Aus dem bunten Reich der Tinder-Männer

Seit etwa Februar oder März bin ich (erstmalig) bei Tinder angemeldet. Ich muss erfreut sagen, dass es gar nicht so schlimm ist, wie sein Ruf. Ich hatte gedacht, hier nur auf fickwütige Fremdgeher zu treffen, aber Tinder ist da nicht anders als jede andere Dating-Plattform: Es gibt etwas für jeden Geschmack.

Bisher ist ein Date für mich dabei rausgesprungen, der Typ sah aber nicht so aus wie auf seinem Foto und wirkte darüber hinaus wie ein Mehlwurm-Muttersöhnchen. Als er dann noch von seiner Zwangsstörung (beim ersten Date!) erzählte, war es für mich vorbei.

Bisher war ich mit mehreren Männern in etwas ernsteren Gesprächen, aber zu einem Date ist es nicht gekommen. Der Reihe nach:

Da war Markus. Er war freudig überrascht, als ich ihm meine Telefonnummer für’s Whatsappen gab, und so chatteten wir fröhlich etwa Wochen auf Whatsapp. Er zeigte mir seine Backkünste, sein Motorrad und erzählte, wie er sich beim Sägen in den Finger geschnitten hatte, aber so richtig geprickelt hatte es bei mir nicht. Unser erstes Date hatte ich aufgrund meines doofen Blutzuckers (um die 400) absagen müssen, das zweite Date war dann für letzte Woche Freitag geplant gewesen. Wir wollten uns um 16 Uhr im Freien im Park treffen und dann spazieren gehen. Ganz wichtig: All das war auf meinem Mist gewachsen. Er hatte meine Vorschläge immer nur akzeptiert oder Gegenfragen gestellt. Sowas kann ich gar nicht leiden. Trotzdem schien er solide, er innerte mich ein wenig an meinen Ex-Mann, und so war ich Freitag um 15 Uhr geduscht und gerade dabei, mich aufzudressen, als Markus mir das Treffen mit einer Whatsapp absagte: Er sei im Stau, hätte irgendwo ein Küchenutensil abgeholt und es würde zu spät für ein Date werden. Okay. Nachdem jede Initiative von mir ausgegangen war, platzte mir der Kragen: Dann eben nicht. Ich beendete den Kontakt freundlich.

Dennoch versuchte Markus ein paar Tage später, mich zurück zu gewinnen. Er hätte nichts für den Stau gekonnt, blabla, er wolle mich wirklich treffen. Das Ganze klang so ehrlich, dass ich ihn bat, ein neues Treffen vorzuschlagen. Ergebnis: Schweigen im Walde. Ich wartete 48 Stunden und blockierte ihn dann auf Whatsapp. Der Mann war glaube ich einfach feige.

Vom nächsten, Heribert, habe ich glaube ich auch schon erzählt. Bei mir gingen die Alarmglocken los, als er 3 Tage lang jammerte, dass er einen Wanderausflug mit Fremden an einem Sonntag nicht wahrgenommen hätte. Was bitte ist schlimm daran, wenn man mal nicht mit Fremden wandern geht? Dann macht man es eben nächstes Mal? Darüber hinaus jammerte er über die tristen Wochenenden, die für ihn am schlimmsten seien. So allein, das könne er kaum aushalten. Nichts, was ich attraktiv fand. Ich kann Wochenenden alleine sehr gut „aushalten“. Mehr noch: Ich freue mich darauf. Wir waren also für letzten Sonntag zum Spaziergang verabredet, aber Mittwoch versuchte er, mich „dazwischen zu schieben“. Er sei eh in der Nähe, da könnten wir uns doch um 15 Uhr schon treffen. Mir passte das nicht. Ich hatte Arbeit, und ich wollte mir auch Zeit für das Date nehmen. Und genau das sagte ich ihm auch. Schließlich hatten wir ja schon einen Termin ausgemacht. „Da haben wir dann richtig Zeit füreinander“, erklärte ich ihm. Seine Erwiderung: Für das erste Date bräuchte man keine Zeit, man könne innerhalb von Sekundenbruchteilen erkennen, ob man zusammen passt. Ja sicher, mag sein, dennoch mag ich mir für solch wichtige Momente gerne Zeit nehmen. Und noch wichtiger ist es mir, dass sich mein Gegenüber auch Zeit dafür nimmt. Genau das sagte ich ihm und beendete den Kontakt, als er das nicht akzeptieren wollte.

Ein paar Tage später meldete er sich noch mal und erzählte ausführlich von einem misslungenen Date von vor meiner Zeit, bei dem beide froh waren, sich nach Minuten wieder trennen zu können. Und noch von einem anderen, bei dem er sich zum Tanzen verabredet hatte, und bei dem er sich furchtbar unwohl gefühlt hatte. Je mehr der Kerl plapperte, desto tiefer schaufelte er sich seine Grube. Quintessenz: Der Kerl war ganz dringend auf der Suche nach einer Frau, die ihn von seiner Einsamkeit erlöste.

Tja, und dann war da der Deedah. Wir dachten beide, uns aus dem richtigen Leben zu kennen und kamen deshalb ins Gespräch. Kurz hatte ich vermutet, dass er vielleicht dieser eine Freier von mir gewesen sei, der mich zu meinen Callgirl-Zeiten häufiger gebucht hatte, aber das passte alles nicht zusammen. Wir wechselten ebenfalls von Tinder auf Whatsapp, aber so richtige Gespräche entwickelten sich nicht. Er machte mir viele liebe Komplimente, aber es blieb sehr oberflächlich. Und ich kann kein Smalltalk. Als ich auf eines der Komplimente nicht so freudestrahlend reagierte, wie er es sich vorgestellt hatte (ein Foto von mir im Regen hatte er damit kommentiert, dass Regen gut für meinen Teint sein), eskalierte unser Kontakt zum zweiten Mal. Er fragte, was los sei und ich erklärte, dass ich nicht wisse, was er wolle, und genau das war mein Problem. Ich kann kein Smalltalk. Sagte ich ja schon. Da wurde er regelrecht aggressiv und meinte, er möge es nicht, wenn Leute so untransparent ihre Meinungen über ihn ändern. Häh? Das war das zweite Mal, dass er mir doof gekommen war. Beim ersten Mal hatte ich ihn gefragt, was er beruflich machte. Da ich aber seinen Nachnamen bereits kannte, hatte er angenommen, dass ich ihn gegoogelt hatte und war lautstark enttäuscht darüber, dass ich es nicht bereits wusste. Missverständnis: Ich wusste, dass er „Informatiker“ war. Ich wollte nur wissen, was er tatsächlich machte. Bei diesem Vorfall ganz zu Beginn unseres Kontakts hatte ich die Wogen geglättet und mich entschuldigt. Ich fand den Kerl interessant. Beim zweiten Eklat jedoch erklärte ich ihm, dass ich kein Interesse daran hätte, seine Aggressivität wiederholt glatt zu bügeln und dass der Kontakt für mich beendet sei. Er blockierte mich daraufhin. Mittlerweile weiß ich, woher ich ihn kenne: Er ist mit einem ehemaligen Arbeitskollgen von mir befreundet, ich war ihm mal beim Ausgehen begegnet.

Also, aus der Welt der Tinder-Männer gibt es bisher nur Haarsträubendes, Langweiliges oder bestenfalls Lustiges zu berichten. Romantik war da bisher noch nicht im Spiel. Und man kann nicht behaupten, dass ich es nicht versucht hätte!

Ich habe also erst mal wieder eine kleine Tinder-Pause eingelegt. Gutes Unterhaltungsprogramm, bei dem es deutlich mehr prickelt als bei allen Heriberts, Markussen und Deedahs dieser Welt, liefert mir dabei Sheriff Mike. Erinnert sich wer? Er war Jahre lang ein enger vertrauter von Ted und hatte mich später, als Ted sich als Stalker entpuppte, auch mit Wort und Tat vor Ted beschützt. Aber nicht nur das. Wir hatten damals immer wieder stundenlang über Facebook gechattet und richtig heftig geflirtet. Das ging sogar so weit, dass ich ihm nach einem Deutschlandaufenthalt bei der ersten Begegnung am Pier kaum in die Augen schauen konnte. Und dann war er plötzlich verschwunden. Ich weiß nicht warum. Ich hatte befürchtet, dass er sich vielleicht wegen Scotty über mich geärgert hatte, denn das war genau der Zeitpunkt, zu dem er sich zurückzog. Heute allerdings glaube ich, dass da etwas anderes war. Eines Tages kann ich ihn vielleicht fragen. Mike hatte sich nach der Amokfahrt (oder was das war) in Berlin bei mir gemeldet, besorgt, wie so oft, und seitdem sind wir im Dauerchat. Schön ist es, dass er wieder in meinem Leben ist!

Innere Unruhe und Dates

Ich spüre eine innere Unruhe, die mich sehr an damals erinnert, als Ted nach England oder so gereist war und wir das einzige Mal in der ganzen Zeit über mehrere Tage keinen Kontakt hatten. Damals kam ich von der Dauerpanikattacke überhaupt nicht mehr runter und mir musste ein Mittel gespritzt werden. Erst mit Venlafaxin wurde es dann, Wochen später, dauerhaft besser. Ich hoffe, dieses Mal wird es nicht auch so schlimm.

Ich merke aber auch, dass „normale Erregung“ mir gut tut. Zum Beispiel das Kribbeln angesichts eines Dates mit einem Online-Date. Oder auch der erhöhte Puls, wenn ich Sport mache. Wenn sich der Puls dann nicht nämlich wieder erholt, fühle ich mich einen kurzen Moment erleichtert, ja sogar „normal“. Andererseits weiß ich aber auch, dass diese Form von Erregung nicht gesund für mich ist.

Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich früher diese Männerbekanntschaften so exzessiv gesucht habe. Ich wollte den Rausch, natürlich, aber noch mehr wollte ich mich normal fühlen.

