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Good news

Langsam geht es mir wieder besser.

Seit der Nachricht von meinem Vermieter, dass ich meine Wohnung nicht mehr untervermieten kann, was schlicht und einfach bedeutet, dass ich mir weitere Florida-Aufenthalte nicht mehr leisten kann, wurde ich regelrecht depressiv. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, ging ein unangenehm nervöses Prickeln durch meinen Körper und ich erinnerte mich wieder daran, dass mein Leben im Paradies zu Ende gehen würde. Dann folgten wieder schöne Sonnenauf- und untergänge, ich ging zum Sport und produzierte meine eigenen Endorphine, verbrachte wundervolle Zeit mit meinen Bekannten, Nachbarn und Eltern, aber jedes schöne Erlebnis endete unweigerlich mit dem Gedanken, dass es in Zukunft so nicht weitergehen würde.

Seitdem ich mit Louise über meine Mutter gesprochen habe, geht es etwas besser mit meiner Mutter. Wir werden weiter daran arbeiten herauszufinden, warum ich meine Mutter so abstoßend finde, aber im Moment kann ich gut damit leben, sie einfach als krank zu betrachten.

Gestern habe ich dann auch mal richtig ausgeschlafen – ich habe 11 Stunden geschlafen, und auch das hat meiner Laune geholfen. Heute waren wir dann an einem Pier, weil ich meinen Eltern versprochen hatte, dass wir dort Delfine und Seekühe sehen würden.

Als wir dann dort saßen, die kleinen Fische im Wasser beobachteten und absolut leckere Pommes Frites aßen, bekam ich eine E-Mail von einem Kunden – an einem Sonntag. Als ich meine E-Mails komplett abrief, war darunter auch eine von meinem Vermieter. Das Wunder war geschehen:

„Sehr geehrte Frau Kick, vielen Dank für die Info ; so ist das dann
ok. Mit freundlichen Grüßen“

Mehr stand da nicht. Ich hatte meinem Vermieter erklärt, dass ich aus beruflichen Gründen zeitweise im Ausland bin, dass ich die Wohnung nicht kommerziell untervermiete und dass ich sie nach wie vor bewohne. Das Ganze hatte ich offensichtlich so geschickt verpackt, dass er der weiteren Untervermietung zustimmt.

Und damit ist mir eine große Sorge von den Schultern genommen worden. Das heißt nicht, dass ich im Herbst 3 Monate hier sein werde. Das Problem mit meiner Mutter besteht ja weiterhin. Aber es heißt, dass ich jetzt selbst entscheide, wie es weitergehen wird.

Als wir am Pier dann auch noch, wie versprochen, Delfine und Seekühe sahen, war der Tag perfekt.

Himmelhochjauzend fühle ich mich nicht. Ich denke, ich brauche noch eine Weile, mich zu erholen. Und die Erkrankung meiner Mutter ist ja nun auch nichts Erfreuliches. Ich hoffe jedoch, dass ich morgen mal ohne das nervöse Kribbeln aufwachen werde, und dass ich meinen Aufenthalt jetzt so wie vor ein paar Wochen noch, mit Gänsehaut vor Glück, fortsetzen kann.

 

 

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Ted küsste meine Mom wiederholt auf den Mund – angeblich

Mittlerweile war ich beim Sport und habe mich wieder etwas beruhigt. Aber heute Morgen habe ich wirklich gedacht, ich möchte kotzen. Mir hilft es mir bewusst zu machen, dass im Gehirn meiner Mutter etwas falsch geschaltet wird. Es ist sicher eine Mischung aus vielen verschiedenen Dingen. Eine schwierigen Kindheit, wahrscheinlich mit einem sexuell übergriffigen Vater. Einer Mutter, für die Sex (wahrscheinlich) tabu war. Eine Vergewaltigung als Teenager. Und jetzt eine durch das Alter nachlassende Gehirnfunktion.

Meine Mutter hat mir heute – so nebenbei – offenbart, dass Ted sie damals im Oktober bei der Begrüßung immer auf den Mund geküsst hätte. Es hätte sie nicht gestört, aber sie hätte es seltsam gefunden und interpretierte es damit, dass Ted sich als zukünftiger Schwiegersohn bei ihr einschmeicheln wollte. Als sowohl mein Vater und ich etwas ungläubig schauten, erklärte sie, dass sie nicht gewusst habe, ob ein Kuss auf den Mund zur Begrüßung in den USA vielleicht üblich wäre. Häh?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ted sie nicht auf den Mund geküsst hat. Wahrscheinlich hat meine Mutter irgendwann mal darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn Ted es getan hätte, und in ihrem defekten Gehirn hat sich diese Geschichte als wahr eingegraben.

Aber wie geht man mit so etwas um? Dass Ted meine Mutter sexuell belästigt haben soll ist abscheulich. Wenn ich so tue, als würde ich meiner Mutter glauben, dann muss ich auch so reagieren. Aber meine Mutter tat ganz unschuldig, sie habe ich, wie gesagt, nicht viel dabei gedacht. Ich erklärte, dass das nicht nur ihr gegenüber, sondern auch meinem Vater – ihrem Mann – und mir gegenüber absolut respektlos sei. Hätte ich damals davon gewusst, so erklärte ich, wäre das ein Trennungsgrund gewesen.

Ich weiß aus Erfahrung, dass es überhaupt nichts bringt, derartige Dinge als „ach, du übertreibst“ abzutun. Dann wird meine Mutter richtig sauer und es kommt zum Streit. Das ist also keine Option. Also versuchte ich das Thema zu wechseln. Aber meine Mutter wollte nicht. Immer wieder betonte sie, dass sie es als nicht so schlimm empfunden hätte und ich nicht so viel darüber nachdenken solle, da ich ja eh von Ted getrennt sei.

Ich war ziemlich geschockt – nicht über das, was Ted getan hat, sondern darüber, wie schlimm krank meine Mutter ist. Deswegen guckte ich wohl etwas bedröppelt aus der Wäsche, selbst nachdem wir das Thema gewechselt hatten. Für meine Mutter ein Anlass, immer wieder auf Teds Küssen herumzureiten. Ich war froh, als ich die Wohnung mit der Ausrede verlassen konnte, zum Sport gehen zu müssen.

Ich glaube, da geht einiges ab bei meiner Mutter. Zum einen „sexualisiert“ sie alles. Ich habe das gestern mit meiner Therapeutin besprochen, und auch hier ja schon einige Beiträge dazu verfasst. Dann möchte sie natürlich auch ständig im Mittelpunkt stehen, und mit der Aussage, dass mein Freund sie wiederholt auf den Mund geküsst hat, ist ihr das natürlich gelungen. Das arme unschuldige Opfer. Auf dem Weg zum Fitnessstudio kam mir der Gedanke, dass meine Mutter vielleicht auch neidisch auf mich ist. Mit Sicherheit sogar. Ich war immer das Kind, das nach der Familie meines Vaters kam, und so bekam ich von dieser Familienseite sehr viel Anerkennung, während meiner Mutter von genau denselben Leuten mit Verachtung gestraft wurde, da sie nur die „Volksschule“ besucht hatte. Aber vielleicht neidet mir meine Mutter auch meine – in ihren Augen – Jugend. Verbal hat sie das schon mehrfach gesagt. Vielleicht möchte sie deshalb, dass mein Freund sie küsst – dann kann sie sich mir ebenbürtig fühlen. Das allerdings wäre pervers.

Mir tut mein Vater so furchtbar Leid. Wie muss es denn für ihn sein zuzuhören, wie seine Frau derartige Geschichten erzählt? Und das ist ja jetzt nur eine Geschichte, da kommen in meiner Abwesenheit sicherlich noch viel mehr. Gestern erzählte sie von einem Yoga-Dozenten, der mit Sicherheit mit allen Frauen geschlafen habe. Wen interessiert das? Das kam nach der erneuten Frage, ob ich eine Affäre mit meinem Coach Kyle habe. Ich hätte schreien können. Genau dasselbe hatte Ted mich ja immer und immer wieder gefragt, und meine Mutter sollte das eigentlich wissen. Gestern allerdings konnte ich diesen nervigen Zwischenfall einfach so wegdrücken. Heute brauchte ein ein paar Stunden mit Sport, gutem Essen und netter Gesellschaft.

