dass da nicht Trump sprach, niemand hat ihm seine Aussagen am Montag abgenommen. Und das bewies sich dann ja am Dienstag: Wütend darüber, dass er sich am Vortag hatte fügen müssen, explodierte er Dienstag fömrlich. Ich saß vom Fernseher und konnte nicht glauben, was ich sah. Einerseits verstand ich, was Trump meinte – beide Seiten waren aggressiv gewesen, klar – aber andererseits verstand ich auch, dass Trump nichts verstanden hatte.

Tja. Ich bin ziemlich sicher, dass Trump nicht bis 2020 im Amt bleiben wird. Es ist meiner Meinung nach eine Mischung aus seiner Naivität, Überheblichkeit und pathologischer Dünnhäutigkeit, über die er stolpern wird. Das gepaart mit startender Demenz (einfach mal nur Trumps Sprache 1990 mit der von heute vergleichen, er hat nicht immer so wie ein Kleinkind geredet!), mit der ja auch oft Paranoia (ich bin das Opfer!) und Sturheit einhergehen.