Apropos Männerbekanntschaften. Morgen treffe ich Markus. Der ist extrem unaufregend, und das ist ein Grund, warum ich ihm treffe. Ein grundsolider Kerl, der gerne mit Holz arbeitet und backt, der Motorrad fährt und offenbar ein gutes Leben alleine führt. Das letztere ist mir extrem wichtig. Ich will keinen Kerl, der mir am Rockzipfel hängt, wie der gestern gerade noch rechtzeitig verabschiedete Heribert. Leider hat es zwischen Markus und mir bisher überhaupt nicht gefunkt. Das ist sicher auf seine Schüchternheit zurückzuführen, ich werde also auf eine persönliche Begegnung warten müssen. Sein badischer Tonfall ist aber leider auch nicht wirklich sexy ;-).

Ganz anders ist es da mit Dirk. Den habe ich auch über Tinder kennen gelernt. Wir beide haben das Gefühl, dass wir uns kennen, und ich befürchte, er war ein Freier von Ann, dem Callgirl. Das allerdings kann ich ihn so direkt nicht fragen, ohne mir eine Grube zu graben. Wir werden uns treffen, und offenbar bleibt es spannend.

Und es gibt noch einen dritten Kandidaten. Nennen wir ihn Moritz. Der nun ist so richtig sexy. Genau mein Alter, ein bisschen zu viel Bart, aber ne knackige Figur und eine samtige Stimme ohne abtörnenden Dialekt. Der flirtet direkt mit mir, und das ist schön. Seine Fragen rund um Sex, zum Beispiel beim ersten Date, oder „anderen Fotos“ sind jedoch etwas zu penetrant. Ich will keine einmalige Nummer und auch keine Sexbeziehung. Wir hatten das letzte Mal Kontakt, als ich ihm heute morgen das „andere Foto“ versagte. Mal gucken, ob da noch was kommt. 😉

Kein gutes Leben

Ich habe lange nichts geschrieben, und das liegt daran, dass es zu viele Themen gibt, und einige davon sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Heute sitze ich jedoch hier, um zumindest eine Zusammenfassung zu tippen und um einen weiteren, privaten Artikel zu einem handfesten Entzug zu verfassen. Bitte habt Verständnis dafür, dass ich den nicht öffentlich machen möchte.

Eigentlich hat sich nicht viel in meinem Leben geändert, es ist nur alles viel schlechter geworden. Ich habe mich in den letzten Monaten immer mehr isoliert, meine Mutter ist immer dementer geworden, mein Vater immer verzweifelter. Meine Schwester hat ihre hoffentlich erste und letzte Chemotherapie beendet und ist jetzt auf dem Weg der Besserung – soweit man das jetzt schon beurteilen kann. Mein Kater nähert sich immer mehr seinem 18. Lebensjahr und wird damit immer wackeliger und gebrechlicher, was mir klar macht, dass seine Tage gezählt sind, auch das macht mir Angst.

Ich habe viel Sport getrieben, ich bin stolz darauf, dass ich das „Iron“ Programm von Caroline Girvan vor etwa 4 Wochen erfolgreich beendet habe: ein Krafttraining mit Hanteln. Seit etwa 10 Tagen mache ich aber überhaupt nichts mehr. Das fing damit an, dass mir mein Knie mal wieder weh tat, aber kurz darauf kam der Entzug hinzu, und in der letzten Woche war ich nicht in der Lage, überhaupt die Treppe bis in meine 3. Etage hochzusteigen, ohne so sehr außer Atem zu sein, dass ich mich erst mal hinlegen musste. Obwohl ich ne Woche zuvor noch problemlos 60 Minuten gejoggt war.

Die Geschichte mit meiner Mutter belastet mich mehr, als ich es wahrhaben wollte. Letzten Dienstag rief sie – nach einer schlaflosen Nacht, in der noch nicht mal ein handfestes Schlafmittel half – um halb 8 an und riss mich unsanft aus dem Schlaf. 20 Minuten lang zeterte sie, dass sie sich scheiden lassen will, dass mein Vater geistesgestört sei, und sie berichtete stolz, dass sie ihn „in den Arsch getreten“ habe, da er ein Arsch sei. Von meiner Schwester weiß ich, dass meine Mutter meinen Vater auch anspuckt. In der Fachsprache heißt das „Herausforderndes Verhalten“. Als ich nachmittags bei meinen Eltern aufschlug, schließlich war es der Geburtstag meines Vaters, konnte ich meinen Vater einen Moment lang alleine sprechen, als meine (schwerhörige) Mutter in der Küche war. Ich wollte wissen, ob das mit dem Treten wirklich stimmte oder nicht auch wieder nur eine der Wahnvorstellungen meiner Mutter war. Leider bestätigte mein Vater den Tritt aber, und kurz weinten wir zusammen. Mein Vater hat Angst, sich Hilfe zu holen, denn jegliches „Fehlerverhalten“ seinerseits wird ja offenbar sogar mit Handgreiflichkeiten bestraft. Tatsächlich kann er es meiner Mutter sowieso nicht Recht machen. Sie ist zu dement, um noch selbst zu kochen, und so hilft er ihr z. B. in der Küche, was sie jedoch als Bevormundung versteht und regelmäßig zu Streits führt. Egal, was er macht, er wird dafür bestraft. Aber irgendwie hat er sich das wahrscheinlich auch ausgesucht.

Wir sprachen auch kurz über meine Essstörung als Teenager, meine Mutter schnappte in ihrer Schwerhörigkeit jedoch nur Brocken auf und machte es sich zum Anliegen, mir in einem 5-Minuten-Monolog zu erklären, wie schwer ich ihr das Leben damals gemacht habe. Sie wurde regelrecht wütend, dass ich Magersucht/Bulimie bekommen hatte. Mein Vater hatte dann sogar die Kühnheit, mich zu fragen, ob ich wisse, warum ich essgestört gewesen sei. Mir lag auf der Zunge ihn zu bitten, sich doch mal seine Frau anzuschauen. Dass die nur geistesgetstörte Kinder produzieren kann, und dass die dann ein Problem mit ihrem Aussehen haben, liegt doch wohl auf der Hand. Ich habe es nicht gesagt, denn meine Mutter wäre ausgeflippt. Stattdessen habe ich vom Thema abgelenkt und erklärt, dass so eine Essstörung ja auch irgendwie eine Wohlstandserkrankung sei. Die Mädchen in der Ukraine haben zurzeit wahrscheinlich besseres zu tun, als sich die Milligramm vom Körper zu hungern.

Diese Geschichten sind nicht neu, ich habe oft genug von meiner Mutter geschrieben, die meint, die einzige Gesunde in unserer Familie zu sein. Auch meine Angst, dass mein Vater eines Tages zusammenbricht und ich dann diejenige bin, die getreten und angespuckt wird, ist nicht neu. Sie wächst jedoch mit jedem Tag. Meine Schwester ist sowieso aus der Nummer raus, da sie zu weit weg wohnt, beruflich und familiär gebunden ist und nun ja auch noch Krebs hat. Sie (meine Schwester) macht sich Vorwürfe, dass sie sich den Krebs angeeignet hat, um meine Mutter nicht pflegen zu müssen. So weit ist es schon gekommen. Dadurch, dass mein Vater so devot ist und keine Eier in der Hose hat, macht er meine Schwester und mich mit krank. Eigentlich müsste man ihm das mal sagen. Aber selbst dann wäre er wahrscheinlich hilflos.

Meine Bulimie ist ein wenig in den Hintergrund getreten, Gott sei Dank. Dafür habe ich jedoch andere Baustellen. Ob ich nun Ess-/Brechsucht habe oder von irgendwelchen Substanzen abhängig bin, ist eigentlich egal. Das Grundproblem ist dasselbe. Ich habe jetzt einen Termin Ende Juni bei einem Psychiater, früher war nichts zu bekommen. Darauf freue ich mich. So geht es mit mir nicht weiter.

Ich habe die letzten Jahre seit Corona eigentlich nur vor mich hin vegetiert. Es gab nichts Schönes in meinem Leben, auf das ich mich freuen konnte. Ich habe meinen Körper und Kopf mit Sport und Substanzen abgelenkt, und das hat auch bis vor 10 Tagen funktioniert. Dann aber ist mir das alles in einer Art Nervenzusammenbruch um die Ohren geflogen. Ich habe überhaupt nicht mehr schlafen können, auch nicht mit Schlafmittel, ich habe nur noch geheult, mein ganzer Körper hat vom krampfhaften Schluchzen geschmerzt. Das jedoch ist Gegenstand eines anderen privaten Beitrags.

Eine Folge dieses „Nervenzusammenbruchs“ war auch, dass mein Blutzucker in unkontrollierbare Höhen geschossen ist. Ich bin ein gut eingestellter Diabetiker, ich habe normalerweise die Werte eines Gesunden. Vor 10 Tagen jedoch, als der „Nervenzusammenbruch“ nahte, erreichte er plötzlich Werte um die 400 (100 ist normal). So hoch war ich seit meiner Diabetes-Diagnose vor 7 Jahren nicht mehr. Das Doofe ist, dass so hohe Werte und auch die Schwankungen zu einem körperlichen Unruhegefühl führen. Ähnlich einer Panikattacke. Man kann also fast sagen, dass ich seit 10 Tagen mit Gefühlen wie bei einer Dauerpanikattacke lebe.

Ich war bei meinem Hausarzt und habe mir Promethazin und Diazepam verschreiben lassen, aber wirklich helfen konnte es nicht. Promethazin soll beruhigen, macht mich jedoch einfach nur dumpf und schwach und verursacht dazu unruhige Beine. Mit Promethazin fühle ich mich schlechter als ohne. Vor Diazepam habe ich massig Schiss, denn es macht abhängig. Dennoch habe ich vorgestern Abend 10 Tropfen genommen und als Folge davon 10 1/2 Stunden fast um Stück geschlafen. Das hatte ich wohl gebraucht, und seitdem geht es auch aufwärts.