Vorgestern wurden meine Eltern angeblich im Publix (der einzige Supermarkt auf der Insel) von einem Mann im Rollstuhl verfolgt. Meine Mutter nimmt an, dass der Mann sie beobachtet habe, da er glaubte, sie wollten etwa stehlen, da sie durch jeden Gang im Laden gegangen seien und sich alles angesehen haben. So etwas „erlebt“ meine Mutter praktisch täglich. An der Kasse dann habe ihr der ältere Herr ihre Einkaufstasche genommen, um die Waren hinein zu packen (so läuft das ja hier in den USA), und bevor er das tat, hat er alles ausgeräumt und sich besonders ihr Ersatzunterhöschen interessiert angeschaut. Mein Vater war nicht dabei, konnte das also nicht bestätigen, tat es jedoch. Wahrscheinlich, so meine Mutter, habe der Mann im Rollstuhl sie an der Kasse „verpfiffen“, sodass man sich die Tasche besonders intensiv angeschaut habe. Dass es dabei auch um Damenunterwäsche ging, wurde nur im Nebensatz erwähnt, aber das Wichtige ist ja, dass es zur Sprache kam.
Ich kenne die Angestellten in Publix alle, und gerade der ältere Herr an der Kasse ist super nett. Ich habe noch nie einen Ladendetektiv dort gesehen, und da es auf der Insel hier vor Touristen nur so wimmelt ist es auch normal, dass sich die Kunden die Regale lange anschauen. Ich glaube nicht, dass das, was meine Mutter da schildert, tatsächlich passiert ist, das passt nicht zur Mentalität hier. Aber genau weiß ich das natürlich nicht. Aber dass es nicht stimmt passt zu ihrer Aussage über den bärtigen Kerl im Klamottenladen letztens, der sie angeblich auch verfolgt haben sollte.

Das Schlimme ist, dass es eine Entwicklung ist, die immer schlimmer wird. Erst jetzt ist es so auffällig, dass man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass sich meine Mutter diese Dinge ausdenkt. Aber derartige Geschichten gab es schon vor vielen Jahren. Das angebliche Schamhaar, das im Bett meiner Eltern gefunden wurde, das, so meine Mutter, von der Nachbarstochter aus Wut absichtlich unter dem Spannbettbezug verstreut worden war. All die Urin- und Spermaflecken an den Hosenschlitzen ihrer diverser Ärzte, zu denen sie natürlich nicht mehr geht. Die ganze Paranoia über Ärzte, aber auch Frisöre, die sich gegen sie verbünden um sie zu erniedrigen.

All das ist wahrscheinlich – leider – nur der Anfang :-(.

Ein mieser Tag für das Inselmädchen

Es war ein mieser Tag. Nicht nur wettermäßig, den wir hatten deutschen Einheitsgrau, jetzt schon den dritten Tag in Folge.

Es fing damit an, dass ich heute Morgen eine E-Mail von meinem Vermieter in Deutschland bekam. Ich hatte vor 6 Wochen ein paar Fragen zu meiner Nebenkostenabrechnung gestellt, die er jetzt erst beantwortet hat. Im letzten Satz erklärte er dann, dass er nach Durchsicht der Akten festgestellt hätte, dass ich die Wohnung seit 2014 kontinuierlich untervermiete, dass er deshalb davon ausgehen würde, dass ich nicht mehr in der Wohnung lebe und er mir deshalb die weitere Untervermietung untersagt. Das kann er machen, es war eine reine Gefälligkeit, dass er mir die Untervermietung erlaubt hat, aber dennoch ist es ein Schock, denn das heißt, dass ich meinen aktuellen Lebensrhythmus mit 3 Monaten Florida und 3 Monaten Deutschland im Wechsel aufgeben werden muss. Ich kann es mir nicht leisten, Miete für zwei Wohnungen gleichzeitig zu bezahlen.

Mit der Nachricht ging ich dann heute Morgen zu meinen Eltern, und die erste Reaktion meiner Mutter war: „Da ist jemand auf deine Florida-Aufenthalte neidisch.“ Eigentlich eine nicht wirklich undenkbare Erklärung, aber da ich es mit einer Wohnungsbaugesellschaft zu tun habe denke ich eher, dass es um das aktuelle Thema Airbnb und kommerzielle Untervermietungen der Wohnungen in Großstädten geht, die ja zum Beispiel in Mallorca gar nicht mehr erlaubt ist.

Ich war heute morgen meiner Mutter gegenüber recht zickig, hab ihre Bemerkung arrogant abgetan. Es hilft niemanden, über derart persönliche Gründe zu spekulieren. Aber es ist auch typisch Mutti. Alles wird sofort persönlich genommen, und das widert mich einfach an. Sie scheint nicht in der Lage zu sein, das größere Ganze zu sehen, wenn ein Mensch sie nicht so behandelt, wie sie es sich wünscht, denkt sie sich dazu eine Geschichte aus und das ist dann für sie wahr. Am tragischsten ist die Sache mit meiner Schwester. Jeglicher Streit wird damit begründet, dass sie Alkoholikerin ist – ich habe heute mit meinem Vater darüber gesprochen, und selbst er meint, das sei an den Haaren herbeigezogen.

Meine Mutter wollte eine Erklärung dafür, warum ich ihr gegenüber so zickig bin. Warum wir nicht miteinander klarkämen. Beim letzten Mal hätte es doch so gut geklappt. Jetzt wäre es furchtbar, und sie würde überlegen, den Urlaub abzubrechen.

Ich stand auf und wollte gehen. Ich weiß aus Erfahrung, dass meine Mutter jegliche Kritik abschmettert. „Da möchte ich jetzt nicht drüber reden“ ist ihr Lieblingsspruch. „Herbert, sag doch auch mal was“, kenn ich noch aus meiner Kindheit. Aber dann überlegte ich es mir anders. Meine Mutter wollte reden, das ist selten. Das wäre die Chance, vielleicht ein und für alle Mal zu klären, was zwischen uns schief läuft.

Aber natürlich ging das nicht. Das, was mir wirklich am Herzen lag, konnte ich nicht sagen – dass ich mich für sie schäme. Dass ich denke, dass sie mich nicht lieben kann. Dass sie krank ist. Ich musste drum herum reden. Aber selbst das funktionierte nicht. Sobald Kritik kam, bat sie meinen Vater um Hilfe. Einmal erklärte sie sogar, aus dem Raum gehen zu wollen, damit ich die Sache mit meinem Vater klären kann. „Ich muss nichts mit Papa klären“, sagte ich. „Ich will das mit dir klären.“ So blieb sie sitzen, bat meinen Vater aber bei jedem zweiten Satz um Hilfe. Das ist nicht fair, weder für mich noch für meinen armen Papa.

Letztendlich gelang es uns, das Gespräch einigermaßen freundlich zu beenden. Meine Mutter betonte immer wieder, dass sie mich liebe, ich erklärte immer wieder, dass ich mich nicht als die angenommen fühle, die ich wirklich bin.

Ich ging dann zum Sport, und dort hob sich meine Laune auch wieder. Ich konnte mir plötzlich vorstellen, vielleicht nur einen Monat im Herbst hier zu verbringen. Das hat auch Vorteile, ich muss keinen Untermieter suchen, kann mich meinen medizinischen Problemen widmen, kann vielleicht auch meine Wohnung mal renovieren etc…  Ich traf dann meine Eltern im Anschluss sogar noch am Strand und alles schien wieder ok zu sein.

Aber dann chattete ich wieder den ganzen verregneten Nachmittag mit Mike. Das war schön, keine Frage. Morgen kommt er vorbei. Bringt „rasierte Handschellen“ mit (nicht fragen, ergab sich aus unserem flirtigen Gespräch). Zum Abschluss frage er mich, ob es noch mehr Fotos von der Art, die ich ihm gestern gezeigt hatte, gibt. Ich antwortete ausweichend, dass es viele mit hohen Hacken gäbe, auf denen ich heute aber nicht mehr laufen könnte. Daraufhin meinte er: „That’s because now you are an island girl.“

Und das ist so. Ich zähle hier zu den Einheimischen. Ich bin ein Inselmädchen. Ich gehe die ganze Zeit, wenn ich hier bin, entweder barfuß oder in Flip-Flops. Ich finde es immer sehr schwierig, in Deutschland wieder feste Schuhe zu tragen. Und schon stand ich da mit Tränen. Meine Laune, die sich langsam gebesserte hatte, war wieder im tiefen Keller. In Zukunft würde ich kein Inselmädchen mehr sein. Das treibt mir schon jetzt wieder die Tränen in die Augen.

Ich ging zum Strand, um mir den Sonnenuntergang anzuschauen, und rief unterwegs meinen Vater an um zu fragen, ob meine Eltern auch kommen wollten. Aber mein Vater war extrem kurz angebunden. Offensichtlich stritt er sich schon wieder mit meiner Mutter.

Und da stand ich da allein am Strand und schaute in den wolkenverhangenen Sonnenuntergang. Und heulte. All das Elend der Welt überkam mich. Die Trennung von Ted. Die Tatsache, dass ich mit meinen Eltern nicht klarkomme. Dass meine Mom krank ist. Dass ich nicht mehr zurückkommen kann auf die Insel. Dass mein Coach mich offensichtlich nicht mag. Alles schien mir so schwer zu sein.

