Ohne Panik

DVD-Tipp: Ab in den Süden – Sex oder Liebestourismus?

Als ich kurz vor Weihnachten zum Schnäppchenpreis zu einer DVD mit der Bezeichnung „In den Süden“ griff, wusste ich nicht, welches Schätzchen ich da in meinem Einkaufskorb legte. Ich sah nur die Hauptdarstellerin Charlotte Rampling, die Tatsache, dass die Handlung in Haitu spielte und ich nahm zur Kenntnis, dass es irgendwie um Sextourismus ging. Sextourismus für Frauen, versteht sich. Da ich selbst schon einmal in Haiti war, da ich Charlotte Rampling als Schauspielerin sehr zu schätzen weiß und da ich mit dem Thema „Sextourismus für Frauen“ bei meinen eigenen Reisen schon in Berührung gekommen bin, z.B. in Kuba und Kenia, hat mich der Film interessiert. Letztendlich ging es für mich dann beim DVD-Gucken um viel mehr als das Thema Sextourismus. Es ging auch darum, wie ich mit Männern aus Kulturkreisen, in denen sich Männern reichen Touristinnen anbieten, umgehen. Mein aktueller Lover Alejandro kommt aus so einem Land, und so ist das Thema für mich gerade mal wieder brandaktuell.

Es geht um die attraktive Brenda, eine Frau um die 50 (die natürlich vie-hiel älter ist als ich ;-)), die in das Karibikparadies Haiti kommt, um dort Urlaub zu machen. Sie erhofft sich nicht nur Erholung am Strand, sondern sie wünscht sich auch, den Einheimischen Legba wieder zu sehen. Sie hat den jungen Mann vor 3 Jahren, als er noch 15 Jahr, dort kennen gelernt und tatsächlich ihren ersten Orgasmus mit ihm erlebt.

Als sie im Hotel ankommt muss sie feststellen, dass Legba bereits von Ellen vereinnahmt wurde. Sie gerät in eine Clique aus Frauen, für die es ganz normal scheint, junge Einheimische als Lustsklaven auszubeuten. Die Frauen sind nicht dumm, sie wissen, dass sie mit Essenseinladungen, Geschenken und letztendlich auch Geld für diese Dienstleistungen zahlen, aber sie sehen großzügig darüber hinweg, um sich der Illusion der Liebe ganz hingeben zu können.

Ellen, Brendas „Konkurrentin“,  scheint zunächst hart. Sie ist tonangebend in der Frauenclique und gibt vor,  ihre Beziehung zu Legba ganz nüchtern als das zu sehen, was es ist: ein beidseitiges Nehmen und Geben. Erst in dem Moment, als sich Legba auch mit Brenda verabredet, merkt sie, dass sie sich in Legba verliebt hat. Brenda hingegen wirkt erschrocken, als sie sieht, dass sich der 15-jährige Knabe in eine Art männliche Edelhure für alte, reiche Amerikanerinnen verwandelt hat. Erst nach und nach gelingt es ihr, darüber hinwegzusehen und ihre Romanze tatsächlich zu genießen.

Beide Frauen buhlen um Legbas Gesellschaft, um seine Zärtlichkeit, letztendlich wohl um seine Liebe. Legba hingegen genießt die Zärtlichkeiten ganz nebenbei, für ihn ist die Verbindung zu diesen Frauen jedoch ganz eindeutig ein Geschäft, das jedoch ins Wanken gerät, als die Frauen sich verlieben und somit immer mehr in seine Welt einmischen. Legba bleibt gar nichts anderes übrig, als sich nach und nach von beiden Frauen zurückzuziehen.

Der Regisseur, Laurent Cantet, erklärt in einem Interview im Bonusteil der DVD, dass er es bevorzugen würde, wenn das Thema des Filmes nicht als Sextourismus, sondern als Liebestourismus bezeichnet würde. Ich habe mich ein wenig gewundert, als ich das hörte, denn das hinterließ bei mir den Eindruck, dass der Regisseur selbst seinen eigenen Film nicht so recht verstanden hat.

Für mich ist genau diese Diskrepanz Thema des Films. Es geht um die Verwechselung von Sex mit Liebe, um den Wunsch nach Zuneigung und Nähe, der so groß ist, dass die Frauen bereit sind, sogar dafür zu zahlen. Die Frauen gehen ganz unterschiedlich damit um. Während Ellen selbstbewusst und stolz versucht, ihre Affäre mit Legba ganz nüchtern zu betrachten und sich nicht eingesteht, dass es sich um mehr als ein Geschäft handelt, kann Brenda die männliche Nähe nur genießen, indem Sie sich verliebt, indem Sie versucht in Legbas Welt einzudringen.