Ich habe eine Band für mich entdeckt: My Daddy was a Milkman. Sie stammen aus Litauen und machen unglaublich chillige Musik. Meist auf Englisch, aber viel auch auf Litauisch. Seit Tagen höre ich die Songs dieser Band in Dauerschleife, und sie gefallen mir weiterhin:

Ich bin auch immer noch auf Tinder aktiv. Seit März etwa. Ein Date hatte ich, aber der Kerl sah live völlig anders aus als auf seinen Fotos, er entpuppte sich eher als Milchbübchen, das war nichts für mich. Seit 2 Wochen bin ich mit einem Markus im Gespräch, den ich Freitag treffen werde. Wir haben unser Treffen bereits 2 Mal verschoben. Einmal, weil wir einen Feiertag vergessen hatten, und ein anderes Mal, weil mein Blutzucker mich zur alten Oma mutieren ließ und ich mich so nicht zeigen wollte. Jetzt also Freitag. Ich glaube, er ist ein wenig zu schüchtern für mich, aber immerhin scheint er ein gutes Leben für sich alleine zu führen.

Bis heute Morgen war auch noch ein „Heribert“ im Spiel, aber die Tatsache, dass es ihm heute noch „nachhängt“, dass er Sonntag nicht mit einer unbekannten Gruppe Wandern gegangen ist, hat bei mir sowieso alle Warnglocken angehen lassen. Der Typ ist einsam und kann die Wochenenden nicht alleine verbringen. Ich hingegen kann sehr gut alleine sein und brauche diese Auszeiten auch immer wieder, ich glaube nicht, dass das gut gehen würde. Dennoch hatten wir uns für nächsten Sonntag verabredet. Ausschlaggebend für meinen Abbruch dieses Kontakts war dann aber sein Vorschlag, mich heute kurzfristig zu treffen. Ich war nicht dazu bereit (wegen meines Entzugs, weil ich mich immer noch nicht körperlich fit fühle) und erklärte ihm, dass ich mir lieber am Sonntag Zeit für ihn nehmen würde. Er meinte daraufhin, erfahrungsgemäß bräuchte man bei einem ersten Treffen nicht viel Zeit. Da hat er Recht, man erkennt recht schnell, ob es funkt oder nicht, aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun: Ich möchte nicht zwischen Tür und Angel irgendwie dazwischen geschoben werden, weil er heute um 16.30 Uhr, wenn ich eigentlich noch arbeite, zufällig in der Gegend ist. Wir verhedderten uns in einem Pseudostreit, bei dem er immer bedürftiger rüber kam. Es schien mir so, als müsse er mich (oder irgendwen) unbedingt schnell kennen lernen, um keine Zeit zu verlieren. Das ist erstens wenig schmeichelhaft und zweites widerspricht es auch meinem Vorgehen. Ich habe Zeit. Ich brauche nicht dringend einen Mann.

So. Genug wirres Zeugs getippt. Ich schreibe jetzt einen weiteren Beitrag zu meinem Entzug, der jedoch privat bleibt. Hier werde ich im Moment nur sagen, dass es sehr, sehr schwer war, aber dass ich jetzt über eine Woche durchgehalten habe und die ersten Erfolge verzeichne, ich kann zum Beispiel wieder schlafen.

Süchte

So. Irgendwann muss ich mich dem Thema ja mal stellen. Es geht mir schon lange durch den Kopf, aber es war mir zu unangenehm, es aufzuschreiben. Noch weiß ich auch nicht, ob ich diesen Beitrag hier auf „öffentlich“ stellen werde, denn er wird auf Bestürzen treffen. Andererseits frage ich mich, ob wir nicht alle unsere kleinen oder nicht so kleinen Geheimnisse haben, die wir nicht nur vor anderen, sondern auch vor uns selbst verstecken?

Mit dem Thema Bulimie habe ich ja letztens schon einen Anfang gemacht. Das ist jetzt also offiziell. Ich bin Bulimikerin. Ich empfinde das zurzeit nicht also besonders quälend, da es nur relativ selten vorkommt. Nicht so wie damals, wo ich mir mehrfach am Tag den Finger in den Hals gesteckt habe. Eher alle paar Wochen bis Monate einmal. Manchmal vergehen sogar Monate (in der Vergangenheit sogar Jahre), bis es wieder „passiert“. Den zugrundeliegenden Grund kenne ich ja (mangelnde Selbstliebe, also Liebe meiner selbst als Person, nicht als Körper), und die äußeren Auslöser sind mehr auch bekannt (bestimmte Lebensmittel bzw. Tagesabläufe). Aber was jetzt in einem Fall genau dazu führt, dass ich mir den Finger in den Hals stecke und in einem ähnlich aussehendem Fall wieder nicht, das weiß ich nicht. Allgemeine Schwäche? Offenbar kommt da die „Brechlust“ einiger Tage zusammen. Vorvorgestern zum Beispiel ist es mir gelungen, trotz auslösender Lebensmittel (Nutella-Brötchen, auf das ich plötzlich noch nach dem Abendessen Lust hatte) glücklich und satt ins Bett zu gehen. Und vorgestern dann hat ein Plätzchen dann zum Kotz-Brech-Anfall geführt. Beide Male waren da Lebensmittel im Spiel, die ich nur zufällig im Haus hatte: Der Nuss-Nougat-Aufstrich, weil er mir im Rahmen einer anderen Bestellung als Werbegeschenk ins Haus flatterte, und die Plätzchen, weil ich die eigentlich für den Besuch meiner Eltern gekauft habe.

Zurzeit kann ich sagen, dass ich Bulimie-Anfälle vermeiden kann, wenn ich die auslösenden Lebensmittel einfach nicht im Haus habe. Das werde ich wohl einfach auch machen, die entsprechenden Lebensmittel entsorgen. Gute Idee, Ann! 😉

Das ändert ja aber nichts an der Tatsache, dass da ein anderer Auslöser dahinter steckt, der sich dann vielleicht anders ein Ventil verschafft? Oder kann es sein, dass das Symptom einfach so dasteht und weggeht, wenn ich die „bösen Lebensmittel“ außer Sichtweite schaffe?

Tatsache ist, dass ich „gerne“ hungere. Einmal, weil ich dann all meine körperlichen Beschwerden nicht habe („Reizdarm“), und auf jeden Fall auch, weil es das Diabetes-Management vereinfacht, aber auch, weil ich mich dann leicht und vor allem „sicher“ fühle. Essen ist um so viel schöner, wenn man vorher richtig Hunger hatte, das wird jeder bestätigen können. Aber wenn ich nicht esse, dann „sündige“ ich auch nicht gegen meinen Körper und kann nicht zunehmen, ich nehme eventuell sogar ab.

Essen ist für mich unglaublich wichtig. Ich esse selten in Gesellschaft, weil ich so wenig vertrage (sobald jemand Zwiebeln oder Knoblauch in sein Essen haut, habe ich eine schwere Nacht vor mir, und da reichen schon kleine Mengen), aber auch, weil ich mir meinen Hunger gerne für genau die Dinge aufhebe, die ich gerne esse. Meine Eltern laden mich zum Beispiel ständig zum Mittagessen ein, und ich schlage diese Einladungen grundsätzlich aus: Das Essen meiner Eltern ist okay, aber es ist „Kalorienverschwendung“. Blumenkohl, ein Kotelett und ein mit Zucker angemachter Salat sind öde. Ich esse gerne Sushi. Oder Brote mit den ausgefallensten Käsesorten. Oder einfach nur gesalzene Haferflocken mit Pudding oder Joghurt. Oder sogar mit Ei, Kartoffeln und Chips (das mit den Chips haben mir die Amis beigebracht, die werten ihre Sandwichs zum Beispiel mit knackigen Chips auf, finde ich super!).

Aber der Titel dieses Beitrages heißt „Süchte“, weil es um mehr als eine einzige Sucht geht. Da sind noch weitere: Kratom und Alkohol. Bei Kratom ist mir bewusst, dass ich die Kontrolle verloren habe. Bei Alkohol empfinde ich es noch harmlos.

Ich merke gerade, das ist ein Thema, über das ich in einem separaten Beitrag mit runter gelassenen Rollos schreiben möchte. Damit ist dieser Beitrag jetzt also zu Ende. Mehr in einem nicht für die Öffentlichkeit freigegebenen Beitrag.

Salsa!

Nach 3 Jahren war ich endlich wieder Salsa tanzen. Und es war toll!

Ich fühle mich, als hätte ein neuer Abschnitt meines Lebens begonnen. Seit Corona hatte ich mich isoliert, ich bin überhaupt nicht mehr vor die Tür gegangen, schon gar nicht zu Events, bei denen ein Coronatest erforderlich war. Ich bin geimpft und geboostert, da gibt es keine Probleme, aber ich hasse diese Maske und bin sowieso nicht traurig, wenn ich einen guten Grund finde, allein zu bleiben.

Und Corona hat mir diesen Grund geliefert. Allerdings ging das so weit, dass ich mich fragte, ob ich nicht zu allem Überfluss auch noch eine soziale Phobie entwickele. Aber dem ist offenbar nicht so!

Ich hatte mich verabredet, sodass ich mich schon um 8 Uhr mit einer Freundin treffen konnte. Ich gehe in den letzten Monaten gerne schon mal um halb 9 ins Bett, ich lese lieber ein gutes Buch, als fernzusehen, und schlafe dann um spätestens 22 Uhr ein, eine Party, die erst um 22 Uhr anfängt, ist also ein Problem! Meine Güte, ist das ein Zeichen des Alters? Früher ging ich auf Fetischpartys, bei denen man vor 1 Uhr gar nicht aufschlagen brauchte.

Wir machten gemeinsam den Schnupperkurs, und da ich ja im Salsa eher fortgeschritten bin, hatte ich direkt viele unterschiedliche Tanzpartner, genau so, wie es mir gefällt. 😉

Der Veranstalter brauchte eine Tanzpartnerin für seinen Schnupperkurs – sein Salsalehrer war coronabrdingt ausgefallen -, und so stand ich mit ihm auch kurz im absoluten Mittelpunkt: im Raum, aber auch in den Augen aller.

Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich das mag. Ich entwickelte mich zur waschechten Rampensau – wenn auch nur für wenige Minuten. Seltsam, ich empfinde mich eher als schüchtern und zurückhaltend. Komisch.

Später, während der Party, tanzte ich nicht mehr so viel. Das war schade, aber okay. Ich war ja in Begleitung, und so übte ich weiter Grundschritte mit meiner Freundin. Wir hatten wirklich Spaß!

Sie möchte weiter Salsa lernen, und das finde ich natürlich klasse. Ich mache gerne noch weitere (Schnupper-)Kurse mit ihr!

Ich fühle mich also ein wenig wie ein Schmetterling, der nach langer Coronapause endlich davon flattern kann.

Gute Voraussetzungen für meine Psyche, sollte man meinen. Das Leben normalisiert sich wieder. Erst das Aufleben der Freundschaft zu Andrea, jetzt der Salsa.

Allerdings schwingt da weiterhin auch Frustration und Verzweiflung mit, und zwar nicht wenig. Ich spüre, dass es für mich als Schmetterling zu spät ist. Es ist wahrscheinlich ein letztes Aufbäumen vor dem endgültigen Scheitern. Ich kann mir nicht vorstellen, so weiter zu leben, wie bisher. „So“, das bedeutet vor allen mit dem Reizdarm, der mir auch auf der Salsaparty Ärger machte, und mit meinem Status als Singlefrau ohne Aussicht auf „Gemeinsamkeit“ mit irgendwem.

Ich bin sehr einsam, wähle diese Einsamkeit auch bewusst, und sehe keinen Ausweg. Alles, was ich finde, ist Ablenkung, nicht Befreiung, Änderung, ein Silberstreif am Horizont, ist nicht in Sicht. Und es liegt nur an mir. Ausschließlich an mir. Ich bin einfach „müde“. Das ist ja nicht erst seit gestern so.

Im Mai werde ich meine an Krebs erkrankte Schwester besuchen. Mein Haar habe ich ihr schon überlassen. Ich würde ihr auch mein Leben geben, wenn es ginge. Sie braucht es mit Mann und Sohn und funktionierendem Social Life dringender als ich und könnte etwas Schönes damit anfangen. Ich mache es mir eigentlich nur schön, um mir das Warten auf das Ende zu versüßen.

Bulimie mit 57

Ich möchte doch mehr über dieses Thema schreiben, da es mir wichtig ist herauszufinden, was eigentlich dahinter steckt.

Es ist ein sehr tabubehaftetes Thema, das ich mir kaum selbst eingestehe. Dass ich letztens davon geschrieben habe ist eine Premiere. Meine Umwelt denkt, das wäre längst überstanden, und auch ich betrüge mich selbst mit dieser Aussage.

Seit dem Beitrag über die Essstörung vor einer knappen Woche ist es wieder schlimmer geworden. Ich weiß, dass der Beitrag selbst als Auslöser dazu beigetragen hat. Wenn ich das Thema verdränge, kommt mir das Finger-in-den-Hals-Stecken auch nicht so schnell als „Lösung“ in den Sinn, wenn es mir nicht gut geht.

Aber was bedeutet das eigentlich, dass es mir „nicht gut geht“? Und warum ist es eine „Lösung“, das Essen zu erbrechen? Ich habe im Beitrag über die Essstörung und auch schon mal zu Beginn meines Blogs zum Thema Anorexia nervosa und Bulimie beschrieben, wie es zu so einem Fress-Kotz-Anfall kommt.

Bei den letzten Malen war es so, dass ich plötzlich Lust auf „Essen“ bekam, das ich mir aber nicht erlauben wollte. Ich ging also bereits mit dem Gedanken an den (Kühl-)Schrank, mir etwas zu suchen, was ich gleich wieder auskotzen könnte. Am Donnerstag hatte ich vorher einen völlig asynchronen Tag erlebt, ich hatte einen Termin um 9 Uhr morgens vergessen, und der Preis für die Eile am Morgen war dann, dass der ganze Tag völlig quer lief. Ich trieb nicht wie sonst Sport, da ich am Morgen so gehechtet war (welche Begründung!), ich aß anders und unregelmäßig. Aber das allein reicht ja nicht aus, um einen Kotzanfall zu bewirken. Alle Gründe, die ich vorbringen könnte, auch z. B., dass ich an dem Tag übehaupt keinen Sport gemacht habe, sind ja nur nachgelagerte Trigger, haben mit der eigentlichen Ursache nichts zu tun.

Man könnte meinen, dass eines der Stichworte hier „Kontrolle“ lauten könnte. Ich kontrolliere mich und meinen Körper enorm. Durch den Reizdarm ist es enorm wichtig für mich, nichts „Falsches“ zu essen. Und auch aufgrund meines Diabetes kontrolliere ich meine Kohlehydratzufuhr sehr genau. Das geht mit dem Sport einher, der mir sehr beim Diabetes hilft. Eine Sporteinheit kann Insulin ersetzen, mal ganz zu schweigen von den Kalorien, die sie verbrennt.

Ich habe aber auch sehr gerne einen nahezu leeren Magen, sodass ich eigentlich immer etwas essen könnte. Wenn mein Magen richtig voll ist, fühle ich mich nicht wohl. Außerdem weiß ich dann, dass mein Reizdarm am nächsten Tag umso schlimmer ausfallen wird. Darüber hinaus habe ich ja auch eine Zwerchfellhernie (möglicherweise verursacht durch das Brechen?), eine Öffnung im Zwerchfell, durch die sich der Magen stülpt, was bei zu großen Mengen dazu führt, dass mir übel wird, und es dauert dann auch eine ganze Weile (ein bis mehrere Tage), bis es mir wieder besser geht. Erbrechen hilft da enorm, kein Scheiß. Es reduziert diese Übelkeit selbst am zweiten Tag noch, weil irgendwas mit meinem Zwerchfell passiert, was dazu führt, dass ich mich wieder gut fühle.

Ich kann die Ergebnisse meines sportlichen Ehrgeizes mittlerweile sehr gut im Spiegel sehen. Ich habe deutlich sichtbare Bauchmuskeln, beeindruckende Bizeps und auch der Rest kann sich sehen lassen. Das alles ist etwas schlaff, wahrscheinlich durch das Alter, aber noch möchte ich mich nicht geschlagen geben. Ich kontrolliere also auch das Aussehen meines Körpers genau.

An dem Tag, an dem ich morgens den Termin vergessen hatte, hatte ich die Kontrolle über meinen Tagesablauf verloren. Ich hatte auf dem Rückweg vom Termin unterwegs eine Salzbrezel gekauft, während ich normalerweise eigentlich bis 11 oder 12 Uhr gar nichts esse und dann nur Dinge, die gut für meine Verdauung/mein Gewicht sind. Und so führte ein Kontrollverlust zum nächsten.

Gestern war es allerdings anders. Da hatte ich schon früh morgens sehr viel Sport getrieben, sodass ich relativ früh am Tag Zeit hatte, mich mit einem Buch auf die Couch zu legen. Vielleicht war das ein Problem? Abends habe ich mir dann eine Pizza gegönnt – die Königsdisziplin der insulinpflichtigen Diabetiker – es ist einfach schwer, die richtige Menge an Insulin zu spritzen, ohne noch Stunden danach zu über- oder unterzuckern -, ich hatte sicherlich seit 7 Jahren keine echte Pizza mehr gegessen. Boah war das lecker. Aber „lecker“ bedeutete in diesem Fall auch 800 Kalorien. So eine Menge hatte ich wahrscheinlich auch schon seit Jahren nicht mehr (bewusst) zu mir genommen. Und so fand ich mich dann nach der Pizza vor dem Kühlschrank auf der Suche nach leicht erbrechbaren Lebensmitteln. Das Knien vor der Kloschüssel musste ich dann aber unterbrechen, bzw. abbrechen, da ich aufgrund der falsch gespritzten Pizza unterzuckerte. Das war ebenfalls eine Premiere. Ich habe noch nie aufgehört zu Brechen, bevor wirklich gar nichts mehr rauskam. Ein kleiner Erfolg, zumindest empfinde ich das so.

Gehen wir mal davon aus, dass „Kontrolleverlust“ einer der wichtigen Faktoren ist, die zu einem Bulimie-Anfall führen. Mag ja sein, aber warum ist es so schlimm, Kontrolle zu verlieren?

So ein Fress-Kotz-Anfall ist eine echte Tortur. Strafe, könnte man sagen. Es ist ekelhaft. Es ist auch sehr anstrengend, wie jeder weiß, der schon mal vor der Kloschüssel gehockt hat, um unerwünschte Nahrung auszuspucken. Es ist auch schmerzhaft. Mir tut hinterher meine Zunge weh. Meine Rechte Hand, auf die ich beim Kotzen beiße, hat mittlerweile einige Narben. Mein Hals schmerzt. Ich habe einen fiesen Geschmack im Mund. Mein ganzer Körper ist erschöpft. So ein Bulimie-Anfall ist auch eine Strafe, oder? Ich kann das nicht ganz so empfinden, aber es könnte sein. Natürlich sorgt das Erbrechen auch dazu, dass ich wieder zum Sollzustand zurückfinde: XYZ Kalorien pro Tag, damit meine enormen Körperformungsbemühungen nicht umsonst waren. Das Klo sieht nach dem Erbrechen aus, wie ein Schweinestall. Noch schlimmer war es in den USA, wo die Toiletten anders gebaut sind und ich direkt in eine riesige Wasserpfütze kotzen muss. Das spritzt! Und dann die Kosten für die ganzen Lebensmittel!

Tatsächlich, das fällt mir gerade sein, sind auch bestimmte Lebensmittel Trigger für meine Bulimie, obwohl das natürlich auch völlig unerklärbar ist: Große Eisbecher haben bereits mehrfach dazu geführt, dass ich mehr esse, als ich es mir erlauben wollte, und danach dann vor der Kloschüssel hing. Oder auch Plätzchen. Das Weihnachtsgebäck, das ich mir gekauft habe, habe ich in einem Essanfall im Januar fast auf einmal gekillt, den Rest habe ich dann angewidert werggeworfen. Es sind Dinge, die ich gerne esse, an denen mich aber auch gerne zu intensiv bediene. Hier reicht es aber aus, diese Dinge gar nicht erst einzukaufen.