Und dann kam mein Vater doch. Ich hatte nicht mehr mit ihm gerechnet. Er erzählte mir, dass meiner Mutter der Streit von heute Morgen noch in den Knochen säße – damit hatte ich nicht gerechnet, denn nach dem Sport am Strand war sie ja ganz lieb gewesen.

Und da klagte mir mein Vater sein Leid. Dass er sich große Sorgen um meine Mutter machen würde. Dass es mit dem Gedächtnis meiner Mutter rapide abwärts ginge, es sei in den letzten Monaten schnell sehr viel schlechter geworden. Sie könne sich nach über einer Woche immer noch nicht merken, wo ich wohne, nicht mal die Hausnummer. Dass sie ständig vergisst, wo sie ist, was wir gestern gemacht haben oder morgen machen werden. Dass sie meinen Vater ständig beschuldigen würde, daran Schuld zu sein. Dass sie sich ständig streiten würden, alles, was er macht, ist falsch.

Mir tut mein Vater so Leid. Die Frau, die er liebt, offensichtlich immer noch, verblüht vor seinen Augen, nicht nur körperlich. Und er gibt sich so viel Mühe und kriegt doch nur verbal Prügel. Ich mache es mit meinem Verhalten nicht einfacher für ihn. Die beiden streiten sich schon genug, jetzt sorge ich für zusätzliche Unruhe. Wenn ich das sehe, kriege ich eine Mordsangst davor, alt zu werden. In unserer Familie gibt es keinen Krebs. Aber das, was da mit meiner Mutter passiert ist wirklich ekelhaft. Und auch meine Mutter tut mir Leid. Sie wird ja merken, dass etwas mit ihr nicht stimmt.

Heute ist ein echt mieser Tag.

Chattiger Flirt mit Mike

Ich habe den ganzen Nachmittag mit Mike gechattet. Es hat geregnet, er hatte deshalb nichts zu tun, ich war auch mehr oder weniger zu Hause eingesperrt, und so war das sehr unterhaltsam. Er nennt mich seine persönliche Therapeutin, und tatsächlich gelingt es mir immer wieder ihm Fragen zu stellen, die ihn zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig aber macht er ja dasselbe mit mir. Es ist eine sehr fruchtvolle Bekanntschaft.

Unsere Chats und auch unsere persönlichen Gespräche (Ende April saß er 3 Stunden in meinem Wohnzimmer und erzählte mir detailliert von seinem Leben) sind immer mit Flirts durchsetzt.Es wechselt ab zwischen tiefsinnigen Gesprächen darüber, wer wir sind und wer wir sein wollen, aufregenden Geständnissen und oberflächlichem Geplänkel, meist über seine erotischen Vorlieben – immer hat es irgendwas mit Handschellen zu tun. Zwischendurch lässt er den fürsorglichen Polizisten raushängen und bietet mir seine Hilfe an. Es ist intensiv.

Wenn es um Erotik – und insbesondere Handschellen, das heißt BDSM – geht, fühle ich mich überlegen. Und so bemühe mich mich immer wieder, ihm mit einer kleinen Zwischenbemerkung den Kopf zu verdrehen. Letztens erwähnte er wieder seine heißgeliebten Handschellen (mir ist nicht klar, ob er sie erwähnt, weil er weiß, dass Frauen gerne mit dem Gedanken spielen, von einem Officer in Handschellen „genommen“ zu werden oder ob er wirklich etwas mit Handschellen machen möchte), und da erwiderte ich nur lapidar, dass ich eigentlich lieber Kabelbinder verwende. Der Gedanke hat sich tief bei ihm eingegraben, er kommt bei jedem Gespräch darauf zurück.

So auch heute. Und weil wir gerade dabei waren, schickte ich ihm das Foto oben. Es wurde vor sicherlich 15 Jahren aufgenommen, es ist gestellt. Direkt nach dem Senden bereute ich es. Warum mache ich sowas? Ganz eindeutig, um mich für ihn irgendwie interessant zu machen. Es ist eine Mischung aus dem Wunsch, solchen Menschen, die mir etwas bedeuten, zu zeigen, wer ich bin, aber es hat auch ganz definitiv damit zu tun, dass ich sie neugierig machen will. Ich möchte verführen. Es ist eine Form der Anmache. Sagt die Tochter, die gestern noch so über ihre Mutter hergezogen hat. Und das, obwohl ich mir doch schon mehrfach vorgenommen habe, Männern nicht mehr von meiner Vergangenheit zu erzählen.Es gibt noch einen dritten Punkt: Ich hoffe, Menschen dazu anzuregen, sich zu öffnen, wenn ich mich öffne.

In diesem Fall hat es funktioniert. Auf allen Ebenen. Ich habe Mike zwar nur im Facebook-Chat gehabt, aber ich konnte buchstäblich sehen, dass er den Mund nicht mehr zu bekam. Er erwähnte auch später, dass er das Bild nicht mehr aus dem Kopf bekam – weil es ihm so gefiel. Und Mike hat sich mir gegenüber auch geöffnet. Er hat mir ein paar delikate Details aus seinem Privatleben erzählt, die ihn aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigen. Der Knabe mag gerne Rollenspiele…

Das, was zwischen uns abgeht, ist eindeutig ein Flirt. Ich flirte mit ihm, aber er flirtet auch mit mir. Möglicherweise einfach, weil wir so drauf sind. Weil wir beide gerne flirten. Ich glaube, was die Kommunikation über die Sprache des Flirts anbelangt, sind wir uns ebenbürtig. Wir benutzen sie beide, um zu kommunizieren. Aber vielleicht auch, weil wir aneinander interessiert sind. Ich hatte das vor über einem Jahr schon mal. Auch da hatten Mike und ich so intensiv geredet und ich wusste im Anschluss nicht, ob ich in ihn verknallt bin oder nicht.

Nun. Heute weiß ich es. Wir flirten beide, und ich bin verknallt. Unsere Gespräche allerdings drehen sich normalerweise nicht um uns. Er erzählt mir immer wieder von seiner aktuellen Freundin, von der er sich nun schon seit langem trennen möchte, was ihm aber nicht gelingt, und er erzählt mir von dieser einen Frau (einer der Pier-Bitches), in die er verknallt ist, die aber eigentlich nichts für ihn ist, da sie Alkoholikerin ist, viel jünger und eh einen anderen Freund hat. Würde er sich von seiner Freundin trennen, wäre er frei für Sue, aber ob es funktionieren würde, das weiß er nicht, das zweifelt er an. Heute war eigentlich das erste Mal, dass wir nicht über sie redeten. Es war übrigens auch das erste Mal, dass wir nicht über Ted redeten.

Ich weiß nicht, ob Mike etwas von mir will. Und wenn ich ehrlich bin, weiß ich auch nicht, ob ich etwas von ihm will. Er ist ein enger Freund von Ted und (noch) gebunden, auch wenn er anscheinend nicht vorhat, fremdzugehen, sondern sich lieber vorher trennen möchte. Er ist auch der einzige Mann in meiner Umgebung in meinem Alter, möglicherweise bin ich einfach auch etwas unausgelastet ;-).

Aber es ist ein schönes Gefühl. Es hat mir gut getan, so intensiv und intim mit jemandem zu sprechen. Ich habe das Gefühl, dass er sich mir wirklich anvertraut, und ich habe das Gefühl, dass ich mich ihm anvertrauen kann. Er hat mir wundervolle Komplimente gemacht (und ich hab ihm auch einige gemacht) und mir das Gefühl gegeben, dass ich eine schöne Persönlichkeit habe. Dass ich nicht nur schön aussehe, sondern dass ich auch intelligent bin. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass er meine Meinung wirklich schätzt, denn ich kann das an seinen Handlungen sehen. Ich habe auch das Gefühl, dass es eine ausgewogene Kommunikation ist. Es geht nicht nur um mich, wie so häufig. Es geht genauso um ihn wie um mich.

Egal was passiert, es ist eine wundervolle Freundschaft.

 

 

Entspannungsversuche & Elternerziehung

Ich habe mir vor Wochen ja ein paar Joints von Jack geben lassen. 2 habe ich mittlerweile geraucht. Gestern habe ich den 3. angefangen. Normalweise reichen 2 oder 3 Züge, dann habe ich genug.

Ich „brauche“ keine Joints oder irgendwelche Drogen. Ich habe einfach nach Möglichkeiten gesucht, meine Freizeit entspannender zu machen. Nicht, dass ich nicht ohne entspannen könnte, aber ich wollte es halt ausprobieren. Es hat nicht funktioniert.

Zunächst mal stellt sich immer die Frage, wo man raucht. Zu Hause geht es nicht, im Haus ist rauchen nicht erlaubt. Vor der Haustüre ist es ein wenig auffällig. Also nehme ich mir den Joint und spaziere zu einer unauffälligen Zeit um den Block oder am Strand entlang. Aber das ist Aufwand, den ich für 2 bis 3 Züge eigentlich gar nicht betreiben möchte.

