Ohne Panik

Hilflos gerührt

In Tagebuch, Ted on 18. Juni 2017 at 16:20

Natürlich haben Ted und ich weitergestritten und es kam dann vorgestern so weit, dass ich ihn bat, mir meine Schlüssel zurückzugeben und seinen Kram aus meiner Wohnung mitzunehmen.

Die Diskussion war bizarr geworden. Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich so „krank“ ist, dass er es nicht mehr merkt oder ob er mich verarscht oder einfach nicht versteht. Er regte sich furchtbar darüber auf (!), dass ich mich so über seine widerlichen Wiederholungsfragen aufrege, und in seiner Aufregung stellte er immer wieder dieselben Fragen. Ich saß mit offenem Mund vor ihm. Meinte er diese Fragen jetzt in dieser Situation wirklich ernst? Kommunikation war nicht mehr möglich. Ich musste seine doofen Fragen mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten, und als ich das tat, damit er endlich Ruhe gab, war er so angepisst, dass er keinen Bock mehr hatte, weiter zu reden.

Letztendlich stand er dann hilflos vor mir und fragte, ob ich die Schlüssel wirklich behalten wollte, mehrfach natürlich, denn einmal fragen reicht ja nicht, und so gab ich klein bei und er nahm die Schlüssel zurück. Schließlich war am nächsten Tag ja auch sein Geburtstag. Und meine Mutter mag ihn so gerne.

Jaja, ich weiß, bescheuerte Gründe.

Gestern dann haben wir ein wenig gefeiert. Ich habe ihm ein paar lustige Dinge gekauft, und er meinte, es wäre der beste Geburtstag seines Lebens gewesen. Typisch Ted. Er freut sich wirklich über diese kleinsten Dinge. Ich hatte viel Arbeit, also verbrachte ich nicht so viel Zeit mit ihm, und er hatte Verständnis dafür, auch wenn ich sah, dass er morgens schlucken musste als ihm das sagte, ich befürchte, er hatte den Morgen mit mir verbringen wollen. Ich ging dann abends zum Sonnenuntergang zu ihm zum Pier (obwohl ich Samstagabends eigentlich nicht mehr dort abhängen möchte) und las in 3 Stunden das Steven King Buch aus, dass ich mir ein paar Stunden zuvor in der Leihbücherei geholt hatte: Gwendy’s Button Box, hat mir sehr gut gefallen! Als er dann endlich gegen 23 Uhr schluss machen konnte, hatte ich das Buch ausgelesen (!) und war todmüde. Und Ted natürlich auch.

Und das war dann das Extrembeispiel eines Abends mit Ted, wie ich ihn kaum ertragen kann: Er ist todmüde, schlecht gelaunt, weil er meint, sein Chef hätte extra so lange gebraucht, mit ihm die Abrechnung zu machen, weil ich auf ihn wartete (jede Woche dasselbe Spiel!) und ich habe dann, wenn er endlich frei hat, so viel am Pier rumgesessen, dass ich keinen Bock mehr habe, mit ihm noch auf einer Bank am Pier oder auch nur auf meiner Couch „abzuhängen“.  Ich bin dann durch. Nach 3 Stunden Warterei – mit oder ohne Buch – will ich entweder ins Bett oder etwas Aktives tun. Ich will nicht auf der Couch sitzen und schon wieder über unsere Beziehung reden.

„What’s up?“, fragte Ted dann gestern mehrfach auf meiner Couch. Er beschwert sich darüber, dass ich so schnell aus der Haut fahren, und so biss ich mir auf die Zunge. „Nichts, ich bin müde“, erklärte ich ihm 2 oder 3 Mal. Und als ich ihn endlich so weit hatte, mit mir ins Auto zu steigen, damit ich ihn nach Hause fahren konnte (darauf hatten wir uns mittags dummer Weise geeinigt, ich war aufgrund des Neuversuchs und seines Geburtstags milde gestimmt), fragte er weitere 2 Mal, was denn los sei. Ja nix. Was wohl? Ich war müde, ich verstand nicht mehr, warum ich ihn überhaupt nach Hause fahren sollte, und ich genoss den völlig ausgelaugten Ted neben mir, der auf dem Beifahrersitz immer wieder einschlief, auch nicht wirklich. Ich wollte nur noch ins Bett. „Was ist los?“, zum Abschied. Ich hätte ihn schlagen können, aber ich biss mir auf die Zunge.