Warum ist es für mich so wichtig, die Kontrolle zu behalten, dass ich mich mit so einer Mordsanstrengung bestrafe, wenn es mir nicht gelingt? Das ist die große Frage. Warum bin ich so kontrollsüchtig? Und ist es überhaupt die Kontrolle, um die es geht? Oder ist es doch einfach nur der Wunsch, schlank zu sein, also perfekt auszusehen?

Und warum ist es für mich so wichtig, meinen Magen immer halbwegs leer zu halten? Ich esse zwar gerne, aber ich fülle meinen Magen ungern. Ohne Ballast im Magen fühle ich mich leichter, besser. Hungern macht high, wie andere Betroffenen bestätigen werden können.

Ich würde gerne tippen, dass die Bulimie schlimmer geworden ist, seitdem ich keine Panikattacken mehr habe. Schließlich glaube ich, dass beide Krankheiten Symptom desselben Ausgangsproblems sind. Aber dem ist nicht so. Ich habe auch in den letzten Jahren, als meine Panikattacken noch schlimm waren, gekotzt. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist es in den letzten Jahren schlimmer geworden. Vielleicht besteht ja doch ein Zusammenhang?

Die Kontrolle war ja auch so wichtig bei meinen Panikattacken. Mein geliebter Mensch, der, der die Panikattacken auslösen konnte, musste immer in Reichweite sein. Ich musste wissen, wo er gerade war, sodass ich ihn im Zweifel erreichen konnte. Hm. Während ich das hier tippe kommt es mir so vor, als wäre die Kontrolle in den Panikattacken nicht so wichtig. Klar muss ich das kontrollieren, was mir Angst macht. Den Verlust. Aber ich glaube nicht, dass Kontrolle bei den Panikattacken so wichtig war.

Das Leben wäre einfacher, wenn man alles in Kontrolle hätte. Vielleicht ist es einfach das. Wenn ich alles auf Knopfdruck steuern könnte, dann bestünden viele meiner Probleme nicht. Direkt vorweg das Gewicht: Ping, und schon ist es perfekt. Die Präsenz geliebter Menschen: Ping, und schon zeigt ein Bildschirm, was sie gerade tun, und ein weiteres Ping und ich kann mich versichern, dass sie noch für mich da sind. Dasselbe gilt für meine Arbeit: Ping, schon bekomme ich Aufträge, und ein weiteres Ping, schon lassen mich meine Kunden wieder in Ruhe. Oder noch einfacher: Ping, schon hätte ich genug Geld auf dem Konto.

Ich gebe für heute auf. Ich komme zu keiner Lösung.

Essstörung

Ich habe ja bereits davon gesprochen, ich hatte im Alter von etwa 15 bis 23 eine Essstörung. Erst Magersucht, dann, nach 6 Wochen Krankenhaus, während der man mir die Hunger-Disziplin ausgetrieben hatte, Bulimie. Während der Magersucht hatte ich mich „gut“ gefühlt. Klar, ich dachte, da wäre eine dünne Ann in der dicken Ann versteckt (ich wog 43 kg bei 1,76 cm), und das war definitiv psychisch krank, aber ich hatte eben das Gefühl, die Kontrolle über meinen Körper zu haben. Und es war geil (und wahrscheinlich Sucht erzeugend) zu beobachten, wie „leicht“ sich meine Körperform verändern ließ. Nur, dass ich eben doch nie zufrieden war. Bei der Bulimie war es völlig anders. Ich hatte keine Kontrolle mehr und fühlte mich (wahrscheinlich) wie ein von Substanzen wie Alkohol oder Drogen abhängiger Mensch, der gegen seine Sucht ankämpft. Es war fies – nicht nur das Kotzen, sondern auch der tägliche Kampf gegen die Fressattacken und das damit verbundene Würgen. Die Schuldgefühle und die Gewissheit, doch immer wieder zu versagen.

Ich überwand die Essstörung mithilfe eines Psychologen. Mehr dazu gibt’s in meinem Beitrag über Anorexia nervosa und Bulimie zu lesen. Dort zeichne ich ein Bild von mir und meiner Krankheit, das tatsächlich zu schön ist, um wahr zu sein. Aber ich wollte das wirklich glauben! Eigentlich darf ich mich nicht wundern, dass mir alle glauben 😉

Seither erzähle ich allen, dass ich das Kapitel abgeschlossen habe und ich wahrscheinlich ein gesünderes Verhältnis zum Essen habe als die normale Durchschnittsfrau. Und möglicherweise ist das auch so. Das spricht jedoch nicht für die Durchschnittsfrau…

Was ich niemandem erzähle ist, dass ich weiterhin, in den letzten 30 Jahren, intensiv auf mein Körpergewicht geachtet habe. Mal mehr, mal weniger. Es gab Jahre, in denen es mir völlig gleichgültig war, aber es gab – glaube ich – mehr Jahre, in denen ich mehr darauf achtete. Und wenn es mir gleichgültig war, dann auch nur deshalb, weil ich genug mit meinen Panikattacken zu kämpfen hatte. Ich glaube nach wie vor, dass beide Krankheiten einfach nur unterschiedliche Symptome für dieselbe Störung sind.

Wie sich das äußert? Nun, ich zähle im Hintergrund praktisch immer Kalorien. Immer. Immer. Immer. Ich esse nie, ohne im Hinterkopf zu haben, dass mich diese Mahlzeit jetzt kalorienmäßig eventuell aus dem Gleichgewicht bringt, und ich deshalb für den Rest des Tages weniger essen darf. Ich jongliere täglich, wenn nicht sogar stündlich, mit meiner Kalorienaufnahme. Und das Gleiche gilt auch für den Sport. Ich weiß, wie viele Kalorien ein Workout verbrennt, und arbeite darauf hin, so viel Sport zu treiben, dass ich immer ein wenig im Kaloriendefizit bin. Mal mehr, mal weniger bewusst, zur Zeit führe ich jedoch sogar schriftlich darüber Buch.

Es ist wahr, ich war noch nie so zufrieden mit meinem Körper wie jetzt. Ich sehe die Ansätze eines Waschbrettbauchs, ich mag, wie meine Armmuskeln definiert sind. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mit 43 kg vor dem Spiegel stand und nur das Fett an mir sehen konnte. Was das anbelangt, geht es mir heute deutlich besser.

Ich habe gelernt, mich so vor den Spiegel zu stellen, dass ich mich schön finden kann. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht zufällig zwischendurch im Spiegel sehe und doch abscheulich finde. Diese Krankheit ist noch da. Sie zeichnet sich unter anderem auch dadurch aus, dass die Körperwahrnehmung irrwitzig ist. Ich habe nur gelernt, darüber hinweg zu sehen. Mein Äußeres zu akzeptieren, so, wie ich bin, ist eine tägliche Anstrengung. Ja, es gelingt mir relativ gut. Aber es kommt mir meistens vor wie objektiver Selbstbetrug.

Dieses Bild der zufriedenen Ann ist das, was ich nach außen kommuniziere, und was auch manchmal, vielleicht sogar die meiste Zeit, so stimmt. Aber es stimmt eben nicht immer.

Ich habe es noch nie jemandem erzählt, aber ich habe immer noch ab und zu Fressattacken, die dazu führen, dass ich mit dem Finger im Hals vor der Kloschüssel hänge. Das passiert nicht täglich, das passiert auch nicht wöchentlich, aber wenn es passiert, passiert es phasenweise täglich. Das ist eine waschechte Bulimie. Ich weiß von Therapeuten, dass dieses Verhalten nicht überzubewerten ist, es ist eben so, man kann eine Essstörung nur im Griff haben, nicht heilen, sie geht nie ganz weg. Es ist eine Sucht. Genauso, wie Alkoholiker immer Alkoholiker bleiben, nur eben „trockene Alkoholiker“, so bin ich eine zeitweise „trockene“ (oder sollte ich sage „waagelose“?) Essgestörte.

Trotzdem belastet mich das. Es sind Phasen der Schwäche, in denen ich besonders intensiv auf meine Kalorienzufuhr achte und scheitere. Das letzte Dessert, was ich gegessen habe, war dann plötzlich zu viel, und ich reagiere darauf, indem ich noch mehr in mich hinein stopfe – in einer irren Geschwindigkeit, die hässlich anzusehen sein muss – nur um das Ganze dann später über der Kloschüssel hängend wieder auszukotzen. Es ist anstrengend, es ist ekelhaft, es schwächt mich, und es ist vor allem im Rahmen meines Diabetesmanagements völlig kontraproduktiv. Wenn ich abends 4 Einheiten für zwei Brötchen spritze, und dann eine undefinierbare Menge davon wieder auskotze, kann ich davon ausgehen, dass ich ein paar Stunden später unterzuckern werde. Also muss ich das Ausgekotzte hinterher wieder nachfressen, nur wie viel genau? Esse ich zu viel, hänge ich wieder über dem Klo, esse ich zu wenig, kriege ich Heißhungerattacken – die mich wieder zur Kloschüssel führen. Es ist ein Teufelskreis.

Ich habe noch nie jemandem davon erzählt. Was man sieht, wenn man mich kennen lernt, ist, dass ich eine völlig normale Frau mit einer überdurchschnittlich guten Figur bin. Man weiß, dass ich viel Sport treibe, und da ich es auch sage, nimmt man an, dass ich die perfekte Figur habe und das auch innerlich genieße. Bullshit.

Ich bemühe mich, mich so zu fühlen. Es laut auszusprechen, ist Teil der Therapie. Das weiß ja jeder: Wiederholt man eine Lüge oft genug, dann glaubt man sie irgendwann selbst. Aber oft sehe ich auch ganz deutlich die wabbeligen Oberschenkel, das dicke, wabelige Fettpolster rund um meinen Bauchnabel, meinen viel zu wuchtigen Hängegepo und so weiter. Und dann nehme ich mir vor, noch mehr Sport zu treiben und weiter abzunehmen.