Gestern lief es wie die Male vorher auch: Der Joint machte mich entspannt. Toll… Nur leider so entspannt, dass danach gar nichts mehr ging. Ich legte mich hin und döste. Auch gut. Aber nicht meine Vorstellung von einem entspannten Nachmittag. Später musste ich mich dann eh doch noch aufraffen und den Mietwagen zum Flughafen fahren – das war eine 3-Stunden-Aktion. Ich bekam gestern also gar nichts geregelt. Ich konnte nicht lesen, keine Fotos machen, nicht fernsehen. Und das ist es wirklich nicht, was ich wollte. Ich wollte entspannter sein, mehr in der Lage, mich zu entspannen. Ich wollte mich aber nicht ausschalten. Und das habe ich getan. Ich werde Jack die verbleibenden 3 Joints wohl zurückgeben, es hat keinen Zweck.

Was ich – drogenmäßig – mag, ist Tramadol. Das versetzt mich in einen Zustand, in dem ich alles leicht nehme und Gott und die Welt lieb habe. Ich kann super entspannen damit und im Anschluss auch gut schlafen. Leider krieg ich Verstopfung davon. Außerdem ist mir bewusst, wie gefährlich das Zeugs ist. Das also nehme ich nur, wenn ich wirklich Schmerzen habe. Unterwegs mit meinen Eltern bin ich einen Morgen mit massiven Rückenschmerzen (wegen des zu weichen Bettes unterwegs) aufgewacht. Da habe ich eine Tramadol genommen. Dann ist es auch leichter, meine Eltern zu ertragen. Ich hab sie dann einfach lieb ;-).

Tja, und das andere Thema dieses Eintrags: Meine Eltern und ihre Nähe. Ich war gestern also auf der Suche nach einem Ort, an dem ich in Ruhe einen Joint rauchen konnte. Ich bin hier an der schmalsten Stelle der Insel, die Bucht mit Bootsanlegestelle und der Strand sind jeweils 60 Sekunden entfernt. Ich entschied mich für die Bucht. Komischer Weise waren viele Leute unterwegs, also verzog ich mich in einen kleinen „Irrgarten“ – Büsche, die zu einer kleinen Bank führten.

Auf dem Weg dorthin sah ich in der Ferne meine Mutter auf der Terrasse stehen. Ich tat so, als hätte ich sie nicht gesehen, und ich wusste auch nicht, ob sie mich sehen konnte. Ich war an dem Tag schon schätzungsweise 4 Mal dort gewesen, ich muss ja nicht ständig dort aufschlagen. Ich verzog mich also in den „Irrgarten“ und zog 3 Mal an meinem Joint. Alles gut. Als ich dann aber später am Nachmittag zu ihnen kam, erzählte mir meine Mutter, dass sie mich gesehen habe und meinen Vater geschickt hätte, mir nachzulaufen. Der sei aber dummer Weise in die falsche Richtung gelaufen. Gott sei Dank.

Heute Morgen, gerade vor 10 Minuten, standen sie zum 3. Mal in den letzten Tagen einfach so vor meiner Haustüre. Sie wussten, dass ich wach war, weil ich meiner Mutter ein Muttertagsgeschenk vor die Türe gelegt hatte. Ich hatte aber bewusst (wegen ihnen) alle Rollos unten gelassen. Und ich saß auf dem Klo. Tja, also machte ich schnell und öffnete dennoch die Türe. Sie kamen vom Strand und wollten wissen, ob ich mit ihnen frühstücken wollte – das mache ich nicht gerne, denn ich mag weder ihren Kaffee noch das, was es zu essen gibt. Außerdem muss ich die Zeit, die ich mit ihnen verbringe, sorgsam dosieren, es wird sonst schnell zu viel.

Sie zogen enttäuscht ab. Vielleicht sollte ich doch rüber gehen, schließlich ist Muttertag? Aber ich muss aufpassen, dass sie sich nicht zu sehr „bei mir einnisten“. Ich brauche meine Privatsphäre. Wenn sie einfach vor der Tür stehen, dann habe ich wieder das, was ich schon mit Ted hatte. Ich will nicht allzeit bereit sein. Ich bin das nicht gewöhnt. Ich möchte in meinem Haus sicher sein, dass ich dann aufs Klo gehen kann, wann ich will, ohne dass irgendwer Einlass verlangt.

Es ist eine Erziehungssache. Das habe ich bisher nicht beachtet. Ich muss ihnen deutlich machen, dass ich Spontanbesuche nicht wünsche (sie könnten ja vorher texten!). Und ich selbst darf auch keine Spontanbesuche mehr machen.

Ich freue mich auf einen entspannten Sonntag. Das Wetter ist schlecht (deutsche Komplettbewölkung), also habe ich auch keinen Drang, zum Strand zu gehen. Ich habe heute völlig frei 🙂

Histironische Persönlichkeitsstörung

Frollein W. hat mir ein Link geschickt, in der verschiedene Persönlichkeitsstörungen beschrieben sind. Natürlich ging es da um Ted und unsere Meinung, dass er eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat. Hier das Link: http://www.narzissmus-bindungsangst.de/7288-2/

Auf dieser Seite wird jedoch auch die histironische Persönlichkeitsstörung beschrieben. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich davon noch nie gehört habe. Aber als ich das las, kriegte ich den Mund nicht mehr zu: Das war eine Beschreibung meiner Mutter! Gut zu erkennen, aber gleichzeitig stellt sich mir die Frage: Was hat das mit mir zu tun? Was davon habe ich auch? Ich bin meiner Mutter grundsätzlich sehr ähnlich… Warum diese ganze Beschäftigung mit dem (früher käuflichen) Sex?

Hier ein paar Bullet Points und meine Meinung dazu:

• Sucht ständig Aufmerksamkeit

Meine Mutter muss immer, grundsätzlich immer im Mittelpunkt stehen. Das macht sie über Kleidung und Make-up und hauptsächlich Krankheiten. Bevor sie hierher kam, hatte sie massive Zahnprobleme. Seit Januar drehte sich jedes Gespräch mit meinen Eltern um ihre Zahnprobleme. Jetzt, wo meine Mutter hier ist, haben sie sich in Luft aufgelöst. Das Loch im Kiefer, das so dramatisch war, ist einfach sang und klanglos zugewachsen. Seitdem hat sie aber zahlreiche andere Probleme gehabt:
Am Tag nach ihrer Ankunft führte sie uns ausgiebig vor, wie schwankend sie lief. Sie hatte Gleichgewichtsstörungen (das hat sie immer wieder mal). Sie war völlig entsetzt, und mein Vater und ich mussten im Laufe des Vormittags immer wieder begutachten, wie sie lief (einmal hätte ja gereicht). Als ich dann sagte, dass das wahrscheinlich durch Übermüdung käme (meine Mutter hatte in 48 Stunden etwa 4 Stunden geschlafen) wurde ich ausgeschimpft und im Anschluss ignoriert. Ich würde sie nicht ernst nehmen. Das Problem verschwand von selbst im Laufe des Tages.
Mag ja sein, dass sie diese Gleichgewichtsstörungen hatte, aber warum muss sie sich damit so in den Mittelpunkt stellen?
Ihre diversen Lebensmittelunverträglichkeiten sind täglich Thema. Sie bekommt Blähungen, Verstopfungen und Durchfall. Dennoch isst sie all die Dinge, die genau das verursachen: Täglich stehen Blumenkohl, Krautsalat und diverse andere blähende Lebensmittel auf dem Speiseplan, und heute hat sie sogar Grünkohl gekauft. Alles dreht sich um ihre Verdauung. Wir können vor 11 Uhr nichts unternehmen, weil sie vorher ständig aufs Klo muss. Sind wir unterwegs, muss die gesamte Mannschaft anhalten und ihr ein Klo suchen und dann warten. Immer und immer wieder. Warum, zum Teufel, lässt sie dann nicht mal diese schwer verdaulichen Dinge weg??? Will sie diese Probleme? Heute hatten wir einen Tagesausflug in einen State Park geplant. Er ist ausgefallen, weil meine Mutter meinte, eine Blasenentzüdung zu bekommen. Mein Vater und ich sind also um halb 8 morgens losgedüst um ihr Blasentee zu besorgen. Heute Nachmittag war dann alles in Ordnung.

Um das Gleichgewicht zu wahren, betont meine Mutter ständig, wie krank mein Vater ist. Als er heute mit mir Rad fahren wollte, erzählte mir meine Mutter, dass mein Vater irgendwann mal beim Rad fahren hingefallen sei. Er solle also aufpassen und langsam fahren. Überhaupt leide mein Vater total unter der Hitze (kriege ich nichts von mit) und er werde dann sehr launisch (kriege ich auch nichts von mit). Im Januar kam er mit dem Notarzt ins Krankenhaus, Verdacht auf Schlaganfall. Meine Mutter meinte, mein Vater hätte die Krankheit nur fingiert, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ich habe auch diverse Krankheiten, die mich in den Mittelpunkt rücken. Ich schreibe diesen Blog – über mich. Ich erzähle gerne von meinen dramatischen Beziehungen. Was also ist mit mir?