Ich erklärte ihm, dass ich – wie jeden Sonntag seit April – heute ausschlafen wollte. In der Woche wecken mich meine Kunden um 3 Uhr morgens. Samstags gehen Ted und ich oft erst nach Mitternacht ins Bett. Wenn ich dann sonntags um 5 Uhr aufstehe, habe ich meist weniger als 4 Stunden geschlafen. Also habe ich es mir zur Regel gemacht, sonntags auf den Sonnenaufgang zu verzichten. Einmal in der Woche mehr als 3 Stunden Schlaf am Stück zu bekommen sollte erlaubt sein. Ted war enttäuscht, obwohl er die Sonntagsroutine nach 10 Wochen jetzt eigentlich kennen sollte. Aber ich war guter Dinge, fuhr nach Hause, und bis ich bettfertig war, war es tatsächlich 1 Uhr morgens.

Um halb 6 Uhr hörte ich den Schlüssel in meinem Schloss. Ted. Innerlich tobte es in mir. Ich hatte ihm doch unmissverständlich gesagt, dass ich ausschlafen wollte. Respekt vor meinem Schlaf oder meinen Wünschen hat er nicht – obwohl er doch immer sagt, er würde mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Er kuschelte sich im Bett an mich und ich ließ es mir gefallen. Verwirrt, denn ich fragte mich, was er nicht verstanden hatte? Ich hatte ihm am Abend vorher deutlich mehrfach gesagt, dass ich ausschlafen wollte und dass ich mir wünschte, mal mehr als nur wenige Stunden am Stück zu schlafen. Aber ok. Nach 10 Minuten verzog er sich. „Du wolltest ja ausschlafen“, sagte er.

Und ich schlief Gott sei Dank wieder ein. 2 Stunden später hörte ich draußen einen Autoalarm, dann ging der Schlüssel in meinem Schloss. Ted, schon wieder. Es war gerade mal 8 Uhr. Hatte ich nicht gesagt, dass ich ausschlafen wollte? Hatte ich nicht gesagt, dass ich mehr als nur ein paar Stunden am Stück schlafen wollte? Ich musste mir schon wieder auf die Zunge beißen.

Ted rumorte in der Küche herum um kam dann mit einem Blumenstrauß ins Schlafzimmer. „Us“ – wir, sagte er. Er hatte Blumen in „unserer“ lila Farbe besorgt und die blau-orangenen Bänder darum gebunden, die wir auch als „unsere Bänder“ verstehen. Er stand da wie ein kleiner Junge, hilflos, um Zuneigung bittend. Und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. „Danke“, sagte ich, lächelnd, und streckte die Hand nach ihm aus.

Und während ich das jetzt tippe kommen mir die Tränen. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Er ist so bemüht. Aber er ist so hilflos in seiner Bemühung, er macht alles falsch. Hätte er mir die Blumen nicht später geben können? Hätte er mich nicht wirklich mal ausschlafen lassen können?

Ted legte die Blumen auf meinem Nachttisch ab, als ich nicht so reagierte, wie er es wollte. Ich weiß nicht, was er erwartet hatte. Dass ich aufstehe? Und dann ging er wieder. Er hinterließ noch meinen Lieblingskuchen (Key Lime Pie) auf dem Couchtisch.

Und jetzt sitze ich hier und denke, ich habe ihn völlig falsch behandelt. Er ist soooo bemüht. Er ist so hilflos. Ich bin so traurig, dass ich das nicht richtig wertschätzen kann.

Was soll ich denn verdammt noch mal nur tun???

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  1. Naja, er ist halt in den völlig falschen Dingen bemüht, er versteht dich und deine Bedürfnisse nicht. Das kann auch ein Blumenstrauss nicht wett machen.
    Sieh es mal so: ein Mann, der betrunken immer seine Frau schlägt und am nächsten Tag Blumen bringt, über den kann man auch sagen, er ist bemüht und die Frau ist dann gerührt. Das macht das Trinken und Schlagen jedoch weder ungeschehen noch besser.
    Und so ist es auch bei Ted, seine jämmerlichen Versuche machen eure Beziehung und dein Leben mit ihm kein bisschen besser. Er kann sich kein bisschen in dich hineinversetzen.

    Du spürst es ja selbst, langfristig habt ihr keine Zukunft und kommt einer Trennung immer näher. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber ich verstehe auch, dass das nicht so einfach ist.

    • Danke. Ja, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Ich bin feige. Aber es wäre unfair mich erst dann zu trennen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Das wäre aber einfacher.

      • Ich glaube eine Trennung ist sowieso scheisse, vor allem für den der abserviert wird. Wenn du es in den USA nicht schaffst dich zu trennen, dann würde ich es trotzdem in Deutschland machen. Denn die Trennung selbst wird für Ted sowieso schlimm, aber wenn du dich in Deutschland trennst, kann er dich wenigstens nicht stalken oder terrorisieren, zumindest nicht vor Ort. Denn das wäre ihm zuzutrauen, gerade mit seinen psychischen Problemen.

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