Ich sagte es schon, es ist ein Teufelskreis. Und es ist eine beschissene Krankheit, da sie so viele Tabus beinhaltet. Sie ist unsichtbar und ich muss mich enorm anstrengen, sie geheim zu halten und das eigentlich gegenteilige Bild von mir nach außen zu tragen.

Gestern hatte mich Andrea gefragt, ob man durch Hula Hooping eine schmalere Taille bekommen könnte. Sie hat auch einen Hula Hoop-Reifen, sieht meine Erfolge (ich kann mittlerweile dabei auf einem Bein hüpfen, vor 4 Wochen war ich froh, den Reifen überhaupt oben halten zu können). Ich sagte ihr, dass ich das trotz intensiven Hullerns in den letzten vier Wochen nicht hätte beobachten können. Und ich glaube ehrlich gesagt sowieso nicht, dass man so gezielt trainieren und abnehmen kann. Heute morgen las ich ihre Antwort dazu:

Sie glaubt also, dass ich keine Erfolge sehe, da ich eh perfekt bin. Warum hat sie überhaupt gefragt??? Ich habe mir eine Antwort verkniffen – mir tut ihre Ablehnung von letzter Woche noch sehr weh und ich werde den Teufel tun und ihr sagen, was ich von meiner „Super-Definition“ halte. Ich sehe rund um den Bauchnabel dicke Fettpolster und würde mir wünschen, dass die weggehen. Aber wenn ich ihr sage, wie ich fühle, dann macht sie wahrscheinlich eh wieder gleich dicht. So oder so, sie wird mein Klagen nicht ernst nehmen. Und objektiv betrachtet ist es ja auch Jammern auf hohem Niveau. Nur kann ich eben nicht immer derart objektiv sein.

Und das ist eben echt schwierig. Ich glaube, dass ich zwar Phasen habe, in denen ich davon überzeugt bin, total „super trainiert und definiert“ zu sein, aber ich habe genauso viele Phasen – wenn nicht sogar mehr – in denen ich nur den Wabbel sehe. Und wahrscheinlich bin ich dann zumindest genauso unzufrieden wie sie.

Nur darf ich ja nichts dazu sagen. Ihr gegenüber nicht, darüber haben wir ja schon gesprochen. Aber auch sonst nirgendwo niemals. Und das ist unfair.

Ich bin doch eine Frau mit ganz normalen Ängsten. Nur weil ich mich mehr als andere bemühe, meine Figur zu halten – und welchen Preis ich dafür zahle, habe ich ja eben beschrieben – darf ich nicht zum Ausdruck bringen, was ich fühle, denn dann würde man glauben, ich würde mich nur in den Mittelpunkt rücken wollen, ich würde auf extrem hohen Niveau jammern und das, was ich sage, wahrscheinlich nicht mal selbst glauben…

Es bleibt dabei. Ich glaube, ich bin genauso zufrieden oder unzufrieden wie eine Durchschnittsfrau. Egal wie ich aussehe. Und ich bin davon überzeugt, dass es den meisten Frauen so geht. Die, die eine objektiv betrachtet bessere Figur haben, arbeiten meist nur mehr daran, und zwar weil sie dieselben Ängste haben.

Das war das Wort zum Sonntag ;-).

Neue Perspektive zu Andrea

Skyscraper hat auf meinen letzten Beitrag geantwortet und mir geholfen, die Situation aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Sie meinte, dass das Thema Gewicht und Figur für Andrea vielleicht zu schmerzhaft wären, um sich damit auseinanderzusetzen. Und dass sie ihr bestes gegeben hat, also nicht bewusst böse war, sondern versucht hat, so zu antworten, dass es ihr und mir gerecht wird. Damit ist sie allerdings kläglich gescheitert.

Ich halte diese Möglichkeit für sehr wahrscheinlich. Dafür spricht, dass ich a) Andrea nicht für böse halte, dass mir b) ihr Mann vor vielen, vielen Jahren einmal gesagt hat, Andrea käme nicht damit klar, wenn ich über meine Unzufriedenheit mit meinem Gewicht spreche, obwohl ich 50 kg weniger wiege als sie. Das ist also ein Thema, bei dem sie den Kopf in den Sand steckt und darauf hofft, dass der Sturm von selbst vorbeizieht. Mein Beharren (auch bei den letzten Malen), meine Unzufriedenheit über unsere Beziehung zu besprechen, hätten sie nur gezwungen, offen Stellung dazu zu nehmen. Wahrscheinlich ist es wirklich zu schmerzhaft für sie. Wahrscheinlich geht es ihr nicht um mich, sondern um die Themen.

Dagegen spricht allerdings, dass sie ja tatsächlich 30 kg abgenommen hat in den letzten 2 Jahren und eben auch viel Zeit vergangen ist. Was vor 15 Jahren ein Problem war, das muss ja heute nicht mehr relevant sein?! Und dagegen spricht auch, dass ich sie für durchaus intelligent halte und mir einfach nicht vorstellen kann, dass man so geist- und herzlos auf einen Versuch der Nähe reagiert.

Denn Andrea kennt mich lange. Sehr lange. Sie kannte mich vor meiner Magersucht und Bulimie. Sie kante mich während meiner Magersucht und Bulimie. Und sie kannte mich danach, als diese Essstörungen durch Panikattacken ausgetauscht wurden. Ist es wirklich so schwer vorstellbar, dass mich meine Magersucht/Bulimie von damals noch heute belastet? Ja, ich gebe mir alle Mühe, zufrieden mit mir und meinem Körper zu erscheinen, aber braucht es denn wirklich einen studierten Psychiater um zu erkennen, dass all der Sport, den ich treibe, unter anderem auch dazu da ist, mich doch wieder gut in meinem Körper fühlen zu lassen? Ich kämpfe darum, die Kontrolle zu behalten und bloß nicht wieder in diese Essstörung zu fallen. Und das geht nur, wenn es mir gelingt, meinen Körper so im Spiegel zu betrachten, dass ich ihn schön finden kann. Und dabei hilft es mir auch zu sehen, dass anscheinend perfekte Models Cellulite haben und dass es Möglichkeiten gibt, so zu posen, dass ich nur meine Schokoladenseiten, bzw. die Seiten, die nicht von Schokolade verformt sind, zu betrachten. Andrea mag sichtbar übergewichtig sein und damit kämpfen. Ich bin unsichtbar übergewichtig und kämpfe wahrscheinlich genauso intensiv. Eigentlich habe ich das Gefühl, intensiver zu kämpfen, denn mein Tagesablauf ist nach wie vor durch diesen Kampf gekennzeichnet. Ich denke ständig darüber nach. Ich freue mich über meine Erfolge, aber ich muss unglaublich schwer kämpfen, um meine Misserfolge wegzustecken.

Noch schwerwiegender bewerte ich allerdings unsere gesamte Kommunikation an diesem Tag, die allerdings ebenso mit „sie hat ihr Bestes gegeben, sie kann es nicht besser“ begründet werden könnte: Ich hatte ihr im Laufe des Tages den Link zu einem Song geschickt, den ich in letzter Zeit immer wieder höre und der mir gut gefällt. „If the world was ending now“ von JP Saxe featuring Julia Michaels. Mir fielen zunächst die eingängige Melodie und die Stimme(n) auf. Dann hörte ich auf den Text, und er gefiel mir. Er ist so ehrlich: „Ich weiß, dass wir nie dafür bestimmt waren, für immer zusammen zu sein, aber wenn die Welt jetzt enden würde, dann würdest du doch zu mir kommen, oder?“. Das ist ein Gedanke, der mir auch schon ein paar Mal gekommen ist. Wenn man so alleine und verzweifelt ist, dann möchte man vielleicht trotzdem mit einer vertrauten Person zusammen sein, oder? Und wenn die Welt eh untergeht, dann sind unsere Probleme dagegen ja wahrscheinlich klitzeklein, dann könnten wir sie ja auch für die eine, letzte Nacht vergessen? Naja, ich gebe ja zu, dass das ein trauriger Song ist, aber irgendwie enthält er auch ein wenig Hoffnung.

Andrea und ich schicken uns immer wieder Songs zu, die wir schön finden. Sie hatte mir letztens „Something ‚bout a truck“ von Kip Moore zugeschickt, ein unbeschwerter, eingängiger Song darüber, wie schön das Leben doch sein kann. Und so hatte ich mir nichts dabei gedacht, ihr diesen Song zu empfehlen. Er sollte einfach zur Unterhaltung dienen, aber dass mir der Song gefällt zeigte ja auch ein wenig von meiner Gefühlswelt. Andreas Reaktion: „Das macht irgendwie sentimental, das ist nix für mich“. Statt irgendwie auf den Blick in meinen Seelenzustand einzugehen, hat sie einfach die Türe zugeknallt. So kam es mir auf jeden Fall vor. Habe ich zu viel erwartet?

Dann stieß ich auf ein Bild von „Jason Momoa“, seit Jahren ihr großer Schwarm (er sieht okay aus, aber ich kann nicht viel mit ihm anfangen, ich würde ihn erst mal unter die Dusche stellen und komplett rasieren). Das Bild zeigte eine Kaffeetasse mit einem Bild von Jason und dem Text: Heute habe ich Lust auf gar nichts. Außer Jason Momoa, auf den hätte ich Lust.“ Sowas machen wir häufiger, uns dumme Bildchen zum Lachen zuschicken. Und nichts anderes hatte ich im Sinn. Ihre Reaktion: „Ne lass mal“.