• Übermäßig emotional, dramatisch oder sexuell provokativ um Aufmerksamkeit zu erhalten

Wenn ich mich an die Szene am Strand im Mini-Bikini erinnere, dann passt das 100 %. Und dazu passt auch ihre Meinung, dass ich Ted nie treu war – sie schließt von sich (oder der Person, die sie gerne wäre) auf mich.
Sie dramatisiert alles. Damals ihre Gleichgewichtsstörungen. Grundsätzlich ihre Lebensmittelunverträglichkeiten – wir hatten uns letzte Woche ja sogar gestritten, weil sie plötzlich das gegessen hatte, was wir mühselig versucht hatten, zu vermeiden.

Ich habe eine erotisch sehr fragwürdige Vergangenheit. Ich benutze Sex, um mir Aufmerksamkeit zu holen. Ich weiß mit meinen Reizen zu spielen. Ich mache das subtiler als meine Mutter, aber ich mache das auch.

• Spricht dramatisch mit festen Meinungen, aber wenig Fakten oder Details um sie zu belegen

Sie hat täglich dramatisch Geschichten zu erzählen.Vermeintlich dramatische Fakten über Nachbarn und Bekannte, die völlig aus der Luft gegriffen sind. Ein harmloses Beispiel vom Einkauf heute: Vor uns an der Kasse steht eine schwarze Familie. Natürlich sehen die Kinder süß aus. Der Mann trägt ein kleines Mädchen auf den Armen. „Das ist eine ganz religiöse Familie“, erklärt mir meine Mutter. „Die gehen sicher sehr achtsam miteinander um“. Ich musste regelrecht lachen. Möglich. Möglich wäre aber auch, dass der Mann die Frau schlägt und das kleine Mädchen vergewaltigt. Aus dem Verhalten an der Kasse konnte ich überhaupt nichts schließen. Meine Mutter urteilt viel zu schnell. Sie schaut jemanden an, bekommt eine Reaktion und denkt sich eine Geschichte dazu aus, die überhaupt nichts mit der Realität zu tun haben muss.
Ständig haben Männer angeblich sexuelle Hintergedanken, weil sie sie zu lange anschauen (ihhh, komm schon, das ist eine runzelige alte Frau!). Ich bin auf dem Weg zur Alkoholikerin, da ich gerne mal ein Bier trinke, sogar allein! Meine Schwester ist eh Alkoholikerin in ihren Augen und leidet unter diesem Vorurteil meiner Mutter.

Oder all diese Geschichten darüber, wie andere Menschen sie behandeln. Die vermeintlichen Urinflecken auf den Hosen praktisch all ihrer männlichen Ärzte. Gestern hat sie ein ehemaliger Arbeitskollege von Ted umarmt, der meinem Vater ein Fahrrad geliehen hat. Die Umarmung war zu innig. Der Kerl (so um die 60) wollte eindeutig meine Mutter „fühlen“ (sie ist 80). Ganz im Ernst? Nöööö. Ich habe ihn schon 100 Mal umarmt und hatte nicht das Gefühl, dass es irgendwie unsittlich wäre. Aber wer weiß, vielleicht steht er ja auf 80jährige…

Heute im Auto erklärte meine Mutter meinem Vater, dass ich meine Wäsche nicht bei ihnen wasche, da ich mich für meine Unterwäsche schäme. Ich musste lachen. So ein Blödsinn. Ich wasche sie lieber selbst, denn dann bestimme ich selbst wann was gewaschen wird. Außerdem bin ich dann unabhängiger.

Ich: Dieser Punkt trifft auf mich, so glaube ich, überhaupt nicht zu.

Lässt sich leicht von anderen beeinflussen

Unglaublich, wie leicht meine Mutter sich beeinflussen lässt. Wenn ich etwas schön finde, findet sie es auch schön. Habe ich eine Krankheit, hat sie sie automatisch auch. Ist es angesagt, weiße Schuhe zu tragen, trägt sie auch weiße Schuhe. Schaut jemand zu lange ihre weißen Schuhe an, vermutet sie, dass sie unmodisch sind und trägt sie nicht mehr. Sie schlussfolgert innerhalb von Millisekunden völlig an den Haaren herbeigezogene Dinge.

Ich hingegen glaube, nicht leicht zu beeinflussen zu sein. Aber wahrscheinlich glauben das alle.

• Flache, rapid wechselnde Emotionen

Ständig. Man weiß nie, woran man mit ihr ist. Sie muss behandelt werden wie ein rohes Ei.

Ich auch.

• Übertriebene Sorge um das Aussehen

150 % wahr. All die Schönheitsoperationen, das Make-up, die Kleidung. Sie traut sich nicht, vom Strand mit dem Bus nach Hause zu fahren, weil ihre Haare dann nicht richtig liegen. Arme Frau.

Und ich? Nun. Ich fühle mich wahrscheinlich schöner als sich meine Mutter fühlt. Ich muss all dies Kleinigkeiten nicht tun, denn das habe ich nicht nötig. Aber ich treibe fast schon exzessiv Sport, auch um gut auszusehen… Dennoch glaube ich nicht, dass dieser Punkt auch mich zutrifft.

Genug gelästert. Feierabend. Jetzt muss ich gucke, wie ich damit umgehe…

Aktionsplan im Hinblick auf den Narzissten

Das Treffen mit meiner Therapeutin heute war sehr aufschlussreich. Sie nannte Ted erneut einen Narzissten und basierte ihre Hilfsvorschläge darauf. Sie hatte das Ende 2016 schon mal gemacht, und damals hatte ich ihr Urteil niedergeschmettert. Heute stimme ich ihm zu. Es ist krass, wie sehr sich meine Meinung geändert hat.

In der Stunde ging es vor allem darum, wie ich „sein möchte“, wie ich mich fühlen will, und wie ich vermeiden kann, dass Ted mich weiter manipuliert. Denn wenn man sich meinen Beitrag von heute Morgen ansieht stellt man fest, dass Ted da einen Funken Zweifel in mir gesäht hat – und das ist dumm, das will ich nicht. Da ist keine Hoffnung mehr für uns. Ich hätte es gerne, aber Ted wird sich nicht ändern, zumindest nicht schnell genug.

Sie hat mir zum einen geraten, dass ich bei meinen Treffen mit meinen Freunden achtsamer sein soll. Ich ziehe viel Energie daraus, und wenn ich noch achtsamer bin, dann kann ich mir daraus ein kleines „Energiekissen“ aufbauen. Das werde ich tun.

Um Ted gegenüber  „sicher“ zu sein, hat sie vorgeschlagen, dass ich beim nächsten Mal gezielt auf ihn zugehe und ihn bitte, mich nicht mehr zu berühren – denn heute hat er das ja schon wieder gemacht. Sie bereitete mich darauf vor, wie Ted reagieren wird („Ann, du übertreibst, du bisst verrückt…“) und riet mir, es einfach an mir abprallen zu lassen. Das kann funktionieren, weil Louise mir ja seine Reaktion bereits „vorhergesagt“ hat. Wir haben das Gespräch vorhin der Praxis sogar geübt.

Im Moment überlege ich, morgen gezielt zum Sonnenaufgang am Pier zu gehen, um dieses Gespräch mit ihm zu führen.

Ich habe mir aber auch mehr Gedanken über das Thema Narzissmus gemacht. Es ist krass, dass ich Ted damals nicht narzisstisch gesehen habe, dass meine Meinung heute so anders ist

Hier meine Analyse von damals und heute.

In Kursiv die Beschreibung des Narzissten aus dem ICD-10:

1. Hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt etwa Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)

Damals: Hm. Trifft so halbwegs zu. Er hält sich für sehr wichtig, aber es ist nicht so, dass er Anerkennung ohne Leistung fordert. Es geht eher um Dinge, in denen er – meines Erachtens – wirklich gut ist, aber vielleicht etwas heftig Anerkennung fordert.

Heute: Er überbewertet seine Leistung. Er denkt auch, die Welt drehe sich um ihn. Alles, was andere tun, tun sie, um besser dazustehen als er – wo er doch eigentlich besser ist. Die Pierbitches waren nicht zickig zu mir, weil sie Teds Fremdgehen doof fanden, sondern weil sie eifersüchtig waren, dass er mich erwählt hatte, zum Beispiel.
Oder er erklärt mir die Welt und erwartet, dass ich seine Erklärung anerkenne, ohne dass er mir Belege für die Richtigkeit seiner Thesen vorlegen kann. Die Thesen soll ich als richtig erkennen, da sie von ihm kommen.

2. Ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe

Damals: Nein, das sehe ich nicht so. Ich weiß aber auch nicht so ganz, was das bedeutet.

Heute: Überschneidet sich ein wenig mit dem Punkt oben. Er stellt sich als enorm erfolgreichen Kerl da, ohne dass er irgendwelchen Erfolg vorzuweisen hat. Im Zweifel behauptet er, er könne den Erfolg (den Job, die Karriere als Musiker etc.) sofort haben, wenn er sich nur bemühen würde. Und, wie oben, er hält sich für Gottes Geschenk an die Frauen.

3. Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen

Damals: Ja, er glaubt, einzigartig in bestimmten Bereichen zu sein. Er hält aber überhaupt nichts von Hierarchien und ihm ist es egal, mit wem er verkehrt.

Heute: Auch das überschneidet sich wieder mit den Punkten oben. Was ich damals sagte, stimmt. Es ist ihm tatsächlich egal, mit wem er verkehrt, aber: Ratschläge, Anweisungen nimmt er nur von Menschen an, die deutlich über ihm positioniert sind.

4. Benötigt exzessive Bewunderung

Damals: Nö.

Heute: Ich denke schon, dass er seinen Job macht, sich mit bestimmten Menschen umgibt, die ihm genau diese Bewunderung entgegenbringen. Und tun sie es nicht, interpretiert er ihr Verhalten dennoch als Bewunderung (siehe Pier Bitches). Und er bekam diese Bewunderung ja auch, von all alternden Damen, die hier auf der Insel Urlaub machten.

5. Legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen

Damals: Nö.

Heute: Ich bin mir unsicher. Möglicherweise mir gegenüber.

6. Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen

Damals: Nö.

Heute: Er ließ sich von seinen zwei „besten Freunden“ ständig abends auf der Insel herumkutschieren, weil er selbst wegen Alkoholkonsum nicht fahren wollte. Laut eigener Aussage gab er sich nur mit ihnen ab, weil sie ihm nützlich waren. So zieht er (laut eigener Aussage) ständig irgendwelche Strippen, nutzt Kontakte, um Vorteile zu erlangen. Bis zu einem gewissen Grad ist das ja auch ok…

7. Zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen/anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren

Damals: Nö.

Heute: Nun, auf mich bezogen ist das auf jeden Fall so. Er hat nichts von dem verstanden, was ich ihm über meine Gefühle gesagt habe.

8. Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn

Damals: Nö

Heute: Ja. Siehe oben, Pier Bitches. Überhaupt tun seiner Meinung nach andere ständig Dinge, weil sie eifersüchtig auf ihn und seine großen Erfolge sind. Warum ich das damals nicht gesehen habe, ist mir schleierhaft.

9. Zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten

Damals: Ja. Das habe ich hier ja auch beschrieben, gerade bei Diskussionen über Trump. Da meint er, der einzige zu sein, der weiß, wie sich die Welt dreht.

Heute: Aber hallo!

Also. Während ich diese Aussagen verglichen habe, wurde mir klar, dass vieles Ansichtssache ist. Damals habe ich die Dinge wohl wirklich durch die rosarote Brille gesehen, heute ist es umgekehrt. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Ich denke aber, dass Ted tatsächlich mehr narzisstische Züge hat, als ich damals wahrhaben wollte.

Louise hat auch einen Blog geschrieben, in dem Sie auflistet, wie man unter Narzissten leidet:

  1. Hast du das Gefühl, dass du deinen Partner wie ein rohes Ei behandeln musst, um ihn nicht zu verärgern?
    In bestimmter Hinsicht ja. Bestimmte Aussagen oder Gedankengänge waren ja überhaupt nicht zulässig.
  2. Deine Meinungen und Gefühle zählen nicht?
    Offensichtlich, denn egal, wie häufig sie ich ihm erkläre, er versteht sie nicht. Er tut sie ab als „irgendwas ist immer“ oder „die Medien haben eine Gedankenwäsche bei dir durchgeführt“ und so weiter. Meine Meinung zu seinen „Freunden“, Delilah, seinem Alkoholkonsum übergeht er völlig. Mein Wissen zu Diabetes ist für ihn irrelevant, er weiß es besser (nämlich, dass ich kein Diabetes habe).
  3. Du hast das Gefühl, dein Partner traut dir nicht, und zwar ohne Grund?
    Oh ja!
  4. Du hast das Gefühl, dass dich dein Partner von Familie und Freunden isoliert?
    Oh ja. Egal, wen ich nett fand, egal ob es eine Person in Deutschland oder den USA war, Ted fand immer etwas an ihr auszusetzen. Fand er nichts, machte er Andeutungen (zum Beispiel zu Marsha und Jack sagte er, dass sie wohl Drogen nehmen und ich meine Finger von denen lassen sollte).
  5. Beziehungsprobleme zu diskutieren führt unweigerlich zu Streit oder ist gänzlich unmöglich?
    Jepp. Denn angeblich hab ja nur ich Probleme. Er hat da nichts mit zu tun.
  6. Es fühlt sich so an, als würde er dich festhalten, ohne Fluchtmöglichkeit?
    Ansatzweise. Ich bin ja geflohen.

Therapievorbereitung nach Begegnung mit Ted

Ich habe heute einen Termin mit meiner Therapeutin. Ursprünglich hatte ich ihn vor 2 Wochen vereinbart, weil mir eine Begegnung mit Ted meist für einen ganzen Tag die Stimmung versaut und ich auch die letzten 1,5 Jahre, in denen ich Louise nicht gesehen habe, das Gefühl hatte, dass da noch ein Therapieabschluss fehlt. Ich fühle mich schuldig, da Ted so „gebrochen“ aussieht, obwohl ich natürlich weiß, dass ich nicht schuldig bin. Später kam dann die Beziehung zu meiner Mutter hinzu: Warum widert sie mich so an? Es gibt also einiges zu besprechen.

Heute Morgen war ich, da ich heute ein Auto zur Verfügung habe (weil ich ja später zu Louise fahren muss), noch mal am Pier, um mir den Sonnenaufgang anzuschauen. Der Sonnenuntergang war gestern schon sehr schön, ich versprach mir einen wunderschönen Sonnenaufgang, zumal jetzt auch wieder die Fische und mit ihnen die Pelikane am Pier eingetroffen sind. Ich hoffe immer, nicht auf Ted zu stoßen, aber ich weiß natürlich, dass er wahrscheinlich da sein wird. Und ich spüre auch tief in mir den (perversen) Wunsch, ihn zu sehen.

Ich glaube, das ist der Wunsch, dass alles doch noch gut wird. Dass der Traum, dem ich da jahrelang nachgejagt bin, sich dennoch erfüllt. Dass meine Gedanken und Gefühle zu Ted aus den letzten Monaten und Jahren sich als falsch erweisen und alles gut wird. Kurz: Dass ein Wunder passiert. Aber genau deshalb treffe ich mich ja mit Louise.

Tatsächlich war Ted am Pier. Er setzte sich neben mich und versuchte, mit mir zu sprechen, aber ich war sehr kurz angebunden. Er hat eine große Grenze überschritten, als er mich küsste, wie ich schon sagte, für mich hat seine Abschluss der Beziehung, der Kuss, die ganze Beziehung in eine „respektlose“ Beziehung verwandelt.

Ted wollte ein Gespräch führen, aber als er merkte, wie kalt ich war, legte er den Arm um mich und sagte etwas, was ich schon wieder vergessen habe. Viel wichtiger war das, was ich fühlte: „Fass mich nicht an“, zischte ich. Ted lachte und wollte wissen, was das sollte. Und so erklärte ich ihm – etwas, wozu ich bisher noch keine Gelegenheit hatte – dass er mit seinem respektlosen Kuss eine wichtige Grenze überschritten hatte und dass er damit, wie oben erwähnt, unserer ganzen Beziehung das Vorzeichen „Respektlos“ aufgedrückt hatte.

Ted lachte. „Da könntest du mich ja gleich Vergewaltiger nennen“, meinte er. Ich nickte. Genau so sehe ich es. Es war natürlich keine Vergewaltigung, aber es war deutlich sexuelle Belästigung. Und es war ja nicht das erste Mal, dass Ted meine Grenzen nicht akzeptiert hatte. „Du hast mich doch zurückgeküsst“, meinte er. „Nein, habe ich nicht“, antwortete ich. Ich habe mal in einem Buch gelesen (oder habe ich es im Fernsehen gesehen?), dass Vergewaltiger oft so reagieren. Sie reden sich ein, dass die Frau es auch wollte. Ich glaube, Ted glaubte das wirklich.

Und so entstand eine neue Diskussion über die alten Themen. Ich weiß, viele hier wird es langweilen, weil wir das Thema schon zich mal durchgekaut haben. Mich langweilt es ja auch. Ich möchte es aber dennoch noch einmal aufschreiben, denn so strukturiere ich mir meine Gedanken für meine Therapiestunde nachher. Wer darauf keinen Bock hat, kann jetzt also aufhören zu lesen, es kommt nicht mehr viel Neues ;-).

