Ohne Panik

F41.1: Meine Angst

Ich habe eine „generalisierte Angststörung„. Sie hat sogar eine Nummer: F41.1 (nach ICD-10). Wikipedia sagt dazu, dass sich bei solchen Störungen die Angst verselbstständigt und Zweckmäßigkeit und Relation verliert. Das kann man wohl sagen:

Meine Angst kommt für mich aus dem heiteren Himmel. Ich weiß nicht, ob erst die körperlichen Gefühle da sind, die dann zu den bösen Gedanken führen oder ob erst die Gedanken da sind, die mich unruhig machen.

Aus heiterem Himmel plötzlich verspüre ich den Drang, Dich anzurufen. Aber ich weiß, dass das eventuell gegen „das Spiel“ ist. Ich darf Dir nicht hinterher laufen. Außerdem laufe ich Gefahr, Dich zu stören, oder vielleicht bist Du auch nicht da oder hast gerade keine Zeit. Der Gedanke daran, Dich zu sprechen, macht mir Herzklopfen. Auch weil die Gefahr besteht, dass mein Wunsch Dich zu sprechen gar nicht erfüllt wird. Denn wenn Du nicht da bist, oder wenn Du mir sagst, dass Du später anrufst, dann wird die Unruhe zur Angst. Wenn Du da bist und mein Wunsch erfüllt wird, dann wendet sich alles zum Guten und die Angst geht weg.

Also verdränge ich die Lust, Dich zu sprechen. Viel zu gefährlich. Gut so. Gefahr gebannt. Ha, aber nur kurz. Ein paar Minuten später taucht sie wieder auf. Und wieder verdränge ich sie. Wär doch gelacht, wenn ich es nicht schaffen würde. Ich denke an etwa anderes, dieses Mal wird es klappen mich abzulenken. Aber die Lust kommt immer wieder. Und mit der Lust steigt die Unruhe. Bis ich davon überzeugt bin, dass der Schmerz nur noch zu lösen ist, wenn ich Dich anrufe. Das Risiko, dass Du nicht da bist, mich nicht sprechen willst, gehe ich ein.

Aber Du bist nicht da, es geht nur Dein Anrufbeantworter ran.

Im ersten Moment bin ich beruhigt, nachdem ich versucht habe, Dich zu erreichen. Aber dann setzen die Gedanken ein. Warum bist Du nicht ans Telefon gegangen? Hattest Du keine Lust, gerade mit mir zu sprechen? Hattest Du einen Unfall und konntest gar nicht ans Telefon gehen? Bist Du bei einer anderen? Und während ich diese Gedanken habe, argumentiere ich auch dagegen. Er ist sicherlich in einer Besprechung, sag ich mir. Oder auf dem Klo. Oder hat das Handy irgendwo liegen lassen, wo er es nicht hört, das passiert auch mir. Das beruhigt mich ein wenig. Aber nur kurz.

Wie in Schüben kommen die bösen Gedanken wieder. Nein, er will mich einfach nicht sprechen, er drückt sich vor mir. Ach red kein Quatsch, sagt meine andere Seite, Du hast tagsüber angerufen, da muss er doch arbeiten. Red Dir mal nix ein. Und das beruhigt mich ein bisschen.

Mein Körper wird immer aufgeregter. Ich versuche mich abzuregen. Ich lese ein Buch, spiel Klavier oder rufe einen Bekannten an. Aber während ich etwas anderes tue, driften meine Gedanken immer wieder ab. Ach, es wäre doch so schön, wenn die Unruhe sofort weggehen könnte. Sie ist kaum noch auszuhalten.

Irgendwann kann ich nicht mehr. Ich halte inne mit dem Klavierspiel, Lesen, ich breche das Telefongespräch ab. Mir kommen Tränen. Mein Zustand macht mich traurig. Selbstmitleid? Mit den Tränen kommt ein wenig Erleichterung. Aber nur kurz. Meine Versuche, mich weiter abzulenken, scheitern. Ich zittere, atme ganz flach. Versuche, mich körperlich zu beruhigen, aber das gelingt mir immer weniger.

Das Elend kann ich nur beenden, indem ich Dich erreiche. Soll ich Dich noch mal anrufen? Wenn ich Dich erreiche, dann ist alles wieder gut. Wenn nicht, dann wird alles umso schlimmer. Kann ich das Risiko auf mich nehmen? Zusätzlich zu allem sieht es ja auch noch völlig bescheuert aus, wenn ich so oft versuche, Dich anzurufen. Aber der Schmerz ist zu groß, ich versuche es.

Und Du bist immer noch nicht zu sprechen. Die Angst trifft mich wie eine Faust von unten durch den Bauch in mein Herz. Ich zittere so sehr, ich kann gar nichts mehr tun. Das Blut rauscht laut in meinem Kopf. Ich muss mich beruhigen, ich muss mich beruhigen. Ich lege mich hin. Es dreht sich alles. Ich weine. Ich kriege keine Luft mehr. Jetzt bloß kein Anruf des falschen Menschen. Kein Kunde, bloß nicht. Ich überlebe nur, ich funktioniere nicht. Ich schwebe halb tot, halte die Luft an bis die Angst vorbei ist, aber sie geht nicht weg.

Die Zeit rauscht ohne jegliches Maß an mir vorbei. Irgendwann klingelt das Telefon und Du bist dran. Der schwere Brocken fällt von meiner Brust. Langsam kommt wieder mehr Luft in meine Lungen, aber ich bin noch ganz atemlos. Du fragst mich, was los ist, ob ich gerannt sei. Jaja, das ist der Grund.

Bisher ist es immer gut gegangen. Irgendwann hast Du angerufen. Was aber, wenn Du das eines Tages nicht mehr tust?

  1. Dann findet deine Angst durch was anderes linderung

  2. Wie Engelchen und Teufelchen in einer Brust. Ein Hin und Her.
    Ich rate dir jetzt mal nichts. Ist nicht opportun.

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