Die Schizophrenie, mit der alle Frauen zu kämpfen haben, ist ehr überzeugend dargestellt. Charlotte Rampling gelingt es perfekt, die distinguierte Dame darzustellen, deren Welt dann doch im Laufe der Erzählung ins Wanken gerät. Karen Young als Brenda hingegen gelingt es trotz ihres fortgeschrittenen Alters (knapp 50) ausgezeichnet, uns sowohl durch ihr körperliches Auftreten als auch durch ihre Handeln und Denken eine gewisse naive Jugendlichkeit zu präsentieren. Schade, dass ein Teil der Interaktion zwischen den Frauen durch die Interviewstruktur des Filmes verloren geht, beide Schauspielerinnen wären sicherlich glänzend in der Lage gewesen, ihr Dilemma statt durch Erzählungen durch reine schauspielerische Leistung zum Ausdruck zu bringen.

Gut finde ich, dass sich der Regisseur nicht an den moralischen Aspekten wie Rassismus, Sex mit Minderjährigen, Prostitution aufhält. Diese Themen sind deutlich vorhanden, werden jedoch nicht beurteilt. Diese Problematiken werden nicht beschönt, sie werden dort, wo es nötig ist, jedoch beleuchtet. So gibt es eine Szene, in der ein noch sehr junger „Nachwuchsgigolo“ mit Brenda tanzt, erst Legbas Reaktion auf die Schmuseversuche des Kleinen weist den Zuschauer darauf hin, dass das, was hier versucht, gar nicht so normal und süß ist, wie es dargestellt wird. Dennoch verzichtet der Regisseur darauf, weiter mit einem erhobenen Zeigefinger auf den Sachverhalt einzugehen.

Schade hingegen ist, dass der politische Aspekt viel zu kurz kommt. Der Zuschauer sieht zwar Filmsequenzen aus Haiti, diese bleiben aber unwichtige Rand- oder Zwischenhandlungen und tragen nicht wirklich zum Fortschreiten der Geschichte bei. Da versucht ein einheimischer Vater zum Beispiel zu Beginn des Filmes am Flughafen, seine Tochter an Touristen wegzugeben, um ihr so ein schöneres Leben zu ermöglichen. Diese Szene ist bedrückend und spiegelt deutlich die Not wider, die ich selbst in Haiti, aber auch z.B. in Kuba erleben konnte, sie bezieht sich aber in keiner Weise auf den Rest des Filmes. Auch Legbas Jugendfreundin und ihre Not im Regime von „Baby Doc“ werden dramatisch dargestellt, letztendlich sind sie jedoch ohne Auswirkung auf die Gesamthandlung. Ich hätte mir gewünscht, dass der Film mir mehr über Haiti und die tatsächlichen Handlungsmotive der einheimischen Charaktere vermittelt.

Ich war selbst in Haiti, Kuba und Kenia, in Ländern, die von Frauen mit dem Ziel „Sextourismus“ bereist werden. Ich habe gesehen, wie ältere Frauen mit blutjungen knackigen Einheimischen Händchen haltend über die Straße liefen und fand das beklemmend. Ich bin selbst von kenianischen „Beach Boys“ angebaggert worden, die mir ihre sexuellen Dienstleistungen unter dem Deckmäntelchen der Liebe dennoch gegen Bezahlung anboten, in Kuba erklärte mir jeder 3. Mann die Liebe, wobei mir jedoch zu jederzeit klar war, dass er nur sich und seinen Körper verkaufen wollte.

Mein aktuelles „Aventura“ Alejandro stammt ebenfalls auf einem Land, in das deutsche Frauen gerne reisen, um sich dort knackige Männer auszusuchen, und ich bin mir bewusst, dass seine Herkunft und Erziehung ebenfalls eine Rolle in unserer Beziehung spielt. Um nach Deutschland zu kommen, musste er eine Deutsche heiraten, und egal, ob damals Liebe oder Berechnung im Spiel war, er hat immer damit zu kämpfen gehabt.

Der Film schildert die Motive der Männer und Frauen in diesen Ländern deutlich und regt zum Nachdenken an. Er versucht zu zeigen, was in den „Anbietern“, aber auch in den „Verkäufern“ vorgeht. Er bietet jedoch keine Lösung an.

Ich empfehle den Film allen Frauen, die jemals mit Männern aus Ländern zu tun haben, in denen es Sextourismus für Frauen gibt. Mich hat er tief beeindruckt.

Informationen von Amazon:

  • Titel: In den Süden
  • Originaltitel: Vers le sud
  • Erscheinungsjahr: 2005
  • Regie: Laurent Cantet
  • Darsteller: Charlotte Rampling, Karen Young, Louise Portal, Ménothy Cesar, Lys Amboirse, Jackenson Pierre Olmo Diaz, Wilfired Paul
  • Laufzeit: 104 Minuten
  • Sprachen: Deutsch, Französisch, Englisch
  • Untertitel: Deutsch
  • Freigabe: FSK 12
  • Bonusmaterial: Interview mit dem Regisseur Laurent Cantet, Trailer, Alamode Film Trailer Show
  • http://www.alamodefilm.de
  • Preis bei Amazon: 13,99 Euro

Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=5TC8q5lSkp0

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