Okay. Diese Antwort kam in einer Flut weiterer negativer Ausbrüche, mitten in ihren Monologen über Body Positivity, dumme Influencer, die sich für einen schönen Körper sogar operieren lassen und so weiter. Ich bezog ihre Antwort gar nicht auf das Bild mit der Tasse, sondern auf ihre Stimmung insgesamt: Lass mich in Ruhe. Ich will das nicht. Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, höre ich auch ein „man sollte sich nicht so sehr mit seinem Aussehen befassen“ heraus, was einem direkter Tritt in meine Weichteile gleicht, obwohl sie es wahrscheinlich gar nicht bemerkt hat.

Wenn ich mir das noch mal durch den Kopf gehen lasse, dann fühlt es sich so an, als hätte ich sie mit meinen nachdenklichen bzw. selbstreflektierenden Nachrichten in eine aufgeregte, schlechte Stimmung gebracht. Aber wer weiß, vielleicht war ja auch vorher irgendetwas bei ihr vorgefallen. Die Welt dreht sich nicht nur um mich.

Wie gesagt, ich reagierte zunächst mit einem schüchternen „Okay“ und fühlte mich, als hätte sie mir gerade eine Ohrfeige verpasst. Ich erwartete gar keine weitere Antwort, aber sie holte, wie schon beschrieben, aus und erklärte lang und breit, warum sie sich nicht für das interessierte, was ich ihr geschickt hatte. Und ihre Antworten zeigten mir, dass sie überhaupt nicht verstanden hatte, was ich beabsichtigt hatte. Ich wollte ihr keine Tipps geben, wie man besser auf Instagram posiert. Und das hätte sie doch auch wissen müssen? Vereinfacht ausgedrückt sah der Dialog, den ich verstanden habe, so aus:

Ich: „Guck mal, was mich gerade beschäftigt. Ich fühle mich immer so hässlich und einsam, aber diese Dinge geben mir ein wenig Hoffnung.“

Andrea: „Diese Themen machen mich wütend. Warum beschäftigst du dich mit so oberflächlichem Mist? Belästige mich nicht mit sowas.“

So zusammengefasst ist offensichtlich, dass ich zunächst verstanden habe: „Ich kann mit deiner Gefühlswelt nichts anfangen.“ Skyscraper hat wahrscheinlich jedoch Recht, ihre Antwort war eine andere: „Ich möchte mich mit diesen Themen nicht auseinandersetzen, sie betreffen mich direkt und sind mir zu schmerzhaft“. Das würde auch ihre harte Ausdrucksweise erklären, die nicht dazu gedacht war, mich zu ohrfeigen, sondern einfach die Türe hinter diesen für sie unangenehmen Themen mit Kawumm schließen sollte.

Da Andrea sich am nächsten Tag bei mir meldete und so tat, als hätte sie mich gar nicht beschimpft gehe ich davon aus, dass sie wirklich nicht das Gefühl hatte, mich beschimpft oder abgelehnt zu haben. Es ging ihr um das Thema, nicht um mich. Was ich nicht verstehe ist, dass man das so trennen kann.

Ich habe gestern auch mit meiner Schwester über dieses Thema gesprochen. Sie erzählte von einer ihrer Jugendfreundinnen aus der Schulzeit und meinte, die sei ihr zu oberflächlich, und sie würde sich wahrscheinlich nicht mit ihr befreunden, wenn sie sie heute kennen lernen würde. Ihren Optimismus würde sie jedoch klasse finden. Und genau das trifft auch auf Andrea zu: Ihre Oberflächlichkeit ist oft abschreckend, aber ich finde es toll, wie sie Probleme ignorieren kann, denn in 80 % der Fälle bringt es überhaupt nichts, über diese Dinge nachzudenken oder sich gar selbst Vorwürfe zu machen: Am nächsten Tag sind sie entweder von selbst verschwunden, oder aber ich empfinde sie gar nicht mehr als so bohrend. Das ist eine Eigenschaft, die ich gerne auch hätte. Ich würde die Dinge oft gerne einfach als gegeben hinnehmen und mir keine Gedanken darüber machen müssen, warum sie passiert sind, was ich falsch gemacht habe und wie ich sie vermeiden kann.

Meine Schwester meinte, sie hätte in ihrem Job viele Leute aus einfachen Verhältnissen, die ähnlich oberflächlich seien, das Problem sei jedoch, dass sie deshalb immer wieder auf ähnliche Probleme stoßen würden und sie nicht in der Lage wären, diese Probleme zu lösen.

Bei sowas muss ich an mein Talent denken, mir Männer zu suchen, um die ich kämpfen muss. Je schwieriger der Kampf wird, umso interessierter bin ich. Ja, zuerst habe ich gedacht, dass es einfach Pech sei, aber nach und nach bin ich auf den Gedanken gekommen, dass ich „irgendwie“ aktiv dazu beitrage, dass genau diese Männer in mein Leben kommen, und heute weiß ich ja auch, warum das so ist: Ich spiele die schwierige Beziehung zu meiner Mutter nach, die mich nicht lieben kann, und um deren Liebe ich doch heute noch kämpfe. Ich finde, dass jeder, der ein bisschen Grips hat, doch merken muss, dass Probleme, die sich wiederholen, in gewisser Weise auch selbst verursacht sein könnten?

Übertragen auf meine Freundin Andrea ist es so, dass sie zum Ende ihrer Ehe, zum Fremdgehen ihres Mannes, einfach glaubt, Pech gehabt zu haben. Dass ihr Mann ein Arschloch sei. Und ja, beides ist ja auch in meiner Gedankenwelt richtig. Der Mann hat einen schlimmen Fehler gemacht, und das lässt sich nicht schön reden. Dennoch würde sich mir die Frage stellen, wieso es so weit kommen konnte. Was ist mein Anteil daran, dass der Mann sich von der anderen Frau angezogen fühlte, und wichtiger noch, warum habe ich das 5 Jahre nicht bemerkt? Ich will hier kein Opfer-Bashing betreiben, obwohl diese Gedanken ja schnell auch zu weit gehen können. Andrea meint dazu allen Ernstes, ihr Mann sei psychisch krank, mehr nicht. Mag sein, ich war ja nicht dabei, das ist ja zusätzlich auch durchaus möglich. Wenn ich jedoch auf meine Beziehungen zurückblicke, dann weiß ich, dass es mein Fehler war, nicht früh genug Grenzen gesetzt zu haben, dass ich zu viel Angst vor dem Alleinsein hatte und dass ich meine Augen vor den deutlich sichtbaren Problemen aktiv geschlossen habe: Ich hatte Angst vor dem, was passieren würde, wenn ich Ted auf den Kopf zusagen würde, dass er mich anlügt. Angst. Obwohl Ted (oder in diesem Fall Andreas Mann) nach wie vor der Übeltäter bleibt, so habe auch ich (oder Andrea) dazu beigetragen, dass es soweit kommen konnte.

Man sollte meinen, dass solche Überlegungen sinnvoll sind und langfristig dazu führen, dass ich meine Fehler nicht wiederhole. Aber ist das tatsächlich so?

Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich nicht feststellen, dass mich all diese Erkenntnisse und Überlegungen wirklich weiter gebracht haben. Es sei denn, man empfindet meine aktuelle Männerlosigkeit, die Angst, dass ich beim nächsten Mann wieder so tief ins Klo greife, als Fortschritt. Denn das hat sich ja wirklich geändert, ich bin seit über zwei Jahren ohne Mann und ohne Sex, und das war das letzte Mal wahrscheinlich 1984 so.

Und das bringt mich zu dem Schluss, dass oberflächlichere Menschen wie Andrea vielleicht doch glücklicher durch das Leben gehen. Eigentlich haben mich all meine Grübeleien doch nur noch unglücklicher gemacht. Ja, ich empfinde mich als schlau, es ist toll, nach 50 Jahren endlich dahinter gekommen zu sein, warum ich mich schon mit 15 von meinen Freundinnen habe gängeln lassen, aber diese Erkenntnis hat zumindest bisher nicht dazu geführt, dass es nicht mehr passiert. Das Muster zieht sich durch mein ganzes Leben, bewusst oder unbewusst.

Und das ist traurig.

Und das ist auch ein Grund, warum ich an Andrea festhalte, obwohl sie so oberflächlich ist: Ich will ein wenig von ihrer Unbeschwertheit haben. Denn eines ist sicher: So schwermütige Dinge, wie ich Andrea in den letzten Tagen zugeschickt habe, schickt sie mir nicht zu. Was von ihr kommt, zeichnet sich durch Leichtigkeit aus.

Wenn ich weiter mit Andrea befreundet bleiben will, muss ich mich damit abfinden, dass sie nur Leichtigkeit um sich herum anhäuft. Dass sie für sie schwierige Themen mit dem Baseballschläger von sich schleudert, und dass die Schläge, so hart sie auch treffen, eigentlich nicht gegen mich gerichtet sind, sondern „nur“ gegen die Probleme. Und ich muss mich auch damit abfinden, dass ich mit ihr nicht über meine Selbstreflektion sprechen kann. Sie versteht es nicht und wird mir immer wieder zu verstehen geben (bzw., ich werde dann genau das verstehen), dass es „dumm“ und „lästig“ ist, was ich mache.

Kann ich das?

Und noch was: Kann es wirklich sein, dass Andrea nicht bemerkt, wenn sie mich verletzt? Wenn auf einen langen Monolog von ihr von mir nur noch ein „Okay“ als Antwort kommt, da ich das Gefühl habe, dass mir ihre verbale Ohrfeigen gerade die Luft aus den Lungen gehauen haben? Fragt sie sich wirklich nicht, was da gerade abgegangen ist? Und tut sie es dann als „Ann ist einfach schwierig“ ab? Das will mir nicht in den Kopf. Wenn ich Zweifel hätte, ob ich eine geliebte Person immer wieder verletze, würde ich das klarstellen wollen. Meinen Versuchen, das zu tun, hat sie sich mehrfach mit Kontaktabbruch widersetzt.

Andrea: Nase voll, schneller als erwartet

Ich bin selbst überrascht. Ich sitze hier und heule. Vorgestern war die Welt noch in Ordnung, und ich habe mich über meine neue alte Freundschaft mit Andrea gefreut, und heute würde ich am liebsten wieder mit ihr „Schluss“ machen.