Ted erklärte, dass er sich noch nie so um eine Frau bemüht habe und dass er alles getan habe, um den Weg für uns ab April freizumachen. Er sei so stolz darauf, dass er mich nie angelogen habe und dass er mir auch nie fremdgegangen sei.

Beides halte ich für eine Falschaussage, und das sagte ich ihm auch: Ted hat mich möglicherweise nach seinen Standards nicht angelogen, aber er hat mir eben auch nicht die Wahrheit gesagt: Er hat mich lange glauben lassen, dass er getrennt von Delilah ist und dass wir eine Exklusivbeziehung haben. Und fremdgegangen ist er mir auch, schließlich hatte er letztes Jahr irgendwann mit Delilah Sex. Er empfindet das nicht als Fremdgehen, denn es sei ja ausdrücklich erlaubt gewesen, und darüber kann man tatsächlich streiten, denn ich habe die Erlaubnis von vor 4 Jahren nie zurückgenommen, ich war aber bereits 1,5 Jahre vorher davon ausgegangen, dass Delilah und er getrennt sind und dass wir damit eine Exklusivbeziehung hatten, denn er hatte mir von der „Trennung“ erzählt.

Ted wiederholte, dass jetzt alles anders sei und dass wir nun eine exklusive Beziehung führen könnten. Delilah wisse Bescheid. Und ich solle mal genau hinschauen, er wäre ja auch nicht mit einem Bier zum Sonnenaufgang erschienen. Das war mir aufgefallen, auch bei unserer Begegnung vorgestern hatte er kein Bier in der Hand. Aber was soll ich davon halten? Dass Delilah von ihm und mir „wisse“, das erzählt er mir doch schon seit Jahren, und dass er das Trinken nicht aufgeben wird, sagte er mir auch heute Morgen erneut. Was bitte solle denn jetzt „alles anders“ sein, fragte ich ihn. Warum sollte ich ihm jetzt glauben? Darüber hinaus erklärte er mir auch zum x-ten Mal, dass er nicht aus dem gemeinsamen Haus mit Delilah ausziehen würde und dass er sie nicht rauswerfen wollte. Für mich klang das nicht so, als hätte sich irgendwas geändert. Er könne sich kein zweites Haus leisten. Eine neue Arbeitsstelle habe er übrigens immer noch nicht, aber er erwähnte, dass er mit GE-Aktien ziemlich viel Geld verdient habe. Kann sein, er hatte im Dezember 10.000 Dollar investiert, und der Aktienkurs hat sich seither etwa verdoppelt.

Ted betonte erneut, dass er Delilah im Dezember nicht reinen Wein einschenken wollte, weil er ihr Zeit geben wollte, sich an die Situation zu gewöhnen. Das ist ein Punkt, den ich bis heute nicht verstehe. Was ist heute anders als im Dezember? Warum würde es Delilah heute besser wegstecken als vor 4 Monaten? Auf meine wiederholte Frage erklärte Ted, dass er keinen Sinn darin sah, Delilah vor vollendete Tatsachen zu setzen, da ich dann 3 Monate zurück nach Deutschland gegangen bin. Wie ich das interpretieren soll, weiß ich auch nicht. Ich war mit Ted auch dann zusammen, wenn ich in Deutschland war. Er stellte es aber immer wieder als kaum zu ertragenes Schicksal dar, wenn er hier allein ohne mich war und erwähnte auch erneut, dass er es nicht verstünde, warum ich nicht für immer in den USA (mit ihm) leben wollte. Für mich klingt das so, als hätte er nicht gewusst, ob ich im April wiederkomme und dass er deshalb bis April abwarten wollte, wie sich die Dinge entwickeln. Und letztendlich hatte er ja Recht damit, ich habe mich ja getrennt. Das ist übrigens ein Aspekt, der mir immer wieder in den Sinn kommt: Ted traut mir nicht. Weder im Hinblick auf Treue, noch auf Beständigkeit. Ich glaube auch, dass das der Grund ist, warum er sich nicht wirklich von Delilah trennt: Sie hat er sicher, ich bin, wie er sagt,  ein Schmetterling. Er meint das allerdings positiv.

Also, nix Neues. Offensichtlich hofft er immer noch auf eine Chance, dabei habe ich ihm doch schon so oft gesagt, dass es für mich vorbei ist. Aber er fragte auch heute Morgen erneut. Ich erzählte ihm das, was ich Mike vor Wochen schon gesagt hatte, als er mich fragte, was Ted tun muss, damit wir noch eine Chance haben: „Hör auf zu trinken, zieh aus dem Haus mit Delilah aus oder lass sie ausziehen, und dann können wir in einem Jahr reden.“

Und das meine ich tatsächlich. Zurzeit gibt es keine Chance. Wahrscheinlich gibt es nie wieder eine Chance. Aber wenn er wirklich etwas ändert und das auch für mich sichtbar ist, dann können wir mal ausgehen und sehen, was passiert. Ich glaube, dass es so lange dauern wird, bis etwas anders wird.

Denn das warf ich ihm auch heute immer wieder vor: „Es hat sich doch zwischen uns nichts geändert, Ted“. „Es hat sich alles geändert“, beteuerte er. Aber es ist eben für mich nicht sichtbar. Er meinte, ich könne jetzt bei Delilah vorbeifahren und sie fragen, ob sie getrennt seien, und sie würde das bestätigen. Ganz ehrlich? Auch das habe ich schon früher von ihm gehört. Delilah wird auch heute nicht wissen, dass Ted nicht mehr mit ihr zusammen sein möchte. Ich denke, er pokert einfach. Oder vielleicht lebt er auch in seiner Traumwelt und glaubt sich selbst wirklich. Er meinte auch, ich könne jederzeit zu Hause anrufen, auch das Festnetz. Auch das ist nichts Neues. Das letzte Mal, dass ich das versucht habe, ist ziemlich in die Hose gegangen.

Ich warf ihm mehrfach seine Verhaltensweisen während unserer Beziehung vor. All diese Befragungen, die dämlichen „Ja-oder-nein-Fragen„. Die Tatsache, dass ich mich immer wieder verteidigen musste, obwohl ich nie etwas gemacht habe. Ted wies mich wieder darauf hin, dass die anderen ihm ja diese Lügengeschichten erzählt hätten – mag sein, aber ich glaube das gar nicht mehr so richtig. Vielleicht hat er sie auch erfunden und „vergrößert“. Ist aber auch egal, denn es war ja er, der darauf reagiert und und mir das Leben zur Hölle gemacht hat. Ted meinte, das sei jetzt vorbei, er habe sich gebessert. Aber auch das habe ich schon x Mal gehört. Warum soll sich das jetzt geändert haben? Das wird sich, eventuell im Laufe der Zeit, ändern, wenn er keinen Alkohol mehr trinkt und eine Therapie macht. Die Frage aber ist, ob er dann, wenn er Delilah dann wirklich eines Tages reinen Wein einschenkt, nicht noch mehr das Gefühl hat, „irre viel“ in mich investiert zu haben und noch unsicherer, also noch eifersüchtiger wird.

Ted erwähnte, auch ich sei schwierig. Ja, das weiß ich. Ich bin sehr schwierig. Er würde mich aber nicht bitten, mich zu ändern. Ja und? Macht das mich zu einem schlechten Menschen? In diesem Zusammenhang sagte er, dass er er zum Beispiel seltsam fände, dass er mit mir einen „Termin“ („appointment“) machen müsse, um mich zu sehen. Wir hatten häufig darüber gestritten und ich habe mehrfach angenommen, dass er es endlich kapiert hätte. Ich halte es einfach für höflich, mir zu sagen, wann er kommt, denn dann kann ich mich darauf einstellen. Er versteht nicht, warum das so sein muss und tut so, als sei mein Wunsch absolut seltsam. Ich war in den letzten Jahren an einem Punkt, an dem ich das fast selbst schon glaubte. Dann aber erlebte ich, wie Jürgen und Tony mit mir umgingen. Und ich glaube, Teds Unverständnis ist seltsam. So lange ich nicht mit ihm zusammen lebe, ist es nur höflich, wenn er sagt, wann er kommt. Natürlich kann er jederzeit vorbeikommen, aber dann kann es sein, dass ich ihn nicht hier haben will. Was meint Ihr?

Ich brach das Gespräch dann einfach ab indem ich sagte, ich müsste nach Hause fahren. Ted wiederholte, dass es an mir läge. Ich solle ihn anrufen. Ich würde mit jedem Tag, den wir nicht zusammen seien, Zeit verschwenden. Er wäre jetzt endlich frei für mich. Ich wäre „ein Fool“, wenn ich das nicht sehen würde.

