Ohne Panik

Die verflochtenen Bänder

Geschenk

Unsere Bänder hatten sich verflochten, ohne dass wir es uns bewusst waren.

Mein Band ist orange. Flammend und strahlend, aus einer matten, fein gewebten Baumwolle, die nicht glänzt, sondern das Licht absorbiert und die Farbe damit noch voller erscheinen lässt. Ein sehr weiches Material, das so laut leuchtet, dass es ganz automatisch die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sein Band ist aus einem ruhigen Blau, so tief, dass es schon fast violett erscheint, ganz grob gewebt aus flachen, festen Bastfäden. Die Sonne reflektiert sich im dunklen, festen Material, und damit wirkt es so kräftig und eigenständig, dass es auch neben meinem Band unbändig leuchtet.

Es begann, ohne dass wir es merkten. Unsere Bänder flatterten im Wind um uns herum, und wenn er sich an mich lehnte und seinen Kopf in meine Richtung neigte, um meinen Duft besser wahrnehmen zu können, dann berührten sich auch unsere Bänder. Rein zufällig, absichtslos. Genau wie wir streichelten sie sich sanft in der Brise, und jeder zufällige Beobachter hätte sich an diesem ausdruckstarken Farbspektakel erfreut.

Als sich dann jedoch unsere Körper ineinander verwoben, taten es auch unsere Bänder. Vielleicht hatte der morgendliche Wind bei Sonnenaufgang dafür gesorgt, dass sich ein paar zusätzliche Fäden gelöst hatten, vielleicht waren es auch die unruhigen, einsamen Nächte, die dafür verantwortlich waren, dass die Enden ausfransten. Genau wie wir griffen die langen, lodernden Fäden gierig ineinander, verwirbelten sich, verknoteten unsichtbar. Und mit jedem Mal,  dass wir auseinander gingen, spannten sich die Fäden, die winzigen Knötchen festigten sich und bestätigten damit dann nur die Verbindung, die unsere Körper eh schon spürten.

Es dauerte noch eine Weile, bis wir uns bewusst wurden, dass unsere Bänder nicht nur hübsch nebeneinander im Wind flatterten, dass sich Farben und Materialien wunderbar ergänzten, sondern dass die beiden Bänder ohne unser Zutun eine eigene Verbindung eingegangen waren. Dass wir uns durch die Bänder hindurch spüren konnten. Das, was da entstanden war, war wundervoll. Flammendes Orange mit tiefem Violett. Bestimmte Weichheit mit flexibler Härte. Dort, wo beide Bänder miteinander verschmolzen waren, explodierten die Farben. Ein Anblick, der uns beide auf den ersten Blick erfüllte, auf den zweiten dann jedoch nur noch hungriger machte. Wir konnten nicht mehr wegschauen, wollten die Tiefe der Farben in uns einsaugen, genießen, immer und immer wieder. Das stolze Violett alleine reichte nicht mehr, das leuchtende Orange schien fahl, wenn das kontrastierende Violett fehlte, wenn wir nicht sehen konnten, wie beide Bänder ineinandergriffen und die sirrende Sommerluft mit einem jedes Mal noch berauschenderem Farbenspiel bereicherte.

Aber dann, als der Sommer sich dem Ende zuneigte,  wurde das neu verwobene Band auf die Probe gestellt. Wir kehrten zurück in unsere getrennten Leben, an separate Orte, Welten voneinander getrennt. Es war erstaunlich, mit jedem Kilometer, den ich mich entfernte, wurden auch unsere Bänder länger. Die farbenfrohe Verbindung in der Mitte blieb bestehen, blieb unbeeinträchtigt, und statt nach Tausenden von  Kilometern mit einem großen Knall auseinanderzureißen, verlängerten sich beide Bänder wie durch ein Wunder einfach immer nur. Mit jedem Detail, das ich aus seiner Seele erfuhr, schien mein Band zu wachsen, und mit jeder Einzelheit aus meinem Herzen gewann sein Band an Länge. Etwas, was ich nicht für möglich gehalten hatte, war entstanden: Ein über Kontinente reichendes, wundervolles Band, das zwei Menschen miteinander verband.

Aus zwei Bändern war eines geworden. An den Enden fest mit uns verbunden, in der Mitte frei im bunten Farbenrausch im Wind, in der Sonne, über dem Ozean schwingend.