Was ist passiert? Das versuche ich gerade selbst, herauszufinden. Sie hat mich gekränkt. Es fühlt sich an, als hätte sie schulternzuckend vor mir gestanden und gesagt: „Weißt du, wie du denkst und was dich berüht, das interessiert mich eigentlich einen Scheiß …“.

Das hat sie natürlich nicht gesagt. Es waren eher viele Kleinigkeiten.

Das ist jetzt nur ein Beispiel. Ich habe ihr z. B. den Instagram-Link und ein Foto von einer Frau geschickt, die ich mag: Danae Mercer. Ich finde sie authentisch, sie ist hübsch und hat eine Model-Figur, und doch zeigt sie immer wieder sehr authentische Bilder von sich mit Röllchen, Cellulite etc. Sie erklärt, wie man posen kann, um modellmäßig auszusehen und wie sie eigentlich normal aussehen würde, wenn sie ihren Bauch nicht extrem einzieht etc. Es ist nicht so, als wüsste ich nicht, dass diese Beauty-Bilder alle gestellt und meist auch gephotoshopped sind, ich finde es aber toll, wie diese Frau das Thema angeht. Sie ist mir mit ihrem Selbstbewusstsein und ihrer Authentizität ein Vorbild. Ich war mal magersüchtig, ich hatte mal Bulimie. Das alles ist nach wie vor Thema für mich.

Ich weiß auch, wie Andrea um ihre Figur kämpft. Sie hat zwar sehr viel abgenommen, aber man sieht es nicht. Meine Absicht war einfach, Andrea ein bisschen zu zeigen, was mich bewegt. Es geht um mich. Es gibt mir mein Selbstvertrauen zurück, wenn ich sehe, wie selbst Modelle mit der perfekten Figur wabbelig aussehen können. Und es zeigt mir, wie ich mich im Spiegel anschauen kann, um mich auch perfekt zu finden. Ich wollte also dieses neue alte Selbstvertrauen mit Andrea teilen.

Ihre Antwort, wörtlich, nach einer langen Erklärung und dem Foto: „Ne lass mal, interessiert mich nicht“.

Sie hätte mir genauso eine Ohrfeige geben können. Okay. Ich wusste echt nicht, wie ich reagieren sollte. Böse meinte sie es ja wohl wahrscheinlich nicht. Unhöflich war es aber auf jeden Fall. Vielleicht hatte ich sie ja so sehr genervt, dass ihr keine andere Möglichkeit einfiel, mich mundtot zu machen? Aber vielleicht erwartete ich auch zu viel. Also habe ich einfach nur mit „Okay“ geantwortet. Mir lag auf der Zunge ihr zu sagen, dass ich verstanden habe, dass ich sie nicht mit Themen jenseits der Muskeln in Jason Momoas Körper belästigen soll, aber ich biss mir auf die Zunge. Ich will ja unsere neue alte Freundschaft nicht gleich schon wieder zerstören.

Als ich nicht reagierte, holte Andrea aus zu einem längeren Monolog darüber, dass sie eigentlich überhaupt nicht in den sozialen Medien aktiv sei, dass sie das ganze Body Positivity-Dingens nicht möge und dass sie Models, die sich als „curvy“ bezeichnen, hässlich findet. All das hatte nichts mit dem zu tun, was ich ihr geschickt hatte. Das Foto hatte ich ihr aus den sozialen Medien kopiert, damit sie nicht selbst suchen musste. Dicke Models finde ich genauso unästhetisch wie sie. Und um Body Positivity ging es auch überhaupt nicht. Kurz: Sie hat sich überhaupt keine Gedanken über das gemacht, was ich ihr geschickt hatte. Oder vielleicht hatte sie es auch nicht verstanden. Es ging um mich und mein Selbstwertgefühl, und damit auch natürlich irgendwie um ihres als Frau.

Ich konnte es mir nicht verkneifen und antwortete auf ihre 4 langen Nachrichten mit „Ist okay, ich habe es verstanden.“ Eigentlich müsste ich mir dafür auf die Schultern klopfen, denn auf der Zunge lag mir etwas ganz anderes. Stattdessen jedoch habe ich jetzt die Angst, sie genervt zu haben und ihr wieder „zu kompliziert“ zu werden. Boah, das tut mir so weh. Ich hätte die Frau nicht mehr in mein Leben lassen dürfen!

Überhaupt darf ich niemanden in mein Leben lassen, an dem mir was liegt. Alle haben sie die Kraft, mich zu kränken und letztendlich zu zerstören.

Wer das jetzt liest wird wahrscheinlich denken, dass ich kleinkariert bin, diesen kurzen Faux Pas von Andrea zur Freundschaftskrise zu machen. Aber das war ja heute nicht das einzige. Ich hatte ihr mehrere Dinge geschickt, die ich gut finde, und zu jedem einzelnen kamen absolut oberflächliche, deutlich desinteressierte Kommentare. „Nein, weiß ich nicht.“, „Hm, interessant.“ „Ne, will ich nicht.“ Gut, man kann nicht immer gut drauf sein und detailliert auf den anderen eingehen, aber man kann doch wenigstens so tun als ob? Und überhaupt: WhatsApp und Co. sind unter anderem so schön, weil man dann reagieren kann, wenn man will. Wenn ich gerade keine Zeit habe und es nicht dringend ist, antworte ich eben nicht. Meine Güte, käme ich jemals auf die Idee irgendwas, was Andrea mir anvertraut mit „Lass mal, das interessiert mich nicht!“ zu kommentieren? Ich verstehe es nicht. Das würde ich höchstens mit Menschen machen, die ich aus meinem Leben katapultieren möchte. Ich habe echt den Eindruck, sie richtig heftig genervt zu haben, um so eine Reaktion zu provozieren.

Und da sind wir wieder bei unserem ursprünglichen Streitthema. Ich habe mir also erneut vorgenommen, dieses Thema, also wie man hübsch posiert, (auch nicht mehr) mit Andrea anzusprechen. Aber es werden einfach zu viele Themen. Was interessiert sie eigentlich? Die Oberweite von Jason Momoa und das Zahnfleischbluten von Prinzessin Angelina XYZ von Spirenzien? Nein, im Ernst. Klar. Ich kann mit ihr über den Krebs meiner Schwester, die nervigen Kunden oder meinen senilen Kater reden. Da hat sie Mitgefühl und reagiert „normal“. Aber sobald es um das Nachdenken über sich selbst geht, macht sie mit einem bösen Kommentar dicht. Gestern noch habe ich gedacht, wie schön es ist, dass Andrea doch endlich wieder Teil meines Lebens ist. Ich habe mich so gefühlt, als wäre ich wieder zu Hause!

Das ist der Knackpunkt. Sie gibt/gab mir das Gefühl, dass ich endlich zu Hause bin.

Ist das zu viel psychologisiert zu denken, dass ich mir immer ein „zu Hause“ suche, in dem ich mit Füßen getreten werde? Weil ich es so von meiner Mutter gelernt habe und jede andere Art von „Liebe“ nicht annehmen kann?

Naja, und jetzt sitze ich hier und heule. Es tut mir einfach weh, so von ihr zurückgestoßen zu werden. Ich frage mich, ob sie das merkt, ob sie das absichtlich macht oder ob sie sich überhaupt nicht bewusst ist, wie unhöflich ihr Verhalten ist. Nie im Leben würde ich zu irgendetwas, was sie offenbar bewegt, sagen: „Ne lass mal, das interessiert mich nicht!“. Und das hat sie nun sicherlich wort-wörtlich schon vier oder fünf Mal in meinem Leben gemacht. Gibt ihr das eine innere Befriedigung, mich so mit Füßen zu treten?

Okay. Genau an dieser Stelle war ich vor 2 Jahren schon mal. Und 10 Jahre vorher. Damals habe ich gedacht, ich müsste mit ihr darüber reden, um zu klären, warum sie sich so verhält. Was ich besser machen kann. Beide Male hat mein Wunsch nach einem Gespräch zum Kontaktabbruch geführt. Das brauche ich also gar nicht mehr versuchen.

Ich habe mir jetzt vorgenommen, nicht mehr so viel mit Andrea zu kommunizieren. Das hatte in den letzten Tagen wirklich Überhand angenommen, es war wie früher. Aber wenn ich bei allem, was ich sage, Angst haben muss, zurückgewiesen zu werden, dann ist mir das zu gefährlich.

Ihr WhatsApp habe ich also wieder leise gestellt. Ich sehe ihre Nachrichten, wenn ich das Programm aufrufe, das reicht. Ich muss sie nicht ständig vor Augen haben. Wie ich sie kenne, wird sie morgen so tun, als wäre nichts gewesen. So war es zumindest bei den letzten Malen.

Ich hatte ehrlich gesagt ein wenig gehofft, dass sie aus dem Ende ihrer Ehe etwas gelernt hat. Ich hatte gehofft, dass sie mir jetzt ähnlicher sei, weil wir ja beide männerlos sind. Und ich hatte auch gehofft, dass sie merkt, dass es nicht immer die beste Lösung ist, Dinge zu ignorieren. Dafür bewundere ich sie, manchmal ist das eine wirklich sinnvolle Kunst. Manchmal möchte ich das auch können. Aber nicht immer.

Es ist immer dasselbe. In regelmäßigen Abständen komme ich in meinem Leben an einen Punkt, an dem ich mir vornehme, mich nicht mehr auf die Freundschaft anderer zu verlassen. Vor 2 Jahren, als das mit Karin und Andrea nach Scotty so geballt kam, habe ich mich ja völlig isoliert, was mir dann im Herbst mit meiner ambulanten OP, für die ich keinen Abholer hatte, in einer echten Depression um die Ohren geflogen ist. Seither habe ich mich langsam wieder aufgebaut.

Und seither sind neue und alte Menschen wieder in mein Leben gekommen. Und wieder passiert dasselbe: Wen ich jemanden liebe, kann er mich verletzen. Also sollte ich wohl besser keinen mehr lieben.