So. Ich könnte noch viel mehr schreiben, ich bin noch wirr im Kopf. Aber ich muss jetzt los zu meiner Therapiestunde.

 

Fremdschämen und Peinlichkeiten mit der Mutter

Ich weiß, dass das was mit meinem Verhältnis zu meiner Mutter zu tun hat. Ich gehe am Donnerstag zu meiner Therapeutin (Louise) und werde es dort besprechen. Ich weiß nicht, warum mir meine Mutter so zuwider ist. Es ist besser geworden, eindeutig, sonst wären wir jetzt nicht gemeinsam hier, aber ich finde fast alles, was sie tut, entweder doof oder gar peinlich. Wenn sie mir zu nahe kommt, körperlich oder geistig, empfinde ich es als ekelhaft.

Sie versucht ständig, mir Komplimente zu machen, und das ist natürlich immer ein Problem. Ich habe immer Schwierigkeiten, Komplimente anzunehmen, aber bei meiner Mutter habe ich das Gefühl, dass es grundsätzlich falsche Komplimente sind.

Heute Morgen hatte ich im Haus meine Schlabberbux an… eine uralte, verwaschene  Jogginghose, die überhaupt keine Form hat. Meine Mutter sah mich heute Morgen darin und meinte „Was hast du für eine schöne Hose an, wo hast du die gekauft?“ Wenn ich stark bin, lächele ich nur dazu. Oft muss ich das aber kommentieren: „Das ist eine alte Jogginghose, Mutti, da ist nichts Schönes dran.“ Sie macht mir ebenfalls Komplimente zu meinen letzte Woche lackierten, mittlerweile abgeblätterten Fingernägeln oder den getuschten Wimpern, die einfach nur husch-husch getuscht sind. Heute hat sie mir Komplimente für meine Haut gemacht: Ich habe, wie immer in Florida, zwei dicke, rote Pickel, die so groß wie ein 1-Cent-Stück sind, direkt neben der Nase, und enorm schmerzen. Ich kann meine Haut gerade überhaupt nicht schön finden. Sie macht das, um eine Verbindung zu mir herzustellen, um mich zu erfreuen, ich weiß das. Aber es ist arg ungeschickt.

Wenn wir an den Strand gehen, trägt sie einen mikroskopisch kleinen Bikini. Angeblich ist er eingelaufen (seit wann laufen Bikinis ein?). Sobald sie sich bewegt, rutschen die Brüste raus, und das, was eigentlich die Pobacken abdecken sollte, verschwindet in der Arschritze. Ich würde so einen Bikini nicht tragen, das ist den ganz jungen Mädels vorbehalten. Meine Mutter ist 80. Gestern begegnete uns Mike (der Sheriff) bei seiner Strandpatrouille, und natürlich habe ich ihm meine Eltern vorgestellt. Als meine Mutter angelaufen kam, war mir das regelrecht peinlich. Offensichtlich hat sie sich nicht nur das Gesicht straffen lassen (dass sie regelmäßig Botox verwendet, hat sie letztens zugegeben), sie hat auch neue Brüste, die fast schon obszön aus ihrem zu knappen Oberteil springen. Auch Mike wusste gar nicht, wo er hingucken sollte. Meine Mutter hatte sich von 25 Jahren oder so mal eine schwarze Linie unter die Augen tätowieren lassen (warum man dort eine Linie tätowiert, ist mir schleierhaft), was ihr immer das Aussehen eines verschlafenen Pandas gibt. Mir war die Begegnung peinlich.

Heute waren wir bei Baells Klamotten einkaufen. Ich hatte mir letzte Woche dort ein Kleid mit 40 % Rabatt gekauft, und natürlich wollte sie es auch haben. Sie will immer dieselben Dinge haben wie meine Schwester und ich – Klamotten, Lebensmittel, Krankheiten. Wir fanden das Kleid auch, aber eine Nummer zu groß. Außerdem war es – immer noch 😉 – ärmellos. Sie meinte, sie könne es eh nicht tragen, da sie ja nur Oberteile trägt, die ihre schlaffen Oberarme abdecken. Ja, es ist seit Jahren ein Problem, T-Shirts mit ausreichend langen Armen zu finden, sie verbringt Tage in der Stadt, um ein T-Shirt zu kaufen. (Wie das zu ihrem halbnacktem Herumspringen am Strand passt, weiß ich übrigens nicht.) Ich versuche immer wieder, ihr zu erklären, dass die Oberarme so schlimm nicht sind, meine Güte, sie ist eben 80, was solls? Deswegen sollte sie sich nicht vermummen müssen, gerade hier in Florida. Letzte Woche in Miami lief sie deshalb in einem langärmeligen Flauschpulli herum – natürlich war ihr ewig zu warm. Aber auch heute winkte sie verstört ab, als ich ihr sagte, sie könne ruhig ärmellos gehen. Ich würde das nicht verstehen, sagte sie. Ich solle mal in ihr Alter kommen.
5 Minuten später fanden wir das Kleid jedoch zufällig doch in einer passenden Größe. „Aber was ist mit den Armen, so etwas willst du doch nicht tragen?“, fragte ich sie, als sie es anprobieren wollte. „Du musst mich nicht immer so ernst nehmen“, meinte sie zickig. „Ich bin verspielt“. Ok. Ich biss mir auf die Zunge und ging weg. Letztendlich hat sie das Kleid dann gekauft. Wahrscheinlich wird sie es nicht tragen, aber jetzt hat sie dasselbe Kleid wie ich, nur in einer anderen Farbe, und ist glücklich darüber. Und gut iss.

Meine Mutter bezieht alles auf sich, oft auch auf die Sexualität. Eben im Laden war ein auffallend hässlicher Mann mit Bart. Ich hatte ihn zwei Mal gesehen, er wartete dort geduldig darauf, dass seine Frau fertig wurde. Erst meinte meine Mutter, er würde sie verfolgen, da mein Vater das Kleid, das sie sich ausgesucht hatte, nun schon die ganze Zeit durch den Laden trug und forderte meinen Vater auf, zwischendurch bezahlen zu gehen, damit sie keinen schlechten Eindruck hinterließe. Mein Vater weigerte sich: „Ich stell mich doch nicht zwei Mal an der Kasse an“. Später meinte sie, der Bärtige sei um mich herumschlawenzelt, da er mich interessant fand. Letztens im Supermarkt hatte angeblich ein Kind auf ihre Schuhe gezeigt und laut gelacht. Sie musste dann sofort nach Hause fahren und möchte die Schuhe nun nicht mehr tragen. Ich denke, sie hat da wahrscheinlich etwas missverstanden, aber sie ist davon überzeugt, dass die Schuhe hier unüblich sind und sie deshalb ausgelacht wird (weiße Sneakers). Zu Hause in Deutschland erzählt sie mir immer wieder von Ärzten mit Urin- und Spermaflecken am Hosenschlitz. So häufig, dass ich es nicht mehr glauben kann. Und der ebenfalls 80jährige Nachbar spannt immer, wenn sie sich auf der Terrasse im Bikini sonnt. Überhaupt haben alle nur sexuelle Hintergedanken. „Die Männer sind alles so“, sagt sie gerne.

Und so geht es in einer Tour. Wenn ich stark bin, dann kann ich diese Dinge überhören, übersehen. Aber wenn ich meiner Mutter 2 oder 3 Stunden am Stück ausgesetzt bin und diese falschen Komplimente, diese sexy-hexy Verhaltensweisen einer 80jährigen gepaart mit den immer wieder aus der Hinterhand ausgeteilten Zweifeln an meiner Integrität aushalten muss, dann bekomme ich Kopfschmerzen. Wie heute. Ich wollte nicht mehr mit meinen Eltern Kaffeetrinken – mir war eher nach einem Bier. Ich bin nach Hause gegangen, habe diesen Text geschrieben und werde mich jetzt mit einem Buch ans Wasser setzen.

 

So muss es sein! 

Jürgen rief eben an. Ich hatte ihm von meinem Crossfit erzählt, wie oft ich trainiere und wie die Workouts aussehen, die wir dort machen.

Ted hatte mir damals davon abgeraten, so häufig zu trainieren. Das würde allem widersprechen, was er gelernt habe. Man solle nur jeden zweiten Tag trainieren. Überhaupt solle ich mich nicht so sehr fordern. Er hätte Angst, dass ich mich verletze. Und natürlich hatte er auch Angst, dass mir der Coach zu sehr gefällt… 

Jürgen reagierte genau anders herum. Genau so, wie ich es mir vom Ted erhofft hatte.

Er hat sein Training hochgeschraubt. Seine Ernährung umgestellt. „Ich will ja nicht, dass du trainierter bist als ich, wenn du aus Florida zurückkommst“, meinte er. Und: „Weiter so, hau rein!“.

So muss es sein! Ich kann mich auf einen noch besser trainierten Jürgen freuen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Falls ich ihn dann noch will.