Und dennoch: Wir betrachteten das Band, berauschten uns an den Farben, aber um uns gegenseitig zu spüren, mussten wir das Band festhalten, daran ziehen, die Bewegung des anderen fühlen. Am schönsten sah es aus, wenn es frei im Wind flatterte und nahezu bunte Schatten warf, aber mehr und mehr sehnten wir uns danach, den anderen auch zu fühlen.

So gerne hätte ich einfach nur seinen Körper umschlungen, mich an der Macht seiner Küsse betrunken, während das Band weiter unbeschwert in der Brise flatterte, aber er war so weit weg. Seine Berührungen waren nicht mehr als brennende Erinnerungen, orange und violett gefärbt, voller berauschender, aber immer weiter verblassender Farben.

Und so zog ich an dem Band, und er reagierte.  In der Ferne konnte ich das violett-orangene Feuerwerk unserer Verbindung tanzen sehen, es war nicht mehr der Wind über dem Ozean, der die Bewegung des Bandes bestimmte, sondern er war es, am anderen Ende, eine Welt von mir entfernt. Das Band war straff gespannt, so straff, dass ich ihn fast atmen spüren konnte. Ein erfüllendes Gefühl. Die violette Reflektion seines Bandes auf meinem Orange beleuchtete meine Erinnerungen, die Farben kamen zurück.

Natürlich reichte es nicht. So wie seine Küsse nie gereicht hatten, so wie auch seine Umarmungen immer viel zu kurz gewesen waren, so verblasste die Reflektion seines Violetts auch dieses Mal wieder auf meinem orangefarbenen Band. Ich konnte es in der Ferne flattern sehen, ich wusste auch, dass aus dem Orange ganz weit da hinten, wo ich es nicht mehr sehen konnte, ein königliches Violett wurde, das sich nach meiner Farbe sehnte, aber ich konnte es nicht spüren.

Die farblose Haltlosigkeit verschwand, wenn ich mich einfach ein wenig in die wohlig sonnige Wärme meines eigenen Bandes schmiegte. Es war so lang geworden, es konnte mich wunderbar umhüllen. Nur auf Dauer war das orange Band allein nicht mehr genug. Ich sehnte mich nach der Verbindung von Violett mit Orange, von seiner hungrigen Härte mit meiner durstigen Weichheit.

Also zupfte ich wieder an meinem Band. Als Erwiderung tanzte er, am anderen Ende der Welt, erfreut durch den Wind, und seine Bewegungen kamen als sattviolett reflektierende Vibrationen bei mir an. Und wieder war das Band gespannt. Wir spürten uns, und das erfüllte für einen kurzen Moment lang unsere Herzen.

Wir konnten jedoch beobachten, dass das fest gespannte Band im Wind litt. Jedes einzelne Zupfen und Zerren strapazierte es, die violetten und die orangenen Fasern dehnten sich und verloren damit ein wenig an Brillanz. Vielleicht hätte auch der Wind alleine dafür gesorgt, dass es hier und da ausfranste, aber je mehr wir zupften, umso schärfer fraßen auch die Elemente an ihm.

Ab und zu riss einer der äußeren Stränge, aber auch wenn die Reaktion auf unser Zupfen ab und an nicht mehr so deutlich zu spüren waren und uns das schmerzte, so hielten die orange-violetten Verzwirbelungen in der Mitte stand. Die Farben verblassten, das Material wurde rauer, aber das Band hielt.

Und dann kam der Moment, an dem sich das Band wieder zusammenzog, als wir uns Monate später – über die Kontinente hinweg – annäherten. So eng zusammengerafft multiplizierten sich die Farben des Bandes erneut. Das lange Band, das uns über die Kontinente verbunden hatte, hatte zwar im Laufe der Zeit an Brillanz verloren, aber mit jedem Millimeter, den wir uns aneinander annäherten, konzentrierten sich die Kraft der Farben und die Stärke der Fäden. Und als wir uns dann tatsächlich gegenüberstanden, als ich meine Hand vorsichtig auf seine Brust legte und er mich zu einem Kuss sanft zu sich zog, als sich unsere Körper erkannten und wir uns in unserer ganz eigenen Umarmung umschlungen halten konnten, hatten sich die separaten Fäden des Bandes so eng zusammengezogen, dass sie wie eine Essenz des alten Bandes, das uns all die Monate über den Ozean verbunden hatte, aufleuchteten.

Nicht nur unsere Körper verschlungen sich, sondern auch die Bänder flatterten erneut wie in einem wilden Tanz um uns herum, wickelten uns ein, wärmten uns, ließen uns strahlen.

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